Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 17 (27.4.1895)
- Date
- 1895-04-27
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608552--0390-9608554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 262. Deftyirrun. Nr. 17. werden: die Vertreter der (Gemeinde aber, die Mann für Mann di«' Dinge kennen, ahmen — um nicht ein weniger appetitliches Gleichnis zu wählen — das Gebühren des Vogels Strauß nach. Sie erreichen damit, daß nieinand aus ihren Mienen zu erkennen vermag, ivelchen Eindruck die jüngsten Vorkommnisse aus sie geiuacht haben, und daß die Gemeinde daraus angewiesen ist, physiognomische Betrachtungen an ininder edlen Körperteilen ihrer Erwählten anzustellen. Es wäre unbillig, die Repräsentanten wegen ihrer Hebung in der Tugend der Verschwiegenheit zu tadeln, wenn nicht der Exzeß dieser Dugend das Recht der Gemeinde beeinträchtigte, von dem Stande ihrer eigenen Angelegenheiten unterrichtet zu werden. Dieses Recht aber darf nicht verkümmert werden, denn es ist Grundlage und Voraussetzung der notwendigen Kontrolle darüber, ob die Erwählten der Gemeinde in thatsächlicher Uebereinstimmung mit ihren Wählern sich halten,^ ob sie das Vertrauen sortgesetzt rechtsertigen, aus Grund dessen sie mit dein Mandat ausgestattet sind, im 'Namen der Gemeinde zu reden und zu handeln. Ruht dieses Recht, so fehlt die Möglichkeit dauernder Fühlung zwischen Wählern und Gewählten, und am letzten Ende geht das Bewußtsein der Verantwortlichkeit bei den Gewählten verloren. So ist es auch wirklich gekommen. Aus der Repräsentanz der Gemeinde ist ein Konventikel geworden, in dem allmählich die Meinung Herrschaft erlangt hat: die kollegiale Rücksicht sei oberstes Gesetz, und in erster Reihe hätten die Repräsentanten die Ausgabe, nach außen als ein einig Volk von Brüdern zu erscheinen. 'Nun ist es unfraglich sehr schön, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen. Wenn aber die Brüder Verwalter und Vertreter von Interessen anderer sind, so ist ihre Eintracht nur da löblich und wohlthätig, ivo sie aus öffentlichein und und rückhaltlosen, im Notfälle auch rücksichtslosen Meinungsaustausch sich ergiebt, nicht wo sie aus einer Nachgiebigkeit entspringt, die schwächlich erscheinen nruß, weil sie nicht öffentlich begründet worden ist. Sicherlich sind unsere Repräsentanten charakterfeste Männer, die genau wissen, was sie wollen und was sie sollen. Da sie aber insgeheim tagen, beraten und beschließen, da sie nach außen in neidenSwertem Korpsgeist nur ihre Solidarität betonen — wie kann man sie von einander unterscheiden? 'Noch ein Mal: unsere Erwählten sind vortrefflich — aber man kann es ihnen nicht beweisen. Die wackeren Männer stehen sich damit selbst im Licht. Das wäre unter allen Umständen bedauerlich, aber immer noch erträglich. Unerträglich jedoch ist es, daß sie dabei auch der (Gemeinde im Lichte stehen und den falschen Schein schaffen Helsen, als dürfte der Gemeindevorstand in allen seinen Maßnahmen sich der Zustimmung der Repräsentanz rühmen, als ob, was immer geschieht und unterbleibt, nach dem Wunsche der erwählten Gemeindevertretung geschähe und unterbliebe, als ob die Repräsentanten dein Vorstande unbedingt und immer folgten, mag er hier bei Eröffnung einer Religionsfchule salbungsvoll die Notwendigkeit der Erhaltung jüdischen Lebens betonen, mag er bei einem anderen Anlaß nicht minder salbungsvoll erklären, daß in der Preisgebung der Eigenart die wahre Fortbildung der Ueberlieferung liege. Gerade wegen dieser Heimlichkeit ist es