Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. I e f u r u «. Seite 25!). Sie erhob sich bei-diesen Worte», ging zu einer Schatulle, nahm eine gewichtige Nolle heraus und übergab sie mit seiner Geberde dem Herric Pastor, der sie mit gleicher Grazie in die Tasche fallen ließ, indem er bemerkte: „Ich wußte, daß ich mich nicht vergebens au Ihr edles Herz wenden würde, das so warm auch für die entferntesten Menschenbrüder schlägt." ,,iC, mein Herr, das ist ja das wenigste, was wir für die Verbreitung des lauten thun können. Ich bin gern bereit, die Gabe öfters zu wiederholen, uub falls Sie zur Anschaffung und Verarbeitung der Kleidungsstücke für die armen Negerkinder einen Vorstand aus hiesigen Samen etwa bilden, so würde ich mich demselben anschließen." Ter Herr Pastor lächelte und erwiderte: „Tas ist schade; dieser Vorstand hat sich schon gebildet und besteht aus der Iran Oberprüsidentiu und mehreren Tarnen aus dem höchsteir Kreise. Eine weitere Ausdehnung werden diese nicht genehmigen." Auf diese Antwort schwieg die Frau Berger und der Herr Pastor empfahl sich. — Trotz der guten That, die unsere Tame eben vollführt hatte, war sie in sehr ungünstiger Laune, als ihr Gatte eiutrat. Er bemerkte dies alsbald, ohne daß sie auf feine Fragen es ihm eingestehen wollte, und sie schnitt ihm daher alles weitere mit der etwas barschen Einrede ab: „Weshalb bist Tu denn gekommen?" „Nuhig, ruhig, mein Täubchen," erwiderte der Eheherr. „Ich bin nur gekommen. Dich zu fragen, ob Tu zu dem Souper und Ball, die wir übermorgen Abend geben, noch etwas zu arrangieren hast. Ich stelle nlich Tir ganz zur Verfügung." „Ta hätte ich etwas rechtes; Tu weißt, daß ich solche Tinge selbst und ganz allein besorge, und Deine Tazwischenkunft könnte die Sachen nur verwirren. Auch ist alles schon auf's beste, eleganteste und reichste eiugeleitet. Man soll gestehen, daß mau in unserer Stadt dergleichen noch nicht gesehen habe. Doch Deine Frage ist zu überflüssig, als daß Tu nicht noch etwas anderes im Hintergründe haben solltest. Also heraus damit!" „Nun ja. _ Wer kann vor Tir etwas verbergen! Ich habe eine große Bitte an Dich und lege auf deren Erfüllung viel Gewicht." _ „Herr Gott, was für Vorreden. Sag' doch nur, womit Tu mich bedrohst; denn etwas gleichgültiges kann diese feierliche Anrede nicht betreffen." „Ei ivaS, es ist nur eine Kleinigkeit. Es sind heute zwei Geschäftsfreunde, die Herren Meyer und Hirsch aus B. und S. hier eingetrosien, und ich wünsche, da mir sehr viel daran gelegen ist, diese bedeutenden BanguierS mir verbindlich zu machen, sie zu unsrem Souper einzuladen." „Was?" rief die Tame entsetzt, „sind — das — nicht — Jude n?" „Allerdings, aber sehr gebildete und höchst anständige Männer, die in B. und S. in die feinsten Jirkel koiumen, Tu hast Dich ihrer wahrlich nicht zu schämen." „lind kennst Tu nicht meinen Grundsatz, keinen Juden zu meinen F'sten zuzulasseu? Daraus beharre ich unbedingt. Lasse ich erst solche, wenn auch fremde, zu, so wirst Tu mir bald mit hiesigen kommen. Soll ich etwa der .Frau v. B. und der Geheimrätiu L. vorftellen: Herr Meyer, Herr Hirsch, Herr cch.nuel, Herr Itzig -- daß sie hinterdrein sich über den Iudeuball moguiereu, nein, lieber unterlaß ich die ganze F-Ge und schließe mich fortan in mein Zimmer ein . . ." „Aber es giebt doch keine Negel ohne Ausnahme. Tu hast doch Deinen Grundsatz stets auf's genaueste beobachtet, und so kann so etwas einmal mit unterlaufen. Wenn die Herren erfahren, daß ich während ihrer Anwesenheit eine Festlichkeit gegeben und sie nicht eingeladen habe, werden sie dies als eine schwere Beleidigung ansehen, und jede Verbindung mit mir abbrecheu, was uns großen Schaden bringen würde." „Lieber den größten Schaden, als mich verhöhnen lassen. Ich verzichte gern, wenn ich einmal nach B. und S. konnnen sollte, von den Herren Meyer und Hirsch eingeladen zu werden. Uebrigens weißt Tn, daß Geschäft und Gesellschaft zwei ganz getrennte Dinge sind. Also, es thut mir leid, lieber Theodor, Tir nicht zu willfahren, aber es geht nicht, ich thue es nicht..." * * Wir tonnen dem Leser über den Ausfall des Soupers und Balles der Frau Berger, die gern sich und ihrem Mann von ihrer eigenen FGe ausgeschlossen Hütte, um nur keine Juden anwesend zu haben, nichts berichten, da wir selbst nicht gegenwärtig fein durften, können also auch nicht sagen, ob er wirklich einzig in seiner Art gewesen. Aber das haben wir ihm mitzuteilen, daß ein Jahr später das Haus Berger sich insolvent erklären mußte. Herr Berger war schon seit Jahren sich bewußt, daß es schlecht mit ihm stehe; aber er hatte den Mut nicht gehabt, seine Bilanzen einzusehen und rechtzeitig ein Arrangement zu treffen, noch seiner Frau einen Wink zu geben und den unverhältnismäßigen Aufwand feines Hanfes zu beschränken. Ter Bruch des Bankhauses war daher um so.totaler. Einen Tag nach der Bankerotterklärung waren alle die Geheiinrüte und Geheimrätinnen, alle die Herren und Frauen v. B., L., X., P. und Z. aus dem Haufe des Herrn und der Frau Berger verschwunden, die Domestiken entfernten sich, nachdem sie stillschweigend sich an mancherlei Sachen für ihre Dienste bezahlt gemacht, auch der Herr Pastor Giesebrecht erschien nicht wieder, und alles war verödet und einsam in dem Hause, das nur von stürmischen Gläubigern noch heimgesucht ward. Anfänglich hielten sich die Juden, die man so ängstlich gemieden hatte, fern, da sie nicht wußten, wie sie ausgenommen würden. Aber die Schadenfreude wurde bald vom Mitleide überwunden, und der eine und der andere alte Bekannte Bergers traten nach und nach bei ihm ein, um ihn zu trösten und ihm ihren Beistand anzubieteu. Tie Juden des Ortes schossen zusammen, um der Familie während des Prozesses den Unterhalt darzubieten, sowie die Mittel, nach Beendigung der Sache, sich nach einem andern Wohnorte zu begeben. Ob die Frau Berger späterhin sich noch für die Negerkinder interessierte, haben wir nicht in Erfahrung gebracht. * Wochen - Echronik. Bürgerliche Verhältnisse. t- 2lns tOesterreich-Nirgartt. (siegen bcn Anti semitismus in Oeuerreich, wie er durch die Ehristlich-Sozialen und den niederen Klerus betrieben worden ist, scheint Kardinal Schönborn nun doch den Papst zu einer bestimmteren Stellungnahme veranlaßt zu haben. Ter „N. Fr. Pr." zu-