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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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Seite 240. 'JWWW5 M, I e s ch tt r ll n. <){r. 15 folgt' übcrbuiugt der .Cardinal den Bischöfen den mündlichen Auftrag des Papstes, in der ihnen geeignet erscheinenden Weise eine Mahnung an die Christlich-Sozialen zn richten, damit der Klerus jederzeit, auch in politischen Fragen, unter voller Wahrung der Autorität der Bischöfe und im Einvernehmen mit den kirchlichen Oberen vorgehe und den Ausschreitungen des Antisemitismus entgegentrete. — Das „B. T." läßt sich in ähnlichem Sinne aus Rom telegraphieren. Bon einem öffentlichen Schritte oder Dokumente gegen die Christlich-Sozialen sehe der Vatikan angesichts der Wiener Gemeinderatswahlen ab. Dagegen wird privatinl eine Pression aus die Führer der Partei ausgeübt werden, um deren Widerstand zn brechen, beziehungsweise um die Christlich-Sozialen zum Einlenken zu bewegen. Falls die Aufforderung des Vatikans zur Unterwerfung der Partei unter die Bischöfe wirkungslos verhallen sollte, so würde der Vatikan die Partei fid) selbst überlassen, und die Christlich-Sozialen werden, gerade so wie die deutschen Antisemiten, zu einer rein politischen Partei werden. Uebrigens sei die christlich-soziale Bewegung eigentlich nur aus Wien beschränkt. — Das Haus der ungarischen Abgeordneten hat sich bis zum 23. d. M. vertagt. Für die Sitzung am 25. d. M. ist beabsichtigt, die Gesetzentwürfe, betreffend die Rezeption der Juden und die freie Religionsübnng, auf die Tagesordnung zu setzen. * v Die russischen Juden. Ans Petersburg wirb uns geschrieben: Vorläufig besteht nicht die Absicht, das Gesetz abzuschassen, welches Juden verbietet, innerhalb der 50 Werst-Zone zu wohnen. — Cs geht das Gerücht, daß besondere Rekrutierung-Höse eingerichtet werden sollen, damit eine noch bedeutendere Anwerbung jüdischer Soldaten ermöglicht und gesichert werde. — Die Ausfuhr-Statistik von Nikolajew zeigt, daß während des Jahres 1894 der Betrag des ausgesührten Getreides 87,844,210 Pud erreichte. Jüdische Handelshäuser exportierten 02,084,230 Pud, oder fast drei Viertel der ganzen Quantität. — 'Rach den neuen Verordnungen, müssen Kandidaten für den Rabbinerposten ebensowohl eine gute allgemeine Bildung als eine vollständige Kenntnis der Gesetze der jüdischen Religion besitzen. Aber die letztgenannte Bedingung kann kaum genau erfüllt werden, seitdem im ganzen Reiche keine hohe Schule in, wo das jüdische Gesetz völlig studiert werden könnte. — Cins der jüngst gewählten 'Mitglieder des Chersoner Gemeinderats ist ein Jude, Ramens Kanarsch. Seine Wahl wurde jedoch angesochten, und die gesetzgebende Körperschaft hat sie, in Anbetracht der Religon des Gewählten, für ungiltig erklärt. Der Gemeinderat hat jetzt aber die Entscheidung der höheren Instanz angernsen. — Ein Sonderausschuß des Biewer Ltadtrats hat eben beschlossen, daß die Vorstadt Temiewka in Zukunst zn den Ortschaften gehören soltz in welchen Juden nicht wohnen dürfen. Sollte dieser Beschluß zur^ Ausführung kommen, so würden wieder zahlreiche jüdische Familien vertrieben werden. Die Frage soll in kurzem bei einem besonderen Meeting zur endgiltigen Entscheidung kommen. — Der Stadtrat von Rowo-Orschitza (Gouv. Poltawa) hat den Gouverneur ersucht, zur Bezahlung der Bolten für die Pflasterung der Straßen der Stadt 10,000 Rubi, ans dem jüdischen Verzehrungsstener-Fonds zu bewilligen. Das Landesgesetz über die jüdische Verzehrungssteuer setzt ausdrücklich fest, daß die Steuer „nur für jüdische Bedürfnisse" Verwendung finden soll..