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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-19 · 16 (19.4.1895) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
16 (19.4.1895)
Date
1895-04-19
Page
Seite 248 (sequence 4)
Language
German
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Seite 248. 3 c f c? u r u n. 9ir. 16. für den der neuhebräischen Litteratur wie dein Zionismus überhaupt aufoktroyierten Ausschluß der Oeffentlichkeit, aus dessen Ursachen wir noch zn sprechen kommen werden, ist, das; der Uebörsetzer dieses Romans ihn sür seinen deutschen Originalroman ausgab. Von entscheidender Bedeutung aber sür die hebräischsprachlichen Bestrebungen der russischen Zionisten war der Umstand, daß sic auch schon eine hebräische Journalistik vorsanden. Schon im Jahre 1856 wurde in der oftpreußischen Grenzstadt Lyck (von Silbermann) die erste hebräische Wochenschrift „Hamagid“ („Der Anzecher)" gegründet; 1861 begann in Odessa die später nach Petersburg verlegte Wochenschrift „Hameliz“ („Ter Dolmetsch") zu erscheinen, 1868 in Wien — zumeist sür russisch-jüdisches Lesepublikum — die wissenschaftliche Monatsschrift „Haschaohar“ („Die Morgenröte"). Die Redakteure dieser Zeitschriften, David Gordon, Alexander Zederbaum und Peter Smolensky wurden auch die ersten Heerruser der neuen nationalen Partei. Besonders hervorzuheben ist der Letzgenannte, ein höchst begabter Publizist, Politiker und Agitator, der sür das Parteiprogramm die präziseste Fassung fand. Heute, unter dem förderlichen Einflüsse der entivickelten nationalen Bewegung, — welche auch eine große Anzahl von Vereinen zur Pflege hebräischen Sprechens im ganzen Lande geschaffen hat, — hat die hebräische Journalistik und Litteratur einen besonders großen Aufschwung genommen. Es giebt in Rußland zwei hebräische politische Tageszeitungen; außerhalb Rußlands, aber säst durchwegs unter Leitung russischer Juden, eine Reihe von Wochenschriften und Monatsheften. Außerdem erscheinen unausgesetzt wissenschaftliche und poetische Litteratur- Neuheiten. In den letzten Jahren haben national-jüdische Kapitalisten in Warschau ein großes Verlagsunternehmen („Achiassaf“) gegründet, welches Uebersetzungen und Originalwerke in elegantester, allen modernen Anforderungen entsprechender Ausstattung herausgiebt und dabei ein recht gutes Geschäft macht. Es ist einleuchtend, daß die reich ausgestaltete Bewegung, welche wir soeben kennen gelernt haben, durch auswandernde russische Juden auch in andere Länder getragen wurde. Zunächst drang die neue Lehre zu den in Nordamerika und England angestedelten russisch- und polnisch-jüdischen Arbeitermassen, wo sie, durch eigene Zeitungen im deutsch-jüdischen Jargon verbreitet, mit dem Sozialismus sich vertragen lernte, im Anarchismus aber einen grimmigen Feind fand. Die hebräischsprachliche Seite des Zionismus wurde hier zwar nicht ganz außer Acht gelassen, aber sie trat gegen das kolonisatorische Moment in bcu Hintergrund. In Amerika speziell kommt mehrfach eine Form der Förderung der Palästina- Kolonisation zur Anwendung, welche auch in Rußland in einem Beispiele vorhanden ist, nämlich die Form von Genossenschaften, mit 500 oder 1000 Anteilen. Während die Kolonisationsvereine den Eharakter nationaler Hilssgesellschasten tragen, sind diese Genossenschaften private «elbsthilssvereine. Die Genossenschaft kaust größere Grnndkomplexe in Palästina, und jedes Mitglied hat nach Ablauf der Genossenschaftsbauer die Anwartschaft aus soviel Grundparzellen, als er Anteile besitzt. Dieses System hat sich bereits als koloniebildend bewährt. Das nicht-russisch-polnische Judentum in Amerika steht dem Zionismus. fremd oder feindselig gegenüber. Anders in England, wo