Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. 5 « f 4 u t u n. Seite 247. slut, .'oamö Verspottung sollen megsallen; weiter heißt cs dann: „Auch ohne, daß ich hierbei aus das Einzelne eingehe, wird man mich nun verstehen, wenn ich Erzählungen wie: der Turmball, Jsaks (Geburt, Jsniaels Entlassung, Simri, Barak und Deborah, David und Uriah, die Einsetzung Salomos, Davids Tod, die Wunderthaten Elisas, Iehu und ähnliches aus unseren Schulbüchern entfernt sehen möchte." Gut, dann verlange ich auch, daß die Geschichten von dem Volksauswiegler Korah, die von den „giftigen Schlangen", und ferner die von dem Thronräuber Absalom re. gestricheil werden. Jammernd würde gewiß eine solche Schulbibel mit Schiller ausrusen: „Da steh' ich nun, ein entlaubter Stamm", und den Fittigen der Umsturzvorlage, die jetzt auf der Tagesordnung des Deutschen Reichstages sich befindet, müßten wir sie vertrauensvoll übergeben. Das wären alles Konsequenzen, wie ich die Folgen dergl. ähnlich an einem Beispiel zeigen werde: daß man nämlich in einer großen süddeutschen Gemeinde Mose, wenn er aus dem Grabe erstände, nicht zu seiner Thora aufrufen würde, weil dort Juden, die in Mischehen leben, nicht aufgerufen werden." — Es ist nicht Zweck und Ziel dieser Ausführungen nachzuweisen, daß wenn auch nicht alle, so doch die meisten Geschichten, die Herr A. aus einer Schulbibel entfernt wissen möchte, bleiben könnten. Ein wahrhaft gesegneter Bibelunterricht wird nur dann zustande kommen, wo das an die Kehrer gerichtete Wort Jean Pauls in Erfüllung geht: „Habt um G eist, und ihr werdet Euch wundern, wie alles so gut geht." Ja, Geist: das ist das erste Losungswort aus allen Gebieten, — im Leben wie in der Schule, so auch im Bibelunterricht. Run weiß ich wohl, daß derselbe nicht in salbungsreichen Erweckungspredigten bestehen darf, die nur einschläferteu, den wahren Wert und die rechte Weihe fürs Leben verlieren und mehr schaden als nützen würden. Wenig, aber innig und herzlich ist allemal wirksamer als Reichtum an Worten ohne innere Ergriffenheit. Voll und ganz gilt auch für uns, was ein hervorragender katholischer Schulmann darüber sagt: „Beim biblischen Geschichtsunterrichte setze ich voraus, daß es sich der Lehrer nicht durch Bequemlichkeit nehmen läßt, die heiligen Geschichten den Kleinen selbst zu erzählen, daß er sich jedoch dabei einer einfachen, möglichst biblischen Ausdrucksweise befleißige und den Eindruck nicht durch veriveltlichende Zusätze abschwäche. Vieles und künstliches gesuchtes Moralisieren stiftet nur Schaden und schwächt den Eindruck, welcher die einfache Thatsache durch sich selbst schon hervorbriugt. Manche der sogenannten Nutzanwendungen sind nur eine dünne schmacklose Brühe, die wohl aufschwemmt aber nicht nährt." Und dennoch denke ich, wie richtig wäre nicht ein Buch und namentlich für den jungen Lehrer, das ihm „Gedanken" über die zn behandelnde Geschichte geben würde, das Anweisung, Winke, Gliederung des Stoffes und dergl. erhielte. Gewiß würde ein solches Handbuch, was dir Behandlung des Stoffes, die Lehrmethode und System des Ganzen, sowie die Litteratur und noch manches andere beim Bibelunterricht betrifft, enthielte, dem angehenden Lehrer eine gründliche Vorbereituna und Anleitung erleichtern und fördern helfen. Man denke an einen Lehrer, der sich für die zweite Prüfung vorbereitet; wo findet er auch nur etwas über die Methodik des Bibelunterrichtes? Ein solches Werk müßte zugleich