Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- Seite 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 250. e f «H rr r li rr. Nr. Iß. „neue" Aera nicht mehr geeignet; ihre Methoden wurden nicht mehr geduldet; alles sollte geändert werden. Die Vorlesung sollte die Predigt ersetzen. Waren die Vorgänger bestrebt gewesen, die sittlichen Fragen des Einzellebens und der Gesellschaft vom biblischen Gesichtspunkte aus zu behandeln, hatten die neuen Männer, die Herolde einer neuen Aera, eine verfälschte Mischung von Essay erfunden, einen Hexenbrei aller denkbaren und undenkbaren Absülle aus Litteratur, Wissenschaft und Philosophie, zubereitet mit einer Sauce aus schöner Sprache und für den Geschmack einer gewissen Klasse von Pseudo-Liberalen durch vorsichtiges Verlueideu alles, was nach Judentum und jüdischer Litteratur schmeckt, mundgerecht gemacht. Anfangs zog diese 'Neuerung gewaltig. Tie Konkurrenz wurde furchtbar und Reklamemacherei war eine edle Kunst geworden. Jetzt aber trat der Katzenjammer ein. Eine immer wachsende Anzahl von Leuten — sieht ein, daß „hygienische Wasserleitungsanlagen" nichts mit der Religion gemein haben. Die neue Aera hat eine Enttäuschung gebracht. Soll man die Männer dieser neuen Aera dafür tadeln, daß sie sich für verpflichtet hielten, die Bahnen ihrer „alten ausländischen" Vorgänger zu verlassen? Sie hätten nicht Menschen sein müssen, wenn sie den Einflüssen, unter welchen sie sich entwickelten, Widerstand hätten leisten wollen. Daß viele von ihnen dieser traurigen Selbstüberhebung entgingen, ist ein ehrenvolles Zeichen ihres lauteren Charakters und ein Beweis, daß ihre Schule als solche nicht verantwortlich ist für den Chauvinismus und die Eitelkeit, welche den Charakter anderer korrumpiert haben. Uebrigeus sind die eifrigen Anwälte des neuen Ideals durchaus nicht alle Zöglinge einer Schule. Der schlimmste Sünder in dieser Richtung, der mit seinem maßlosen Eigendünkel einen Grad von Unwissenheit über Judentum uud seine Litteratur verbiudet, welche.bei einem Zöglinge des primitivsten Rabbinerseminars undenkbar -wäre, rühmt sich seiner östlichen Bildung. Innerhalb gewisser Grenzen batte das Dogma von der neuen Aera seine Berechtigung. Eine neue Generation mit neuen Bedürfnissen war entstanden. Es ist höchst zweifelhaft, ob es, wie „Ben Tanhum" andeutet, unter uns eine große Zahl von Gemeinden giebt, die einen mit Raschi oder Midrasch gewürzten Vortrag verstehen können. Die Kenntnis dieser Dinge ist ausgestorben. Der Fehler liegt daher nicht in der Methode, sondern in dem Thema unserer Predigten. Zum Verständnisse des Judentums ist eine übersichtliche Kenntnis der Litteratur unerläßlich, der Litteratur, welche durch die vergleichende kritische Methode erforscht, uns die charakteristischen Merkmale vor Augen führt, welche das Judentum vou den Begriffen anderer Religionen über Leben und Welt unterscheiden. Die unwiderlegliche Tbatsache, daß einzelne Zöglinge der Schule das Judentum kennen und predigen, zeigt, daß die Schule tlicht verantwortlich iß, wenn einzelne ihre Zöglinge in ihren Reden die Vertrautheit mit dem Judentum uns vermissen lassen. Der Begriff der „neuen" Aera hat einfach denen die Köpfe verdreht, deren Reden eine Selbstverhimmelung aus Unkosten des Judentums sind. Diese Ueberhebung und nicht Reform an sich liegt den Thatiachen zu Grunde, aus welche Herr Leo R. Levi die Aufmerksamkeit