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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-19 · 16 (19.4.1895) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 254 (sequence 10)
Language
German
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Seite 254. |* e f c£ u r u n. Nr. 16. schlachtet? Sie bat doch bei uns ... in Lemberg die Erziehung genossen". „Hm", erwiderte Ebaje mürrisch und unwirsch, „wer kennt sich aus ... Sie ist eben so gescheidt, — zu gescheidt. Mein Mann bat sie so verhätschelt". — Joses kehrte nach einer Weile zurück und nahm seinen früheren Platz ein. Von seiner Stirn war das Unwetter nicht gewichen, er war verstimmt und nachdenkend. „Wissen Sie, Herr Moses", begann er, „trotz der größten Achtung, welche ich für sie hege, muß ich Ihnen doch sagen, daß Sie sich meiner Tochter gegenüber etwas unpassend benommen haben. Ich habe Sic im voraus davon verständigt, wie delikat und „herrschaftlich" sie erzogen ist, deshalb muß sie auch ein (Gespräch über den Wert einer Kette verletzen und gegen Sie einnehmen. Ein solcher Weg führt nicht zu ihrer Gunst". Herr Moses schüttelte wie mitleidig sein Haupt und erwiderte mit einem gewissen Stolze: „Sie werden schon entschuldigen, daß ich solch ein ernster Mensch bin; jetzt werde ich mich doch nicht mehr ändern. Ich bin weder in den Salons noch in einem Pensionat erzogen worden und meine Jugend habe ich nicht damit zugebracht, elegante Knire oder fade Komplimente zu erlernen ... Ich habe eine strenge Lebensschule durchgemacht, mußte mit dem Hunger, mit der Böswilligkeit der Leute, mit mir selbst und mit verschiedenen Hindernissen kämpfen, ehe es mir gelang, meine gegenwärtige Stellung und ein Jahresgehalt von 1200 Gulden zu erobern. Ich bin nur Geschäftsmann und wenn dies jemand nicht gefällt ..." „Aber, Herr Moses, ich sage Ihnen, ich würde mich ganz glücklich und über das Schicksal meiner Tochter beruhigt fühlen, wenn ich Sie meinen Schwiegersohn nennen könnte. Ich bin sogar ganz mit Ihren Anschauungen einverstanden, nur bitte ich Sie, jetzt wenigstens auf die Erziehung und Gewohnheiten meiner Tochter Rücksicht nehmen zu wollen, denn das liegt in Ihrem eigenen Interesse." — „Gut, lieber Herr Zwiebel, ich bin zwar ein ernster Geschäftsmann, aber ich werde mich überwinden. Tenu Ihre Tochter verdient es!" — „Das ist wahr, sehr wahr! Sehen Sie, es eristieren nicht viele solcher Kinder aus der Welt!" (Fornetzium folgt.) Wochen-Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Der Beobachter. Run ist es endlich an den Tag gekommen, wer der Urheber der Umsturzvorlage ist, — nämlich der Jude! Eiu Antisemitenblatt hat diese Entdeckung gemacht und sie der Welt mitgeteilt. Nachdem nämlich „jüdische Fachblätter" — gemeint ist immer unser Blatt — geschrieben haben, das; man nach Annahme des genannten Gesetzes das Judentum nicht mehr werde beschimpfe)) dürfe», ist der Einfluß der Alliance Jsraelite in der ganzen Vorlage nicht »lehr verkennbar. - Um eines möchte man die antisemitische Presse fast beneiden. Nicht um ihre» „Geist" und ihr Geld, nicht um ihren „Witz" und ihr Wissen, sondern um ihre Leser, die in ihrer Anspruchslosigkeit unvergleichlich zu sein scheinen. Einige Handelskammern und sonstige kaufmännische Vertretungen der östlichen Provinzen hatten sich an die beteiligten Ministerien mit den) Antrag gewandt, bei Zulassung der