Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 241 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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!- 1 Nr. 15. SJ e f cf? u r u vi. Seite 241.! f die Mo lo nie sei unter aller Mritif, uu’il die Inden au^eblid) physischer Arbeit alnu'ueujt seien, konstatiert eine offizielle russische Persönlichkeit, der man allzu grot;e Sympathien für Inden iticht nachsagen kann, das; die Kolonie sich in blühendem Zustande befindet' und das; die von ihren Zöglingen geleisteten Arbeiten überaus anerkennenswert sind. Ebensolche Resultate ergab die Besichtigung der zweiten jüdischen Arbeiterkolonie' zu Cbeffa durch das Stadtbanpt Marosli. Auch hier zeigte es sich, das; die Inden als Handwerker die größten Erfolge answeisen können. Wemeinde, Lynagoge und Schule. * Man schreibt nns ans (Slogan: Am Ol. v. Mts. fand die öffentliche Prüfung der hiesigen Religionsschnle statt, welche zur allgemeinen Befriedigung ansfiel. Am Schlüsse der Prüfung hielt Herr Rabbiner Dr. Rippner an die Schüler und an die zahlreich versammelten Mitglieder eine Ansprache, die wir, iveil sie ein allgeineineS Interesse beansprucht, in ihren wesentlichen Momenten hier in solgendein wiedergeben: Der Redner knüpfte an das Wort des Propheten an: „Heute ist ein Tag froher Verkündigung und wir sollten schweigend" Die Obrigkeit habe einen allgemeinen Schnlfeiertag für cen HO. (Geburtstag des Fürsten Bismarck angeordnet, tind da die jüdische Religionsschnle nichts weiter sein will, als ein Glied der großen allgemeinen Schnl-Organisation des Landes, so sei es unsere Pflicht, diesen Geburtstag auch in jüd. Schulen festlich zu begehen. Er hob die Momente hervor, mit den Fortschritt klar zn machen, der während der Regierung des Fürsten Bismarck zn Gunsten der Inden sich vollzogen habe. Als der Herr v. Bismarck-Schönhausen das Regiment in Preußen übernahm, da hatten zwar die deutschen Inden ein ebenso lebhaftes, nationales Empfinden wie heute, aber gleichsam wie zur Versöhnung ihres nationalen Gefühls gab es Orte ans deutschem Boden, in denen kein Jude übernachten durfte, gab es viele deutsche Orte, in welchem es keinem Inden gestattet war, Wohnsitz zn nehmen; da hat Fürst Bismarck die Freizügigkeit proklamiert, und erst durch dieses Gesetz wurden die deutschen Inden wirklich heimisch ans deutschem Boden und konnten nunmehr an jedem deutschen Orte ihre Zelte aufschlagen. Als Herr v. Bismarck in die Regierung trat, da galt zwar schon die preußische Verfassung, und auf dem Papier war den Juden die Gleichberechtigung gewährleistet, aber in Wirklichkeit war kein öffentliches Ltaatsamt in Preußen einen' Inden offen; es gab keine Staatsbeamte jüd. Bekenntnisses im ganzen preußischen Lande. Als Fürst Bismarck seine Aemter niederlegte, da gab es eine große Anzahl von deutschen Israeliten, die öffentliche Aemter bekleideten; unter seiner Regierung hat sich dieser Wandel vollzogen. Endlich ein Drittes: Im Jahre 1H7H vereinigte sich der.Kongreß europäischer Staatsmänner in Berlin unter Leitung des Fürsten Bismarck, da wurde von dieser erlauchten Versammlung der Grundsatz aufgestellt, daß kein Staat in das europäische Staats-System aufgenommen werden dürfe, der nicht politische Berechtigung a^ller religiösen Bekenntnisse anerkennt; das sei ein barbarischer vr-taat, der die Juden um ihres Glaubens willen von politischen Rechten ausschließe. Freilich war diese Proklamierung eines völkerrechtlichen Grundsatzes nur etwas Ideales und nichts Praktisches, aber „wie die Sonne zunächst auf die Höhen leuchtet und erst