gelenkt bat. Der Eifer nätnlieh, mit welchem jeder neue Besitzergreiser vou einer Kanzel sich daran macht, zu andern und zu stürzen, was sein „alter" Vorgänger geplant und eingesübrt hat. Die neuen Männer haben reichliche Gelegenheit, Alexander zu sein, wenn sie auch zugeben, daß Philipp vor ihnen aus der Welt war. Eins muß vout Staudpunkte der Gerechtigkeit zugegeben werden, daß mit Ausnahme der größeren Gemeinden die Verhältnissen vor den Tagen der „neuen" Männer auf einem viel traurigeren Niveau sich befanden. An den überlebenden Exemplaren — tu diesem Falle nicht nach dem Gesetze der Zuchtwahl — der Rabbiner (?) aus früheren Tagen, kann man beurteilen, wie mohlthätig der Wechsel gewirkt hat. Die talmudische Gelehrsamkeit dieser ehrwürdigen Zufallsfallsdoktoren ist zum mindestens sehr eigentüutlich. In allgemeiner Bildung, von philosophischer Schulung gar nicht zu reden, sind sie so unschuldig wie neugeborene Kinder. Ihr Handelsartikel ist neidisches Gebelfer und ein heuchlerischer Konservatismus, der das sittliche Gefühl ebenso beleidigt, wie jeder Satz, den sie schreiben, das Sprachgefühl verletzt. Es war hohe Zeit, daß die „neue" Aera diese Schwindler bei Seite schob. Was turnt auch an der Gelehrsamkeit, an der Ehrenhaftigkeit, an dem gesellschaftlichen Auftreten des „neuen amerikanischen" Rabbiners zu tadeln finden möge, er überragt turmhoch den verdorbenen Schochet oder Bachur, der mit feiner salbungsvollen Frömmigkeit sein widriges Eselsgeschrei und sein dummes Gebell unkenntlich zu tnachen sucht. Die Strömung beginnt sich zu verlausen. Der Begeisterungsrausch über die neue Aera ist vorüber. Enttäuschung ist augenblicklich überwiegend. Jedoch die Besserung bereitet sich auch jetzt vor. Das Judentum hat seine Stimme gesunden und wird sie wieder finden. Die Predigt wird mit oder ohne Midrasch die lächerliche Vorlesung und der Prediger den sensationellen Marktschreier ersehen. Rabbiner und Gemeinde werden diesem Ziele gemeinsam entgegenarbeiten. Mögen die ersteren ihr Judentum eifriger studieren, und die letzteren sich des gefährlichen Irrtums eutwöhnen, in jeder anderen Gemeinde ein Konkurrenzgeschäft und in ihrem Rabbiner den Agenten zu sehen, dessen erste und einzige Pflicht es ist, dem Konkurrenzhause Kunden wegzusaugen. vik Inden in drr Sdimrij. Von 5. Jmchiucli. Ra ei) der letzten im Jahre 1888 statlgesundenen Volkszählung wohnen in der Schweiz 8069 Israeliten auf eine Gesamtbevölkerung von 2,917,754. Mit Ausnahmen von Obwalden und Nilwalden sind in allen Kantonen Juden ansässig. Die meisten befinden sich int Kanton Zürich 1849; im Kanton Basel 1251; im Kanton Bern 1195; im Kanton Aargau 1051; im Kanton Reuchalel 740; im Kanton Gens 701; im Kanton Vaud 608 und schließlich im Kanton St. Gallen 544. Man kann sieabrer Abstammung nach in drei Kategorien teilen: in deutsche, französische und schweizerische Juden. Das Großherzogtum Baden hat das größte Kontingent ju der ersten geliefert und wohnen diese zumeist iu Basel uud in Zürich. Zu , den französischen Juden gehören die, welche von Elsaß uud Lothringen noch vor deren Anexion in die Schweiz eingewandert und französische Unterthanen geblieben sind. Doch giebt es auch eine erkleckliche Anzahl Schweizer-Juden, deren Ursprung mehr als vier Jahrhunderte zurückreicht. Es ist übrigens bekannt, daß im 18. Jahrhundert bereits Juden sich in der Schweiz aushielten uud zwar iu den Kantonen