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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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'"LMM? Nr. 15. e f ($ u r u tt. Seite 287. aber Lemberg verdunkelte alles mit seinem (Glanze, lim die inürnsche, strenge Mutter war es ihr nicht so sehr leid, und so kain sie nach Leinberg. Der Ehe»:: hatte gleichfalls ein Mädchen, Paulinchen, diese war ihre Spiel- und Studiengesährtin. Der Enkel saß in einem schönen, großen Laden, verkaufte Seidenstoffe, Tuche und Leinwand, ebenso die Tante. Der Enkel kau: des Abends nach Hause, streichelte Paulinchen und manchmal auch Klara, und die Tante liebte beide gleich sehr, kleidete sie ganz gleich und schickte sie nicht in die Schule, sondern inö Konvikt der Frau PoniedrialkowSka. Hier war eine ganz andere Lebensweise. In der Schule wurde alles unterrichtet. Klara lernte viele Regeln, viele geographische Benennungen, viele Ranren und historische Datei: auswendig; aber bei alledem wußte sie sehr wenig. Schon im vierzehnten Jahre, als sie mit Paulinchen das Pensionat beendigte, sagten alle, daß sie sehr gescheit, sehr unterrichtet sei; ihr aber sehlte die Bildung. Sie verstand es nicht, ihre Gedanken und das erworbene wissen in ihren: Kopse zu ordnen, sich eine gewisse Weltanschauung zu bilden, denn darin wurde sie uicht unterwiese::. Ihr Gedächtnis nuirbc mit Abstraktionen und Dingen überbürdet, welche nach einen: Jahre wieder verflogen; inan gab ihr aber keinen Führer sürs reale Leben, keinen Prüfstein seiner Verhältnisse, Bedürfnisse und Anforderungen. Man lernte zwar, aber einseitig. Man überhäufte den Kopf mit vielen Theorien, welche, von den: immer grünen Lebensbaume berührt, wie der Tau vou der Sonne zerstoben. Sich weiter in dieser Richtung entwickelnd, verfiel sie in inuner größere Gegensätze mit sich und mit den: Leben. In den Büchern las sie, daß die Menschen so gut, ehrenhaft und rechtschaffen seien, und zu Hause sah sie, daß die Tante, welche einen: Verein der Barmherzigkeit angehörte, Arrne nicht hereinließ. „Madame" wiederholte sortwährend, daß des Menschen Glück nicht auf dieser Erde, sondern im Himmel sei, daß Reicht:»:: und irdische Genüsse nur Täuschungen seien, um welche sich zu kümiuern es sich nicht verlohne, und im Hause des Enkels sprach man nur vou: Handel, von: Geschäft, von Rechnungen. In allen Büchern wurde wiederholt, daß alles von Gott, dem Schöpfer der Welt, der die Güte und Barmherzigkeit fei, komme, wofür man ihn auch lieben und verehren müsse, und zu Hause hörte man nichts davon. 'Wenn sie so um sich schaute, konnte sie sich nicht erklären, warum.unter den Menschen soviel Elend und Schmerzen trotz des wachenden Auges der Vorsehung Vorkommen. Einige Tage in^der Woche waren immer schulsrei. Madame sagte, daß der Sonntag Feiertag sei, der Ruhe und den: Gebete gewidmet. Daun putzten sich alle Kolleginnen schön heraus, gingen in prachtvolle, majestätische Tempel, sie aber hatte keine Feiertage. Ihr Enkel feierte nicht Sabbat. Die freien Tage brachte er mit seiner Gattin außerhalb des Hauses bei irgend einer Unterhaltung zu, oder man empfing solche Gäste, deren Gesellschaft ihr nicht behagte. Während Paulinchen heranwuchv und selbstthütig über Toilette und über einen schönen Studenten des ersten Stockes nachzudenken begann, ward Klara täglich mehr in sich verschlossen. Ihr Gesichtskreis wurde von inuner schivärzeren Wolken umzogen. Sie las viel aus der Bibliothek der Frau Pouiedzialkowska. Es.waren dies lauter ausgewühlte Werke, öie größten Sprach,nuster der Ration aus der romantischen Epoche. Sie vertiefte sich darin gierig und