Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- Seite 257 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1(>. I e s <H r» r u n. Seite 257. Scheidende die festlich geschmückte Synagoge, um von der Statte, die, wie er sagte, ihm ans Herz gewachsen sei, Abschied zu nehmen, wobei er, zur Thora ausgerusen, beim Mischebberach 1000 M. spendete, nachdem er kurz vorher /00 M. der Gememde geschenkt hatte. — Daß das Scheiden des Herrn Rechtsanwalt Guttfeld aus unserer Stadt nicht allein unsere Gemeinde, sondern auch die hiesige Bürgerschaft überhaupt auss tiefste bedauert, geht zur Genüge aus dein Umstande hervor, daß beim Abschiedsmahle, das die angesehensten christl. Mitbürger ihm zu Ehren veranstalteten, unser Bürgermeister, der sich nicht gerade als Freund des Juöentums ansgiebt, und der sonst dem Herrn Rechtsanwalt Guttfeld wegen 'einer politisch freisinnigen Richtung sowie seines energischen Eintretens für die Interessen des Judentums sehr feindlich gesinnt war, es offen bekennen mußte, daß die Verdienste des Scheidenoen um unsere Stadt sehr viele seineil, für die er ihm im Namen der gesamten Bürgerschaft öffentliches Lob und wohlverdienten Dank zollte. S. K. * St. Aus Amerika. In SanFraneiseowird in deil dortigen Blättern die Frage stark ventiliert, ob junge Israeliten sich den christlichenIungmänner-Gesellschasten anschließen mögeit, ohne dadurch in Widerspruch mit ihrem Religionsbekenntnis zu geraten, indem sie blos von den Gelegenheiten Gebrauch machen, welche diese Gesellschaften für die Entwickelung körperlicher Ausbildung lind für Geistesbildung durch geeignete Vorträge bieten. Dr. Vorsänger, Rabbiner der Emann- El-Tempel-Gemeinde daselbst, tritt für die völlige Freiheit junger Israeliten in die Schranken und macht geltend, es fei durchaus nicht notwendig, daß sie auch an den christlichreligiösen Uebungen teilnehmen. Die jüdischen Jungmünner- Gesellschasten, welche in amerikanischen Städten seit einer Anzahl von Jahren in's Leben gerufen ivurden und welchen die Absicht unterlag, es den christlichen Gesellschaften nachzumachen, haben im großen'und ganzen Fiasko gemacht. Sie fanden die Unterstützung nicht, welche die christlichen Glaubensgenossen ihren Gesellschaften zu teil werden lassen, sie sind eben eine erotische Pflanze und die gedeiht nur sehr schlecht aus fremdem Boden. Die christlichen Organisationen sind da, um Propaganda für die Religion zu machen, und der Jude hat es stets vermieden, dies zu thun. Freilich liegen die Verhältnisse heute anders, als früher: Das Heim, die Familie ist nicht mehr derselbe Nährboden, der er früher war, nur die angestammte Religion den Gemütern der auswachsenden Jugend einzupslanzen, die Beobachtung der Zereinonialgebräuche hat zum großen Teil auf gehört, die Heiligung des Sabbat ist in vielen Häusern geschwunden; ivie soll da die junge Welt in die Schätze der jüdischen Rational-Litteratur eingeweiht, wie sollen sie mit Liebe für den Glauben entflammt werden, der nur in der oberflächlichsten Weise ihnen bekannt ist! Daher dürften soziale Klubs und Gesellschaften, die neben der Erheiterung, der Erholung, auch einen ethischen Zweck verfolgen, welche die Liebe zu einem höheren Ideal, ja zum Ideal der Religion nähren und pflegen, wohl am Platze sein. — Die Großlüge des Ordens B'nai B'rith hat daher wohl einen guten Griff gethan, indem sie in Verbindung mit dem Orden einen sozialen Klub ins Leben rief, welcher, wenn in der richtigen Weise, mit Umsicht und Vorsicht geleitet, nicht nur den