Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite g> e f c$ u r u n. Nr. 15. und fortwährend von solchen (Geschäften in Anspruch ge- .nommen, die ihren aus dem Konvikte mitgebrachten Idealismus verletzten. Die Mutter verlangte, daß sie täglich unverständliche Ausdrücke wiederhole, welche ihre innige religiöse Hingebung aussprechen sollten. Die übrigen Juden waren so garstig, ungebildet, und selbst die Eltern! . . Das konnte sie nicht länger ertragen. Ach, wenn man sich doch aus dieser Umgebung losreißen könnte! __ Um diese Zeit kam Sophie, die Tochter des Pfarrers, dessen Iran gestorben war, ins Dorf. Klara besuchte oft die Freundin und wurde auch mit dem Geistlichen bekannt. Dieser erkannte bald ihren Charakter und Scelenznstand, und als eifriger Priester, bemühte er sich um ihre Bekehrung. Er disputierte mit ihr über die Juden und gab ihr solche Bücher, in welchen dieselben übereinstimmend im schlechtesten Lichte dargestellt ivaren. Und so wußte das siebzehnjährige, in einen Wirbel geschleuderte Mädchen nicht, .was anzusangen . . Jetzt sitzt sie aus der Bank düster und nachsinncnd mit nebelumflossenem Blick, mit gramersülltem Herzen. Ihren Kops bestürmen tausend wirre, widersprechende Gedanken und Bilder, sich gegenseitig die Wagschale halten. Dh, wenn jemand ihren wirren Kops mit einen: Funken Licht erhellen möchte, aus daß sie sich überzeuge, aus wessen Seite das Recht, wer die Wahrheit vertrete, der Geistliche, oder das ihr in unbestimmter verzerrter Gestalt vorschwebende Judentum? Sie sehnte sich nach Liebe und Glauben und streckte ihre Hände aus, uach Wahrheit schmachtend. Der Geistliche und seine Tochter reden ihr zu, die Fesseln der Knechtschaft abzuschütteln . . und da herrscht ringsum Grabesstille. Die Statur begiebt sich zur Ruhe, eines laues Lüftchen Säuseln liebkost alle Schöpfungen der Natur und allenthalben herrscht Friede und Stille. Da läßt sich plötzlich vom nahen Kirchentürmlein das durchdringende Geschrei der Eule vernehmen. Klara sprang von ihrem Sitze empor und ein Schauer machte ihren Körper erbeben. „Licht, mehr Licht!" flüsterte sie mit flehender Stimme; ringum war's öde und leer. — „Ha, vielleicht finde ich in dem soeben vom Geistlichen erhaltenen Werke Merunowiez „Die Juden" Ausschluß." — Znm zweiten Male erschüterte das wüste Geschrei der Eule die nächtliche Stille. Klara eilte nach Hause. (Fortsetzung folgt.) Irorirrlfi Matz. In reicher Morgentoilette sitzt sie auf dem Divan des Empfangszimmers und erteilt der Kammerzofe die Befehle für den Tag. Ein Diener tritt ein und meldet: „Herr Lehrer Magnus!" Da sie dssn Mann nicht kennt, befiehlt sie, ihn vorzulassen. Sie erhebt sich von ihrem Sitze, der Gemeldete tritt ein und stellt sich als Lehrer des israelitischen Gemeinde vor. Das (Besicht der Dame nimmt eine unangenehme Falte an und sie giebt der Jose ein Ieichen, daß ste sich entfernen solle. Sie hat sich längst wieder in die Kissen des Divans zurücksallen lassen und hebt in stolzer Haltung an: „Was nsiinschen Sie, mein Herr?" „Sie sind, geehrte Frau, als eine Fördererin der Litteratur und Künste in der ganzen Stadt bekannt, und daher erlaube ich mir, Sie um Teilnahme an einer zu begründenden jüdische,: Gemeindebibliothek verbunden mit Iournalzirkel zu