aus der Praxis für die Praxis geschaffen sein. Wahrlich unsere alten — d. h. praktischen — Prediger, Kantoren, Kultusbeamten sorgen sonst für Handbücher, die dem „kleinen Mann" alles mundgerecht Vorarbeiten, warum sollte nun dieses pädagogisch ungleich wichtigere Gebiet immer noch so stiefmütterlich behandelt werden? In allen Rezensionen der in der jüngsten Zeit wieder so oft und mit Recht genannten Auerbachs Schul- und Hausbibel werden die beigefügten Erklärungen, Fußnoten sehr hervorgehoben. Leicht begreiflich. Weiß z. B. jeder Lehrer sofort den Kindern Müuzangaben, Gewichts- und Maßbestimmungen —• anschaulich zu erklären; man denke nur an: Sekel, Omer, Epha, Kor, Minna, Talente u. a. Man vergleiche einmal die Zahl der angegebenen Werke zur Vorbereitung für den Lehrer in methodischen Werken (z. B. Kehr's bekannte Praxis der Volksschule, 10 Aufl. S. 157 und 158). Das genügt um zu finden, welche Ebbe aus diesem Gebiet für den isr. Lehrer herrscht. - Zum Schluffe noch die Bemerkung, daß ich wohl diese Ausführungen mit den Worten schließen kann, mit denen Goethe seine „Maximen und Reflexionen" beginnt: „Alles Gescheidte ist schon gedacht worden; man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken." *) M. A. Die jioMischk Kk»irg»ilg. Von Matthias Acher. II. Als zweiten Hauptpunkt ihres Programms betrachteten die russischen Zionisten von allem Anfänge an die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Hier hatten sie nicht nötig, ganz neues zu schaffen, konnten vielmehr bereits auf einem festen Fundamente weiterbauen. In Rußland und Polen wurde nämlich schon seit Jahrzehnten aus kulturellen Gründen das Hebräische intensiver gepflegt. Die Aufklärungsbewegung bediente sich desselben, als eines den Volksmassen doch einigermaßen verständlichen Kulturidioms zur Verbreitung neuzeitlicher Anschauungen So gewöhnten sich die russischen Juden allmählich in dieser Sprache, welche sie mit der Kulturwelt verband, ihre Sprache zu sehen. Bald schrieben sie auch ihre geschäftlichen Korrespondenzen in ihr, und noch mehr, neben der allgemein aufklärenoen entfaltete sich bald eine rege wissenschaftliche und schöne Litteratur. Begreiflicherweise füllen darin die Uebersetzungen einen breiten Raum aus. So kann man z. B. Humboldt's Werke, sowie Dichtungen von Schiller, Goethe, Shakespeare in hebräischer Uebertragung lesen. Es fehlt aber auch nicht an originalen FachschriftsteUern und Originaldichtern. Unter den letzteren sollen mehrere Hervorragendes geschaffen haben; so wird als Lyriker Jehuda Gordon und als Romancier Abraham Mapu besonders gerühmt. Bezüglich Mapus ist eine Kontrolle seines Könnens dadurch einigermaßen möglich geworden, daß vor einigen Jahren einer seiner Romane in deutscher Uebersetzung unter dem Titel „Thamar" erschienen ist. Derselbe wurde allerseits sehr günstig beurteilt. Bezeichnend *) Soeben in den Besitz der neuesten Nummer dieser gesch. Zeitung gelangt, lese ich die beiden Aufsätze „zum Peßachfeste" und die Qualifikation des „jüdischen Lehrers", die sich nach einer Seite hin decken, inbetreff der Methodik des Religionsunterrichtes. Das Resumv des Herrn Dr. G. ist, „daß die jüdische Religionsschule wenn irgendwo auf Anwendung von Interessen bildenden Methoden bedacht sein muß"; in dem zweiten genannten Aufsatz wird die Frage über die Methodik auch gestreift. Vielleicht tragen vorstehende Zeilen umsomehr zur Klärung dieser Frage und Beschaffung des Notwendigen bei.