Zeitbedürsnissen entsprechen, sondern auch eine große Masse der jungen Welt als Mitglieder anziehen dürste, welche bis jetzt herumirren, ohne zu missen, welcher Gesellschaft sie sich anschließen sollen, und dann dahin geraten, wo ihre Moral linb ihre guten mitten in Gefahr kommen. Ernste Männer, wie die Leiter der Großloge, stehen an der Spitze der Bewegung und es läßt sich wohl erwarten, daß eine tüchtige Organisation, geschaffen wird. Wenn von Erfolg gekrönt, woran kaum zu zweifeln i|t, ft' wird diese Bewegung in kurzer Zeit in allen größeren amerikanischen Städten, wo der Orden heimisch ist, rasch Nachahmung finden. Kierr tm6 6ort. - Herr Maurermeister S. Weile in Berlin beging am 7. d. Al. sein 2äjähriges Meisterjubilänm. Es wurden dem Jubilar, der in städtischen und anderen Ehrenämtern seit vielen Jahren thätig ist, zahlreiche Ovationen dargebracht. - An Stelle des verewigten Tr. David Rosin soll dem Vernehmen nach Rabbiner Dr. Margolins aus Florenz an das jüdisch-theologische Rabbiner-Seminar in Breslau berufen sein. — Dr. Al. ist der Schwiegersohn des Breslauer Rabbiners Tr. Rosenthal'nnd ein Schüler des Seminars, dem er jetzt als Lehrer angehören soll. - Ein elsässischer Pfarrer teilt der „Straßb. Post" mit, das; der Vater des modernen Antisemitismus in Frank r e i ch, Herr Drnmont, der Enkel eines Herrn Jonas Traumann ans Böchingen sei, eines Israeliten, der nach Frankreich auswanderte nnd den Namen Jonas Tranmann in Jean Drnmont verwandelte. Es ist nicht festenstellen, ob Jonas Tranmann sich hat taufen lassen, wahrscheinlich hat erst sein Sohn, also der Vater des Herrn Drnmont von der „Libre Parole" dies gethan. In Böchingen (Rheinpsalz) leben noch Verwandte Drnmont's, sie schänien sich aber ihres Vetters und verleugnen den sauberen Vogel von der „Libre Parole", - - Drnmont — ein „Jndenstämmling", das fehlte uns noch. — Die „L ibre Parole" ist in Elsaß-Lothringen verboten worden. Der Statthalter ist vermutlich der Ansicht, das; wir in Deutschland keinen Mangel an Antisemiten-Blättern haben. - Ein Beispiel konfessioneller Verträglichkeit hat sich jüngst in Pensacola in Florida ereignet. Dort brannte der Tempel der jüdischen Gemeinde Beth-El ab. Noch während das Feuer wütete, kamen der Geistliche nnd zwei Vorsteher der presbyterianischen Kirche derselben Stadt, um der jüdischen Gemeinde ihre Kirche für den Gottesdienst am Samstag anznbietcn, und die jüdische Gemeinde nahm dies Anerbieten mit Dank an. Es läßt sich begreifen, warum Stöcker in Amerika so geringe Erfolge hatte. Fitteratur. * Die Psalmenausgabe Gladftone's. Die lang angekündigte von Gladftone besorgte Ausgabe der Psalmen^ iw Verlage von John Murray in London ist nun erschienen. Ter Titel lautet: „The Psalter, witli a coneordanoe and other auxiliary matter“. Man hat es hier nicht mit einem kritischen Werke, sondern mit einem hübsch beim englischen Terte des Common Prayer Buches bleibenden Erbauungsbuche zu thun. Dennoch wird das Buch seine Runde dilrch alle englisch sprechenden Länder machen. Dafür sorgt schon der Name des Verfassers. Gladftone's Buch ist eine Jugendarbeit. Schon vor 50 Jahren hat er es in den Grundzügen sertiggestellt und nur im Lause der Zeit hier geseilt und dort hinzugesügt. In der „auxiliary matter“ giebt Gladstone den einzelnen Psalmen Namen. So. nennt er den ersten den „der Gerechtigkeit", den neunzehnten den „über die Schöpfung", den hundertsten den von „Jehova, dem universellen Gott7. Auch ein Register von Psalmen geht dem Leser hilfreich zur Hand.