ersuchen..." „Ich bitte, mein Herr, von jüdischen Schriften kann ich durchaus keinen Gebrauch machen; geben Sie sich also keine Mühe. Ich erinnere mich noch dergleichen bei meiner Großmutter gesehen zu haben; ich konnte sie damals schon nicht lesen, was soll ich also jetzt damit?" „Entschuldigen Sie, daß ich Sie über einen kleinen Jrrtun: aufklären inuß. Die anzuschasiendei: Schriften und Zeitungen sind in bester deutscher Sprache geschrieben und eben so unterrichtend wie geschmackvoll —" „D, ich bitte Sie, was kann wohl Geschinackvolles an jüdischen Sachen sein, und worüber könnten Sie mich unterrichten, verschonen Sie mich damit. Da hatte so schon in diesen Tagen ein Buchhändler die Unverschämtheit, nur eine Rununer einer jüdischen Zeitung zur Ansicht zuzuschicken. Das fehlte noch, daß ineine Domestiken nur wöchentlich mit höhnischem Lächeln so ein Judenblatt überreichten — oder soll ich etwa solch ein Blatt dort aus meinen Büchertisch legen —" und sie wies auf ihren mit reichen Albums und vergoldeten Büchern belasteten Tisch — „daß jedermann, den ich empfange, sogleich erkennt, daß wir Juden sind, während wir dies in jeder Weise zu vermeiden wünschen. Also, inein Herr, nichts davon." Der Lehrer, ein sehr netter junger Mann von gebildetem Aeußern, hatte sich längst erhoben, und, die Röte des Zornes im Angesicht, sprach er: „Wenn dies zu vermeiden nur so in der Macht der Menschen stünde, während die Natur zwei unvertilgbare Kennzeiche,: aus das Antlitz und in das Organ der Söhne und Töchter Israels eingegraben hat..." Jetzt war das Erzürnen aus der Seite der Dame, die rasch ausfprang unb voi: jüdischer Zudringlichkeit und Unverschämtheit sprechen wollte, aber der junge Mann war ihr zuvorgekominen und hatte mit einer Verbeugung schnell das Zimmer verlassen. Die empörte Dame brauchte lange Zeit, um sich zu beruhigen, aber schon wieder erschien der Diener, und ineldete: „Herr Pastor Giesebrecht!" „Er ist willkommen", nef die Dame und eilte dem Ankörnmling bis zur Thüre des Salons entgegen. Sie führte ihn nsit vielen Worten des Tankes für die Ehre feines Besuches zun: Sopha, und bat ihn, sich neben ihr niederzulassen. Rach mehrfacher Bekomplimentierung kan: der Herr Pastor zur Ursache seines Besuches. „Unter dem sichtbaren Beistände Gottes", sagte er, „ist es uns gelungen, eine Mifsionsstation zur Bekehr:mg der Heiden auf der Küste von (Guinea zu gründen, und nufere Berichte sprechen sich außerordentlich günstig über die Verbreitung des Heils unter den "Negern aus. Um so mehr müssen mir alles ausbieten, um die Mittel für den Unterhalt des Dieners des Wortes und für Bekleidung und Unterricht der armen .veidenkinder zu erlangen. Ich habe mich daher ansgemacht, um an alle mildthätigen Herzen unserer ^tadt, namentlich die Damen, die an der Spitze der hiesigen Gesellschaft stehen, zu appellierei: und ihre Unterstützung zu den: großen segensreichen Werke anznsprechen." „Herr Pastor", antwortete die Dame, offenbar Zehr geschmeichelt, „ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß ^ie auch urich an den: Segen dieses guten Werkes teilnehmen lassen wollen. Wir inüssen das Herz für das Unglück und die Leiden aller Mitnienschen offen haben, und ich lege gern eine Sumine zu dem gedachten Zpm'cke in Ihre Hand."