später in das Thal hineindtingt", so ist auch solch ein idealer Sieg auf den Hohen des politischen Lebens von unendlichem Werte. Wenn wir den Geburtstag eines Menschen feiern, so werden wir nicht etwaige Fehler mit all zn scharfem Ange aufstöbern, sondern wir werden unfern Blick auf seine leuchtenden Vorzüge richten. Diese Rückschau aut das Wüte, das uns Juden das Ministerium Bisinarck gebracht hat, ist vortrefflich geeignet, in den Deutschen jüd. Bekenntnisses die Liebe znm Vaterlande zn beleben. — Mit einem kräftigen Appell, an die Jugend, sich den alten preußischen Spruch „Mit Gott für König und Vaterland" tief in die Seele zu prägen, schloß der verehrte Redner. Die Ansprache fand bei der zahlreichen Versammlung einen freudigen Nachhall. K . . . ii. * t. Wie wir vor einiger Zeit berichteten, hatte das Landgericht in Dortmund den Vorstand der Synagogengemeinde Hörde in eine Gesamtstrafe von 17,/10 Mk. wegen „Stempelsteuer - Defraudation" verurteilt. Die Gemeinde wollte bekanntlich die fehlenden Kosten zum Bau einer Synagoge durch eine Lotterie aufbringen und fetzte 0000 Lose n 7)0 Pfennig um. Die (Gewinne sollten in Handarbeiten bestehen, die von den Frauen und Mädchen der Genteinde unentgeltlich geliefert wurden. Die Veranstalter der Lotterie betrachteten diese als eine private Veranstaltung im geschlossenen Kreise, da die Lose nur an Mitglieder der Gemeinde abgegeben werden sollten. Es wurde deshalb weder die polizeiliche Erlaubnis eingeholt, noch die Stempelsteuer gezahlt. Die Steuerbehörde und die Staatsanwaltschaft erblickten jedoch in dem erwähnteir Vorgehen die Veranstaltung einer „öffentlichen Lotterie", und das Landgericht in Dortmund'schloß sich dieser Ansicht an. Gegen das Urteil rekurrierten die Beklagten an das Reichsgericht nicht ohite Erfolg, denn der Strafsenat des Reichsgerichts war zwar der Ansicht, daß die Strafe wegen Lotterievergehens gerechtfertigt und daß die Stempelsteuer für 10 000 Lose, die ursprünglich angefertigt wurden, zu berechnen sei, hob aber das Urteil auf, soweit jeder der- Angeklagten in eine Stempelstrafe von 2500 Mk. verurteilt worden ist. Das Landgericht wird nun nach der ihm erteilten Maßgabe die Stempelstrafe von 2500 Mk. nur einmal festsetzen und die Angeklagten sämtlich für solidarisch haftbar erklären. — Das wäre aber immerhin eine nicht minder harte und nicht weniger unverdiente Strafe, die nach Anrufung der Gnade Sr. Majestät des Kaisers ganz erlassen oder doch bis auf ein Miniinnin reduziert werden dürfte. * Aus den Litteratur-Vereinen. In Königsberg sprach Herr Pastor Ziegler über „Lessing und Mendelssohn" vor Damen und Herren und erntete reichen Beifall. Neues hat der Redner nicht mitgeteilt, dagegen mailches alte wiederholt, das erdichtet ist, so z. B. die Fabel von einer Begegnung zwischen dem König und dein Philosophen. — Der in Mülhausen (Elsaß) begründete Verein trat a>n Mittwoch-Abend zum ersten Male in die Oesfentlichkeit, und zwar durch einen Vortrag, den Oberlehrer Dr. Heinrich Lewy im kleinen Börsensaal hielt. Der Referent hatte zu diesem Abend ein zeitgemäßes Thema gewählt, nämlich: „Die soziale Frage und das jüdische Altertum". Referent legte an der Hand von Gesetzen des Pentateuch und Sentenzen des Talmud dar, wie im israelitischen Staat dafür gesorgt war, daß jedermann gleichberechtigt die irdischen und geistigen Güter der 'Ration genieße; das dem in Rot geratenen Mitbürger ohne Unterschied der Religioit die gehörige Unterstützung allerseits zuteil wurde; daß jeder Handwerker geehrt und vor allen Dingen rechtschaffen für seine KM-'