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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-19 · 16 (19.4.1895) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 249 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16. A e s ch rr r r» n. Seite 249. christglüubige" Bewegung vor, und er widmete dieser zu schaffenden Bewegung seine besten Lebenskräfte. Missionärischer Einfluß steckte auch hinter der seinerzeit in der europäischen Presse so viel besprochenen „jüdisch-christlichen" Kirche 'Ren- Israel des Kischeneiver Advokaten Josef Rabinowicz, der, als Delegat eines zionistischen Kolonisationsvereines in Jerusalem weilend, plötzlich aus dem Oelberge von der Erkenntnis des Messianismus und der Göttlichkeit Christi erleuchtet worden fein will. Derselbe Einfluß hat in Rew-Pork die „Jüdischchristliche patriotische Allianz" hervorgerufen. . Ebenso giebt cs mehrere christlich-jüdisch-nationale Zeitschriften, welche von der Mission besorgt werden. (Fortsetzung folgt). Vas A»i>k»ti»>> in Amerika. In dem von ihm redigierten „Beform Advocate" nimmt jetzt auch Dr. Hirsch in Chicago in dem Streit zwischen den Alten und den Jungen, von welchem hier schon oft die Rede war, das Wort. E. G. Hirsch, der bedeutendsteil Redner Amerikas einer, erfreut sich auch in jüd. Kreisen des Landes eines überaus hohen Ansehens, so daß man seinen Worten wird Beachtung schenken müssen. Hirsch schreibt: Manche Anzeichen deuten daraus hin, daß unter den denkenden Mitgliedern unserer amerikanischen Gemeinden ein Gefühl der Unbefriedigung herrsche. Angesichts dieser sich immer mehr und mehr ausbreitenden Stimmung wäre cs thöricht, sich mit gedankenloser Gleichgiltigkeit zu panzern oder sich hinter dem Bollwerke blinden und heftigen Leugnens zu verbergen. Diese Unbetriedigung ist nicht nur eine entschiedene, sondern auch von einem Achtung gebietenden Charakter. Sie unterscheidet sich von der alltäglichen und launenhaften Kritik. Ihr Grundton ist nicht Aerger, sondern Schmerz. Sie grenzt cm Enttäuschung; zum mindesten zeigt sie alle die entschiedenen Elemente der Stimmung, welche wir im Zustande der Entzauberung voraussetzen. Allerdings, es ist nicht schwierig, dieses kleine Bächlein jüdischer Unbesriedigung aus der Voraussetzung zu erklären, daß es ein Seitenarm des breiten Stroines der Enttäuschung sei, welcher mitten durch das Gedankenreich des zu Ende gehenden Jahrzehntes unseres in den letzten Zügen liegenden Jahrhunderts fließt. Wer offene Augen hat, weiß, daß das die herrschende Stimmung unseres Zeitalters auf geistigem und moralischem Gebiete ist. Unsere Litteratur giebt ihr Ausdruck. _ Zola nicht minder als Ibsen sind ihre Apostel. Unseren gesellschaftlichen Zuständen droht stündlich Zusammenbruch. Das neunzehnte Jahrhundert scheint dazu bestimmt zu sein, sich in den Ozean der Ewigkeit zu verlieren, als das Zeitalter, welches reich an Versprechungen, aber unglücklicher W5ise unfähig war, dieselben einzulösen. Es wäre sonderbar, wenn die Synagoge in dieser allgemeinen Atmosphäre unbeeinflußt geblieben wäre. Wenn der volle Chorus des Miserere nicht innerhalb der Mauern unserer Tempel erschallt, so muß doch wenigstens dessen Echo darin vernehmbar sein, wenn die Klageiveisen aus allen Straßen ertönen. Was auch die thalsächliche Grundlage dieser Erklärung sein möge, es giebt auch Gründe, die nur auf unserem Gebiete gelten, aus welche die unverkennbare Unruhe, Sorge und Enttäuschung in unserem Judentum znrückgesührt werden können. Vor allem Anderen wurde viele Jahre hindurch die Reform so laut als das Verjüngungsmittel