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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-19 · 16 (19.4.1895) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 251 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16. DefrHurun. Seile 251. Bern, Thurgau und Aargatl. Im letzteren Kanton waren sie am zahlreichsten, namentlich in den Städten Endingen und Hengnau, wo vor vierzig Jahren noch zwei große hlühendc Gemeinden bestanden. Die Gesetzgebung gewährte ihnen die weitgehendsten Rechte, so hatten sie ihre eigenen Zivilbehörden. Die Ausdehnung ihres geschäftlichen Verkehrs hat es mit sich gebracht, daß ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung von Hengnau und Endingen nach größeren Städten der Schweiz übergesiedelt ist, so daß die dortigen herrlichen großen Synagogen nahezu verwaist sind. Das religiöse Element ist unter den hiesigen Juden vorherrschend. Sie sind materieller Opfer fähig, lim sich selbst in den kleinsten Orten zu einer Kultusgemeinde zit konftituieren und für alle religiösen Einrichtlingen zu sorgen. So giebt es Gemeinden in Schafthausen, Luzern, Jnterlaken, Langenthal, Olten, Liestal, Solothurn, Neuchatel, Delsberg, Biel, Porreutruy, St. Inner, Freiburg, Yverdon, Lausanne und Avenches, wo der Gottesdienst, wenn auch nicht alltäglich, doch zum iilindesten am Samstag und an Festtagen feierlich abgehalten ivird. Zu den größeren Genteinden, die ihre eigenen Rabbiner und andere Funktionäre haben, und die eine schöne große Synagoge und selbständigen Friedhof besitzen, gehört vor allem Basel mit 270 jüdischen Falllilien. Wenn man bedenkt, daß die Baseler Gemeinde im 14. Jahrhundert wegen der Bruilneilvergiftung gänzlich niedergebrannt und daß deil im 16. Jarhundert neu angesiedelten Juden der Aufenthalt daselbst strengstens untersagt wurde, so kann obige Zahl numerisch nicht llilbedeutend erscheinen. Dank dem segensreichen Einflüsse des jetzigen Rabbiners Dp. Eohn hat Basel eine große israelitische Religionsschule, an der Dr. Eohn und noch zwei Lehrer thätig sind. Außerdem besitzt die Genleinde ein Asyl für Alte und Gebrechliche, einen Frauen- und drei Männer-Ebevroth: Dovertow, Esperanee lind Union, voil denen jede bereits 10,000 Fres. Vermögen hat. Tie Gemeinde-Armenkafte verschenkt jährlich mehr als 10,000 Fres. an Bedürftige aus der ganzen Gegend. Kürzlich ist daselbst ein Fonds zu einein israelitischen Waisenhaus gestiftet worden. Herr Dr. Eohn wird in seinem sroinmen Wirken von Herrn DreysuS - Reumann, der schon seit drei,zig Jahren Präses der Genleinde ist, eifrig unterstützt, so daß dlirch den steten Zuwachs an israelitischer Bevölkerung Basel wieder zur blühendsten Gemeinde der Schweiz werden wird. Große Aehnlichkeit mit Basel hat Baden im Kanton Aargau, was die äußerst streng orthodoxe Richtung des dortigen Rabbiners Dr. Ehrmann und seiner Gemeinde-Einrichtungen betrifft. Bor circa 3<3 Jahren von zwölf Mitgliedern gegründet, zählt heute die Gemeinde Baden ungefähr 50 jüdische Familien, wovon viele der Muttergemeinden Endingen und Leugnau entstammen. Obgleich numerisch klein, ist sie einer besonderen Besprechung würdig, wegen der dort vorherrschenden äußerst orthodoxen Einrichtungen, die das ausschließliche Verdienst des Rabbiners Dr. Ehrmann sind. Ein selbst nur kurzer Aufenthalt in dieser kleinen Stadt, welche, nebenbei gesagt, wegen der dortigen heilkräftigen Wasser von Fremden stark besucht ist, stimmt wahrlich ganz patriarchalisch. In Baden ivird der Gottesdienst nach ganz altem Ritus abgehalten, keine einzige und selbst die winzigste resormatorische Hebung wird dort zugelassen. Sehr witzig begründen sie dies mit dem Hinweis auf ihren