notwendig geworden, den Streit zu führen, den ich an dieser Stelle begonnen habe, und ihn so zu führen, wie ich ihn führe. Darum kanu es mich auch nicht irre machen, daß mehr oderminder deutlich der Vorwurf gegen mich erhoben wird, ich thäte Unrecht, so grelles Licht aus die vorhandenen Schäden zu werfen. Ich habe an dem Anblick dieser Schäden wahrlich keine Freude. Aber die Sorge wegen der Schadenfreude, die unser aller Feinde empsinden möchten, kann mir die größere Sorge um die Heilung der Schäden selbst nicht verscheuchen, ^denn die Heilung ist nicht möglich, ohne daß man die Schäden im ganzen Umfange erkannt hat. Hätte man nicht so viel verheimlicht, ich hätte nicht so viel nuszudecken. Schon ein Mal habe ich an dieser Stelle betont, daß für mein Vorgehen niemand verantwortlich ist, außer ich selbst, daß niemand daran teil hat, außer ich selbst. Ich wiederhole diese Versicherung namentlich zum Schutze der Lauen und Leisetreter, denn ihnen am wenigsten gönne ich es, ineine Kampfgenossen zu heißen. 'Nach beendetem Streit, nach erlangtem Siege, das weiß ich, werde ich sie an dem Tische sehen, den nicht sie gedeckt haben, und ihr wohlwollendes Schulmeistern vernehmen. Bis dahin aber mögen sie des Mutes besseren Teil, die Vorsicht üben. Ich bin eine militante Ralur, und nur Gleichgestimmte sollen mit mir ziehen. Wer schwachherzig ist, bleibe außerhalb des Lagers, wie Mose's Feldordnung vorschreibt; die Früchte des Sieges sollen ihm darum nicht vorenthalten werden. Allein die Beherzten sollen mit mir vorwärts gehen nnd mit mir den Ruf richten an die Männer, die unsere Vertreter heißen: „Wir fordern Rechenschaft — legt Rechenschaft uns ab!" t »on Wohogeii iitttr dir „MkiilrW". Freiherr Ernst von Wolzogen, der bekannte Dichter, hat in seiner Broschüre gegen die Umsturzvorlage, betitelt: „Linksum kehrt schwenkt —Trab!" auch zur Judenfrage das Wort ergriffen. Ist er auch unvergleichlich mehr Edelman als Junker, so beweist doch seine Broschüre, daß die antisemitischen Schlagworte auch bei ihm zarte Spuren zurückgelassen haben. Namentlich ist die Jntentisizierung von Judentum uud Geldaristokratie verfehlt. Abgesehen hiervon, steckt in der Wolzogen'schcn Broschüre doch soviel Unbefangenheit, daß wir die betreffende Stelle hier widergeben. Er redet die Adligen wie folgt an: „Ich will euch ein Beispiel geben, an dem ihr handgreiflich bestätigt findet, wie sehr ihr euch geschädigt habt, indem ihr den Anschluß an die neue Zeit versäumtet. Seht die Juden an! Warum ärgern sie euch so sehr? Weil sie bereits da sind, wo ihr so gern sein möchtet und wo ihr von Vernunftswegen auch sein solltet. Warum stellt das Judentum heutzutage nicht nur die Geldaristokratie, sondern fast auch schon die Geistesaristokratie dar? Einfach, weil es sich aus seinen Vorteil verstand. Als es mit der feudalen Herrlichkeit vorbei war und der dritte Stand an die Stelle des zweiten einrückte, inn die ekelhaste Aera des Kapitalismus zu begründen, da machten die Juden von ihrer eben errungenen Freiheit den allervernünftigsten Gebrauch, indem sie sich aller der (Geschäftszweige bemächtigten, bei denen das meiste Geld zu verdienen warst?) Und als sie einen unverhältnismäßig großen Teil unseres Nationalvermögens in ihren Taschen hatten, gewannen sie Muße, sich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen. Da sie gegen die Vergangenheit keine Verpflichtungen hatten, so hielten sie sich an das Leben und den Geilt der Gegenwart. Der lebende hat recht, das Junge muß über das Alte '^äiÜ ... _