die einheimischen Juden nationale Vereine und einen Kolonisationsverband, welcher eine Vierteljahrsschrist „i?al68kin6" in englischer Sprache erscheinen läßt, gebildet haben. Hier sind es gerade die vornehmsten Kreise, welche nationaljüdischen Anschauungen huldigen. Das Parlamentsmitglied Samuel Montagu ist dem Zionismus zumindest geneigt. Oberst Albert Goldsmid ist geradezu Führer der englischen Zionisten und vertritt ein in nationaler Hinsicht äußerst radikales Programm. Er ist derselbe Militär, der von der Königin Urlaub bekam, um als Generaldirektor der argentinischen Kolonie des Baron Hirsch wirken zu können, aus diesem Posten aber nicht verblieb, da er sich einerseits wegen seiner Disziplinierungssucht bei den Kolonisten mißliebig machte, anderseits dem Baron Hirsch durch seinen prononzierten Zionismus unbequem wurde. Die Sympathien, welche die englische Judenheit im Gegensätze zn den Juden der anderen Kulturländer sür die nationaljüdische Sache an den Tag legt, sind wohl nicht zum kleinsten Teile aus ihre seit altersher anglikanische Umgebung zurückzusühren. Es ist nämlich eine der interessantesten Erscheinungen der Völkerpsychologie, daß unter den Engländern inuner wieder ein Gedanke austaucht, welchen man zum Unterschiede von dem vulgären Philosemitismus und in Analogie zum Philhellenismus den Philhebraismus nennen möchte. Lord Byron — siehe seine „Hebräischen Melodien" — und die bereits erwähnte Eliot sind von diesem Gedanken erfüllt. Im Jahre 1861 findet in Melbourne ein Meeting statt, welches sich für die Wiederbesetzung Palästinas durch die Juden ausspricht und ein Komitee einsetzt, das unter den Ehrinen Australiens eine Geldsammlung sür Griindung jüdischpalästinischer Kolonien einleiten soll. Unmittelbar nach dem Berliner Kongresse tritt der Schriftsteller Sir Lawrence Oliphant in Verhandlung mit der Pforte, die er sür eine großangelegte jüdische Ansiedlung in Palästina gewinnen will, was ihm jedoch nicht gelingt. Er widmet nichtsdestoiveniger auch sein ferneres Leben der ihn beseelenden Idee. Im Jahre 1891 überreicht ein gewisser Blakestone dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine von christlichen Bürgern der Union gezeichnete Petition, worin nm Intervention der Regierung wegen „Gründung eines jüdischen Staates" gebeten wird. Ebenfalls 1891 findet in London im Hause des Herzogs von Westminster eine Versannnlung der „Society for Belief of persecuted Jews“ statt, welcher der Earl' os Aberdeen präsidierte und weiche-sich sür die Kolonisation Palästinas entscheidet. In Edinburgh wird ungefähr um dieselbe Zeit von einem Geistlichen ein christlicher Verun ins Leben gerufen, welcher die zionistische Sache fördern soll. Kurz: Die eigentümliche Disposition der Engländer sür den Philhebraismus i|t eine Thatsache. Sie hat ihren Grund in einer merkwürdigen moralischen Ummodelung dieses Volkes im Lause der Jahrhundertc durch die Bibel. Die Bibel ist das Hauptreglement der englischen Gesellschaft. Kein Wunder daher, wenn das neue Volk der Bibel dem alten Volke der Bibel eine Art Bruderliebe entgegenbringt. Ist ja sogar englischerseits, nicht ohne ambitiösen Beigeschmack, der wissenschaftliche (!k) Nachweis versucht worden, daß die Engländer mit den verloren gegangenen zehn Stämmen Israels identisch seien. Das Bibeltum der anglikanischen Engländer ist aber nichts anderes als konsequentester Protestantismus, und darum hat auch die mit der Bibel in der Hand unermüdliche anglikanische und protestantische Mission die zionistische Bewegung frühzeitig sür ihre Zwecke auszubeuten getrachtet. Dem bekannten Theologen Franz Delitzsch schwebte eine „jüdisch-nationale,

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