andächtig. Tie ergötzte steh au den großartigen Bildern, schwungvollen Worten, erhaben.:: (Gedanken, die sie in den Musterwerken der nationalen Litteratur so reichlich sand. Sie dachte und fühlte polnisch und verstand es nicht, wie es anders sein könnte. Desto mehr mußte es sie befremden, daß Enkel und Tante Güsten gegenüber sich der deutschen Sprache und unter einander gar des widerwärtigen Jargons bedienten. Es schmerzte sie, daß ihre Kolleginnen so glücklich waren, in einer Welt der Ideale zu leben, während sie diese Gefühle nur aus Erzählungen und Büchern kannte. Die Kluft zwischen ihr und der 'Welt wurde täglich tiefer, auf ihren: Lebenswege türmten sich immer spitzere Stacheln auf. Sie wurde traurig, ihre innere ideale und religiöse Stinnnung wurde inuner intensiver und artete in Exaltation aus. Das junge Herz sehnte sich darnach, jemand zu lieben, an etwas zu glauben. Der Vater war weit, Enkel und Tante waren gleichgiltige, kalte Leute und rings uingab sie eine ordinäre Prosa. Klara wäre bereit gewesen, für einen großen Gedanken, für eine heilige Idee, selbst den Scheiterhaufen zu besteigen, wie jene Helden, von denen sie fo viel gelesen hatte. Aber was half's, in ihrer Uingebung war Spekulation und Kalkulation der Hauptgedanke, und das Ideal: — ein rechtschaffenes, bequemes Leben. Das aber genügte nicht dem edlen Schwünge ihres Geistes. Eine Antwort ans all die Rätsel und Fragen, welche ihr Herz zerfleischten, sand sie endlich in den: Worte „Jüdin", welches ihr eine erboste Kollegin ins Gesicht schleuderte. Also das „Judentuln" ist der Fluch, die Quelle des Unglückes! Klara kannte es nur einseitig. Sie fühlte nicht, was sich auf der Rückseite der Medaille befinden könne. Bei ihr war die jüdische Religion in: väterliche Wirtshause, in: übelriechenden Cheder und in: schnmtzigen Gebetbuche des „Belfers" verkörpert. Judentum war ihr jeder Mangel an Idealismus, das überschwänglich Praktische, die „tierische" Gottlosigkeit und der Jargon ihrer Anverwandten. Die Ethik, Geschichte und Litteratur der Juden waren ihr unbekannt und sie ivußte nicht, daß sie überhaupt existierten. Bekam man doch in: Konvikte selbst über die Geschichte und das geistige Leben der Hottentotten etwas zu hören, — von den Juden der Gegenwart aber nichts. Das sind nur Kaufleute, Trödler, schinutzige und nichtswürdige Leute. Niederträchtigkeit, Verbrechen, selbst das Schlachten christlicher Kinder — bildeten einen integrierenden Teil des Judentums. Hatte sie doch das in einigen Büchern, deren Inhalt sie nicht kontrolieren konnte, gelesen und — glaubte es! Vou Haß und Abscheu gegen das Indent:»::, mit welchen: sie ein gemeinsames Los wie den Zweig nüt den: Baumstamine verband, erfüllt, fühlte sie sich niedriger und unglücklicher, als das ärmste nichtjüdische Mädchen. Fortwährend machte sie Gott Vorwürfe, daß er sie als Jüdin, d. h. als das elendeste Geschöpf unter der Sonne erschaffen habe. Selbst ihr Name war oft die Ursache von Kränkungen und Deinütigung. „Zwiebel". Wie ungeheuerlich das klingt, wie verspürte man da das Judentum! Dieser Grau: und Kuinmer wirkten schädlich aus ihre Gesundheit. Josef, davon verständigt, kan: nach Lemberg und stolz und glücklich ob der Schönheit und Gelehrsamkeit seiner Tochter, nahm er sie mit nach Hause, wo sie sich jenes reizende Kabinett, einen „goldenen Käfig" einrichtete. Auf dem Laude beobachtete sie aus nächster Nähe das praktische Leben der Juden, welches sie noch mehr verletzte und unglücklich inachte. Sie sah ihre Glaubensgenossen wegen ein paar „elender" Kreuzer sich mit den Bauern herunizanken

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