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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-27 · 17 (27.4.1895) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
17 (27.4.1895)
Date
1895-04-27
Page
Seite 263 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17. JefcHrrrun. Seite 268. triumphieren, Stillstand in geistigen Dingen bedeutet Rückschritt - - das alles erkannten sie und danach handelten sie. _ Sie machten sich mit Feuereifer alle neuen Ideen in Wissenschaft und Kunst zu eigen. Ihre fähigsten Köpfe stellten sie als (belehrte, oder als praktische Ausbeuter der Wissenschaft, ihre Talente, auch die kleinen und kleinsten, als Schriftsteller und Künstler in den Dienst der modernen Ideen. Und was war die Folge? Eine ungeheure Steigerung ihrer Macht.- Richt genug damit, das; sie den größten und einflußreichsten Teil der Presse in ihre Hände brachten und dadurch eine oft uns, ihrem Wirtsvolk, sehr unangenehnr fühlbare Gewaltherrschaft auszuüben vermochten, nein, sie wußten sich auch innerlich durch ernstes Erfassen der eigentlich modernen Kul-' turansgaben so zu bereichern, daß der alte, billige Spott über ihre aalglatte Geschmeidigkeit und skrupellose Findigkeit nunmehr schon übel angebracht erscheint gegenüber der von kleinem Vorurteil mehr zu bestreitenden Thatsache, oaß sie wirklich bereits auf fast allen Gebieten die eigentlichen Träger dieser modernen Kultur geworden sind. Schaut euch nur ein wenig um in unfern geistigen Zentren: außerhalb der erklusivsten aristokratischen Kreise spielen die Juden überall die erste Rolle. Ihre Beteiligung oder Richtbeteiligung ist so gut wie entscheidend für alle neuen Bestrebungen ans dem Gebiete der Kunst wie der Wissenschaft. Und es sind wahrlich nicht nur die oberflächlichen oder gar närrischen Ausgeburten der frivolen Blöde, die sie durch ihre Gunst unterstützten, sondern auch die ernste, tiefaufwühleude Arbeit der wirklich bedeutenden führenden (Geister. Weltbewegende, neue Gedanken sind von ihnen freilich nicht ausgegangen, aber stets waren sie unter den ersten, welche die Bedeutung der neuen Gedanken erkannten, sich zu eigen machten und durch geschickte Ausprägung in kleine Münze unter das Volk brachten. Und wenn sie sich einerseits uns oft mißliebig machen durch ein nicht eben verschämtes Auspuffen auch ihrer kleinsten Geister und Talentchen und einmütiges Zusammenstehen im Kampfe gegen alles, was sich ihrer Bl acht zu entziehen sucht, so darf man anderseits auch nicht vergessen, daß unsere ganz Großen auch dann von ihnen anerkannt wurden, wenn sie von ihnen die schlechteste Behandlung zu erdulden hatten. Wagner hat seine glühendsten Verehrer und Vorkämpfer unter den Juden gehabt, obwohl er nie müde geworden ist, seinem Abscheu vor sernitischem Wesen unzweideutigsten Ausdruck zu geben. Unsere deutsche Ariüokratie ist dein Werke Wagners verständnislos, ja mit fadem Spott gegeuübergestanden, bis einige Fürstlichkeiten das Signal zur plötzlichen Gesinnungsünderung gaben. Die Juden haben darauf nicht gewartet, sondern sich vor der siegreichen Macht des Kunstwerks gebeugt, obwohl ihnen der Haß gegen die Persönlichkeit des Künstlers wahrlich nicht zu verübeln geivesen wäre. Auch der neueste große Aufschwung in der Litteratur verdankt ihnen außerordentlich viel. Fast überall waren es Juden, welche die litterarischen Vereinigungen, die freien Bühnen, die ethischen Gesellschaften, sowie die Zeitschriften, welche dieser neuen Geistesrevolution dienstbar sein wollen, gründeten, oder doch wenigstens thatkräftig unterstützten. Die semitische gebildete Jugend insbesondere strömt scharenweise allen Unternehmungen zu, welche bestimmt