aus Rußland und dem österreichischen Galizien zuziehenden Juden von dem bisher geübten Verfahren abzugehen und diejenigen, welche als Händler, Kominissionäre, Korrespondenten re. im Interesse des Handels unentbehrlich seien, allgeinein und ungehindert zuzulassen. Aus Anlaß dieser Eingaben sind, der ministeriellen „Berl. Eorr." zufolge, die Gründe, die für das bisherige Verhalten der preußischen Behörden gegenüber den aus Rußland und dem österreichischen Galizien zuziehenden Juden bestimmend gewesen sind, eingehend geprüft worden. Es ist dabei keine Veranlassung gesunden worden, von dem bisherigen Verfahren, wonach eine Prüfung von Fall zu Fall stnttsindet, abzuweichen. Die Interessen von Handel und Gewerbe werden nach wie vor bei der Zulassung ausländischer Inden nach Möglichkeit berücksichtigt werden. * t Aus Oesterreich-Ungarn. Die „diene Fr. Presse" beschäftigt sich in zwei Aussätzen mit der Rolle der jüdischen Wiener Bürger als liberale Wähler. Aus beiden Aufsätzen leuchtet in klarer Weise hervor, von welcher Wichtigkeit jene Wühler sind; was aber jeden überraschen muß, ist die Art, mit welcher die liberale Partei den Juden erklärt, welchen Schaden ihr dieselben durch eine Abftinenzpol'.tik bereiten — ja, nicht ihr, der liberalen Partei allein, sondern auch der Haupt- und Residenzstadt Wien und sogar der ganzen Monarchie. Es wird anerkannt, daß die Abstinenz der Juden bei einer Wahl ein konsternierendes Resultat haben kann, daß „wenn ein Teil der Wählerschaft — im gegebenen Falle der jüdische Teil — so denke, dann müsse die liberale Partei des Gemeinderates den Platz räumen!" Und dann die Drohnung: „Dann werden wir sehen, wie sich die Entwicklung der Stadt und die Schicksale des Einzelnen (also des Inden) gestalten werden!" Ja, hat man sich denn bis jetzt „um das Schicksal des Einzelnen" im Wiener Gemeinderat bekümmert? So oft die Wiener Juden an den Schutz der liberalen Partei gegen den Antisemitismus appelliert haben, wurden ihnen immer ausweichende Antworten gegeben und empörend war die Indifferenz, mit welcher die Liberalen — von den anderen Parteien schon gar nicht zu sprechen — das antisemitische Schimpfen gegen die Juden anhörten. Und wenn schon einmal ein Liberaler das Wort zur Abwehr ergriff, so war es wohl weniger, um die Juden zu schützen, als iveil der antisemitische Redner nicht allein die Inder), sondern auch eine liebe Institution zu besudeln suchte. Würde Rektor Laurenz Müllner seine bekannte Rede gegen Gregorig gehalten haben, wenn dieser sich nicht an die A lma mater gewagt hätte? Natürlich, die den Juden zugeworfenen Brocken waren so spärlich, daß sie, die Bielverhöhnten, arich für den abgeschabtesten Knochen dankbar sein mußten. Die Wiener Liberalen haben geerntet, was sie geiäet haben! — Die Gemeinderatswahlen in Salzburg habe» ebenfalls'mit einer Niederlage der Liberalen geendet. Mit zweie» Ausnahmen gehören die Gemeinderäte nunmehr sämtlich der Antisemitenpartei an. Grund: Rieht etwa die Schlechtigkeit der Juden, sonder» die Schlaffheit der Liberalen. * Regierungs-Intervention in — Bulgarien. Es ist schon wiederholt konstatiert worden, daß der Antisemitisnms die Autorität von Staat und Kirche untergräbt, daß jene Regierung, welche dein Anwachsen der Jude,,Hetzerei geduldig zusieht, ohne rechtzeitig zu derer) Unterdrückung

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