— Dem „Woschod" wird ans dem Rordwest-Bezirk berichtet, daß die östlichen Lchulbebörden ein Rundschreiben ergehen ließen, welches den Melamdim verbietet, jüdische Personen in jüdischen Privatschulen zu unterrichten. Der Grund dafür ist, daß den 'Melamdim, aus Grund der im Jahre 1893 er lassenen, aus sie bezüglichen Gesetze, nur gestattet ist, in ihrer eigenen Chedarim zu unterrichten. Nachdem der 'Minister des öffentlichen Unterrichts dem Erlasse der erwähnten Schulbehörden seine Bestätigung erteilt hat, wurde bereits in vielen Privatschulen in der Provinz Grodno die Unterweisung jüdischer Schüler gänzlich eingestellt. — Folgendes, sagt der „Woschod", ist das erste Ergebnis des vorn neuen Zaren Unterzeichneten Ukases: Bei der Eintrittsprüsung, die jüngst an der Handelsschule in Odessa stattsand, waren 7 jüdische und 1 christlicher Kandidat vorhanden. Die ersteren bestanden sämtlich die Prüfung befriedigend, während der Ehrist nicht die erforderliche Anzahl guter Rumnrern erhielt. Infolge der irenen Verordnungen wurde nun, da der Ehrist nicht zugelassen werden konnte, auch kein einziger von den jüdischen Kandidaten zugelassen. So kann es kommen, daß die erste Blasse der Schule eines schönen Tages leer bleibt; nachher kann dasselbe den anderen Blassen passieren, und die ganze Schule müßte aus den möglichen Fall geschlossen werden! — Der „Minski Listok" erhält folgende Mitteilung ans der Provinz Wilna: „Die Zahl der aus Rußland answandernden Juden verringert sich von Jahr zu Jahr. Der Höhepunkt der Auswanderungs-Bewegung wurde zwischen 1888 und' 1892 erreicht; von jener Zeit ab wurde die Auswanderung geringer und geringer, so daß gegenwärtig die Zahl derjenigen, welche nach Rußland zurückkehren, wahrscheinlich die Zahl der Auswanderer übersteigt (?). Die Auswanderer pflegten nach Amerika und nach Afrika zu gehen, aber in beiden Kontinenten zwingt der wahrhaft harte Kamps ums Dasein die Auswanderer, nach Hause zurückzukehren, urn ihr Leben fristen zu können. Aber ein Unterhalt ist nicht so leicht gesunden, und die Zahl der jüdischen Armen in unseren großen und kleinen Städten nimmt von Tag zn Tag zu; eine beträchtliche Anzahl jüdischer Familien wäre bereits buchstäblich verhungert, wenn sie nicht durch die bekannte Wohltätigkeit ihrer Glaubensgenossen vor dem Aeußersten bewahrt worden wären. — Die russische Regierung veranstaltet in Rischni- Rowgorod im Fahre 18*90 eine Ausstellung, welche alle Zweige der Industrie, des Gewerbes' und Per Landwirtschaft Rußlands umfassen soll. Die in Odessa seit einem Vierteljahrhundert bestehende jüdische Arbeiterkolonie „Trud" (Arbeit) wurde im vorigen 'Monate von dein Stadthauptrnann von Odessa, Admiral Selenpi, besichtigt. Während der Inspizierung siel ein kunstvoll geschnitzter Schrank dem Admiral ans, und dies veranlaßte il)u, den in der Kolonie ausgestellten Kunsttischler- und Schlosserarberten überhaupt größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der Eindruck, den die von ihm besichtigten (Gegenstände aus ihn machten, war sehr günstig. Der Admiral lobte den Fleiß und die Kunstfertigkeit der Koloniezöglinge und versprach, das Ackerbau- und Handelsministerium hiervon in Kenntnis zu setzen. Rerrlich erhielt nun die Verwaltung der Arbeiterkolonie die offizielle Einladung des Ackerbauministeriums znr^ Teilnahme an der Ausstellung von Rischni-Rowgorod. Diese Thatsache, an und für sich schon erfreulich, gewinnt noch an Bedeutung, wenn man die Ausfälle der russischen Judenfeinde gegen die Arbeiterkolonie in Erwägung zieht. Während jene behaupten,

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