Friedenssinn, denn sagen sie, es heißt ja im täglichen Gebete Ossecluulosdios-baal mildjoiuos Sie bleiben also beim Alten, beten Maariu bismamio, haben „Deraschot" anstatt der modernen Predigten, lernen „Schiur" und verfügen über acht „Ehewresft, deren Hauptzweck Ausrechterhaltung der Orthodoxie ist. Daß am Samitag alle jüdischen Geschäfte geschlossen sind, gilt nach dem Vorstehenden als etwas Selbstverständliches. Obgleich Zürich von Baden räumlich nur in sehr kurzer Entfernung ist, so sind die dortigen religiösen Verhältnisse ganz verschieden und stehen im Widerspruche mit Baden. Die Züricher Gemeinde, mit einigen hundert jüdischen Familien, an deren Spitze Rabbiner Dr. Littmann steht, ist freisinnigen Einflüssen zugänglich. Sie haben eine schöne Synagoge mit Orgel und modernem Gottesdienst. Für Religionsunterricht und für das Armenwesen wird in lobenswerter Weise gewirkt. Eine viel ausgesprochenere freisinnige Richtung hat die israelitische Religionsgeuossenschast in St. Gallen. Sie zählt circa 400 Seelen, besitzt einen sehr schönen Tempel, zwei Wohlthätigkeits-Vereine und einen ansehnlichen Unterstützungsfond für hülfsbedürstige Gemeindemitglieder. Um die Leitung und Verwaltung der Gemeindeinterressen haben sich wesentliche Verdienste erworben der seit 23 Jahren an der Spitze der Vorsteherschast stehende Präsident, Herr Emden, und der seit Gründung der Gemeinde dort wirkende Rabbiner Dr. Engelbert, Verfasser der Statistik des Judentums im deutschen Reich und in der Schweiz. Die gegenwärtig gut organisierte Berner Gemeinde, die schon seit ungefähr einem Jahrhundert besteht, hat als Beamten Herrn S. Bloch, dessen sechzehnjährige seelsorgerische Thätigkeit allseitig dankbar anerkannt wird. Ganz besondere Anerkennung wird dem vor einigen Jahren ausgenommenen Rabbiner in Ehaux de Fonds, Herrn Wolf, gezollt, der feines Amtes pflichtgetreu und in sehr uneigennütziger Weise waltet. Nach den aus dem jüdischen Friedhöfe befindlichen Grabsteinen zu schließen, waren schon Anfangs des 17. Jahrhunderts Juden in Gens ansässig. Die Genninde als solche besteht seit nahezu hundert Jahren und zählt etwa 130 jüdische Familien, die zumeist französischen und schweizerischen Ursprungs sind. Bedeutende Verdienste um die Gemeinde und ihre Wohlthätigkeitsvereine hat sich der seit 35 Jahren dort wirkende Grand Rabbiner Mr. Wertheimer erworben, der auch als Professor der Universität für vergleichende Sprachwissenschaften thätig ist. Der Ruf seines Wohlthätigkeitssinns als auch seiner persönlichen Liebenswürdigkeit sind so fest begründet, daß er sowohl von Glaubensgnossen als auch von Christen fortwährend bittlich angegangen wird. Er scheut keine Mühe, wenn es gilt, jemandem behülflich zu fein. Lein Einfluß bei deu Eantonalbehörden als auch bei der Eidgenossenschaft ist ein unstreitbar großer, so daß es ihm allein zu verdauten ist, wenn in Genf, trotz des in anderen Eantonen obwaltenden Schächtsverbotes, nach wie vor ritual geschlachtet wird. Roch eine andere Genfer jüdische Persönlichkeit verdient genannt zu werden. Dies ist Dr. Schrob. Abgesehen von seiner ärztlichen Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit, wodurch er zu den meistbeschästigten Aerzten Genfs sowohl bei Inden als bei Richtjuden zählt, ist er Gegenstand allgemeiner Verebruug wegen seines biederen Charakters, seiner HcrzenSgüte und außerordentlichen Bescheidenheit. Seine Uneigennützigkeit geht soweit, daß er die Armen nicht nur unentgeltlich behandelt, sondern ihnen noch aus eigenem die Mitt'l zur Pflege bietet. Dabei ist er streng religiös, versäumt keinen Gottesdienst und macht am Samsstag und

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