des Judentums gepriesen, daß früher oder später der Zauber fallen mußte. Es ist offettbar, daß unsere Gemeinden jetzt diesen unausbleiblichen Rückschlag empffndeit. Die Unbestimmtheit ihrer dogmatischen Stellring ist das einzig Bestintmte von ihnen, der rusche Uebergang von Radikalismus zum Kouservatismus, welche die Politik mancher Tempel bezeichnet. — Wir gebrauchen das Wort Politik absichtlich, denn Prinzip hält selbst in Zeiten natürlicher Trägheit sich an wohlverstandene Zwecke, — ist ein Symptom in derselben Richtung. Selbst der Schrei nach eitlem Uiriversalmittel, der konventionelle Enthusiasmus für ein einheitliches Gebetbuch als untrügliches Heilinittel ist ein weiteres Symptom in dieser Richtung. Wir leiden alle an Verdauungsstörung; wir fühleil uns unbehaglich, wir wünschen einen Wechsel, wir möchten sogar das Schliiniuste für das Beste eintauscheil, unl nur zu wechseln. Das Feldgeschrei lautet: Was wir besitzen, hat sich als Fehlschlag erwiesen, gebt uilS etwas anderes. Wir siild eingeschläfert worden, laßt uns wenigstens einen Versuch machen, Reform ist kein Fehlichlag, und ihre Fahne zu verlassen, ist kein Heilmitel. Konsequenz ist eine Vorbedingung des Erfolges und Ausdauer ist ihr unerläßlicher Allspruch. Das Nebel lag darin, daß man Reformen für eine Art Zaubermittel, für eine genau festgesetzte, bestiinmte Bewegung hielt. Reforul ist ein endloser Prozeß. Ihre Logik duldet kein Hindernis, ihre Voraussetzungen kennen keinen Kompromis mit Liebkosungen nach rechts uild links. Entweder — oder ist das Schiboleth. Orthodoxie ist vollständig und konsequent. Sie befriedigt uild hat Anspruch aus Respekt. Radikalismus schließt keine Verträge mit Wenn und Aber. Er ist konsequent. Manche haben über Reforin gesprochen, aber ihre wesentlichen Prinzipien vergessen. Loyal und liberal war die Entschuldigung ihrer Inkonsequenz aber eine Loyalität, welche sich vor Liberalismus fürchtet, und ein Liberalismus, welcher der Loyalität entbehrt, ist bedeutungslos. Wahre Treue zum Judentum verlangt, daß inan es nicht zur Karikatur mache, zu eiuem Bündel von halb palästinensischen Abfällen und Fetzen, welche mit einem lächerlichen Aufputz von Weltbürgertum geschmückt aus der einen Seite Zeremonien befolgen und auf der anderen Seite eynisch gleichgültig und irreligiös sind. So jedoch war nnö ist, was sich in Amerika als Koiiservatismus ausgiebt. Radikalismus ist loyal und liberal zugleich. Pseudo-Resorni, welche sich entweder in illoyalen Liberalismus oder in illiberale Loyalität verliert, ist eine der unheilvollsten Ursachen des weitverbreiteten Ekels, welcher dem entlarvten Prätendenten, nicht aber dem legitimen Bewerber gilt. Die Kanzel hat, insofern sie falsche Münze in Umlauf setzte, diesen Tag des Gerichtes heraufbeschworcn." Und aus die Verflachung und Verwässerung der Predigt oder der Lektüre in Amerika übergehend schreibt Hirsch: „ . . . Es genügt keineswegs, die Fehler moderner Predigten hervorzuheben. Wir müssen vielmehr trachten, die dem Nebel zu Grunde liegenden Ursachen zu verstehen. Während der letzten dreißig Jahre ließ eine gewisse Know Nothing- (Fremdenhasser) Partei sich fortwährend vernehmen. Mit denn Morgenrot des Tages der „amerikanischen" Rabbiner wurde der Anbruch einer neuen Aera im amerikanischen Judentum prophezeit. Die jungen Männer wurden mit diesem Bewußtsein erzogen. Was Wunder, daß sie glaubten, die Prophezeihung sofort in eine Thatsacbe verwandeln zu können. Was die alten „Fremdlinge" geschaffen hatten, war für die

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