sind, dem guten inodernen Geiste Bahn zu brechen, und zwar wohlgemerkt auch solchen, bei welchen durchaus nichts zu verdienen ist! ES giebt heute schon nicht wenige jüdische Fanlilien, in denen sich nicht nur reicher Besitz, sondern auch schon geistige Kultur durch Generationen fortgeerbt und den widerlichen Schacher- und Mauschelgeist der Vorfahren so gründlich zerstört haben, daß man, bis auf einige äußerliche Rassen,nerkinalc, zwischen den Abkömmlingen dieser neuen und denen unserer alten, germanischen Aristokratie kaum noch einen Unterschied wahrnehmcn dürfte. Und lassen wir die Dinge so weiter gehen, wie bisher, so wird ganz sicher diese jüngste semitische Aristokratie, einfach weil der neue Geist iu ihr mächtig ist, unsere germanische an die Wand drücken, bis ihr gänzlich der Atein ausgeht." Ein N«s aus dem Elsaß. x Straß bürg (Elsaß), 22. April. Mit aufrichtigem Interesse verfolgen wir hier den Kamps um das Recht der Schwachen, der in der jüdischen Grmeinde Berlins entbrannt ist, und mit unsren besten Wünschen begleiten wir das Vorgehen derer, die sich emanzipieren wollen von dem Einfluß derjenigen Vertreter, die „das Ruder in Händen halten, es aber nicht führen". Ein „Jascher Koach" dem mutigen Manne, der in Ihrem vortrefflichen Blatte den Kamps eröffnet und ohne viel Federlesens tieseingewurzelte Schäden blosgelegt hat. Ein „Jascher Koach" diesem Manne besonders deshalb, weil sein Vorgehen zur Nacheiferung anspornt, weil er in unsrer Stadt Nachahmung gefunden hat. In Ermangelung eines hier verbreiteten jüdischen Organs ,nüssen wir allerdings zit der politischen Presse unsre Zuflucht nehmen, allein wir thun dies ohne Scheu, indem wir der Ueberzeugung sind, daß rechtlich gesinnte Andersgläubige uns nicht mißverstehen und die uns Uebelwollenden sich nicht kümmern um eine „Machloka leschem schamajim", um einen Streit zu Ehren unsrer Religion. Den Reigen eröffnete das beiligende „Eingesandt", das ich an die hiesige „Post" gerichtet und welches von dieser bereitwillig ausgenommen wurde; weitere Artikel werden folgen, und zwar so lange, bis es hierzulande anders und — besser wird Das „Eingesandt" in der „Post" wird vielleicht auch außerhalb der Reichslande Interesse erregen, und darum bitte ich um Veröffentlichung desselben. Es lautet: „Für den Kultus der Israeliten Frankreichs wurden im Jahre 1808 verschiedene gesetzliche Bestimmungen getroffen und in den Jahren von 1844 bis 1862 teilweise abgeändert und ergänzt. Rach diesen Bestimmungen wurden für Elsaß-Lothringen in Metz, Straßburg und Colmar Konsistorien errichtet, welche dem Zentralkonsistorium in Paris untergeordnet waren. Die Befugnisse des Zentralkonsistoriums wurden nach dem Kriege im Jahre 1872, soweit solche die Staatsaussicht betrafen, in Elsaß - Lothringen den Bezirkspräsidenten übertragen, im übrigen den Bezirkskonsistorien. Die Konsistorien bestehen aus dem Oberrabbiner und sechs aus den Mitgliedern des betreffenden Bezirks auf acht Jahre gewählten Laien, welche alle vier Jahre zur Hälfte sich zu erneuern haben. Dem Konsistoriuin untersteht die Verwaltung und Aussicht über die Bezirkssynagogen, sowie über die Anstalten und Vereine; ferner stellt dasselbe die Ordnung für die Ausübung des Kultus in den Synagogen her. Sodann hat das Konsistorium die Gemeinderabbiner und Vorsänger zu ernennen. Dies waren die hauptsächlichsten Befugnisse des Konsistoriums. In dieses Konsistorium wurden bis jetzt stets als sehr vermögend bekante Persönlichkeiten gewählt, ohne Rücksicht daraus, ob dieselben auch innnerlich die Befähigung hatten oder nicht. Von den Verhandlungen dieser Körperschaft

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