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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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Seite 236. I e s ctz rr r rr ,t. Nr. 15. in dieser 26 dt, gesprochen werde», ausreichend. Deshalb erhebet^ euch über sie! 4. Von der Erhebung zu Gott gelangt der Beter zu einem Flehen um Frieden und .Leben für die Gesamtheit, die gegenwärtige und abwesende. „Jehe schlama rabba min schemaja, wechajim" Es werde höchster Friede vom Himmel und Leben uns u. s. w." Da wird im vierten Teile vor allem das Auge ^dcs Beters und Hörers gen Himmel gerichtet, denn nicht die Erde bietet die unschätzbarsten Güter Leben und Frieden, sondern der Himmel. Der Beter aber nennt hier Dinge, die wohl niemandem willkommener sein können, als dem, dessen Brust von peinigenden Gefühlen der Unruhe, innerer Unrat, grauenvoller Erregtheit durchwühlt sein muß angesichts der Klage und Trauer um den teuer» Verblichenen. Der Tote findet seinen Frieden, der um ihn weint bedarf des Friedens, und wie wenige hienieden vermögen ihn zu spenden! Der Heimgegangene hat ausgelebt, der ihn bejammert kann sich oft nur schweb von ihm trennen, dem Leben und den Pflichten völlig zuwenden. . Wie gebannt hastet sein Auge an Grab und Grabeshügel und wie -zu einem Heiligtum wallfahrtet er leiblich und geistig zu dem grünen Rasen, darin der Geliebte eingebettet worden. Ihm fehlt der Friede, oft gar die Lust weiter zu le b e n. Q, da ist wohl das Gebet am Platze: Es komme der Friede des Höchsten vom Himmel und Leben über uns u. s. w. 5. Endlich spricht der Beter hu 5. Teil wieder von Frieden, schalen», als ob es der höchste Wunsch wäre, was ja wohl auch in der Situation des Leidtragenden der Fall ist, aber während im 4. Teile „Es werde" steht, heißt es hier: Der Frieden stiftet in seinen Höhen, er stifte Frieden über uns und ganz Israel." Hier wird mit Nachdruck aufgefordert die Äugcu von der Tiefe zur Hö he emporzuheben, wo das 26erk göttlichen Friedens sichtbar ist wie etwa am bellen Sternenhimmel droben, oder wo man den Quell der über alle Welt ausgegossenen Harmonie denkt. Hier wird nicht von unbestimmtem 'Werden des Friedens geredet, sondern von dem bestimmten Thun und Bewirken desselben durch den Allerhöchsten. 'Wie packt ein solcher Gedanke am wirksamsten dort, wo mau sich etwa Trost verspricht von abstrakten Begriffen wie die Zeit. Q nicht die Zeit heilt die Wunden, sondern Gott, nicht von der Diese bängt die Seelenruhe, die Seligkeit oder der Friede ab, sondern von dem, der ihn schafft und spendet. Es ist also ein zuversichtlicher Trost, der aus den Schlußworten des Kaddifch guillt, zuversichtlich, indem der „bewährte Friedensstifter in den Höhen" angebetet wird in der Zeit, wo die Andacht den Geist von Grab und Diese ableuken, zu Himmel und Höhe emporheben will, aber auch von der^Unzulänglichkeit irdischer Kräfte zu der des Höchsten, den Frieden bewirkenden Allmacht der gütigen Vorsehung. Die in den letzten Absätzen stehenden 'Worte „al kol Israel", die die Solidarität der anwesenden und auch abwesenden Glieder der isr. (Gemeinschaft zum Ausdruck bringen, finden wir, wenn auch in anderer Fassung, in der üblichen Tröstuugssormel wieder': „Gott tröste Dich inmitten der andern Trauernden um Ziou und Jerusalem" d. h. g a u z I s r a e l. Ad vocem. „Ganz Israe l" fei hier die gewiß berechtigte Frage beantwortet: Warum wendet sich in einem trostersehnenden Gebete der trübselige Leidbeladene nicht in schlichter Zwiesprach unmittelbar an Gott, wozu erst die Mittelbarkeit der übrigen Gemeinde, Ausruf und Einstimmung, Anrede und Amen response? Ist nicht lautlose stille Anrufung Gottes entsprechender dem Herzensgram des atu liebsten mit seinem Kummer allein seinwollenden Verlassenen oder Verwaisten? Und kann ein Seelenhcilgebet nicht auch ohne die Gemeinde und deren Mitwirkung andachtskrästig und wirksam sein? — Nun, wenn dem auch so wäre — die Vernunft, das Gefühl und die Erfahrung lehren, daß es kaum Momente giebt, in denen die Teilnahme gleichgesinnter wohlthuender ist als eben in dem besagten Falle. Nein, du verlassene Waise in Israel, du bist nicht allein in deinem Schmerze, es teilt ihn jeder, der den gleichen Gott bekennt; es läßt dich die Gemeinschaft der Religion nicht allein; rufe nach ihr in der Vereinsamung, sie kommt, trägt mit dir, fühlt und meint und betet mit dir, und spricht zu deiner seelischen Aufrichtung an den Idealen der Gottheil i g u n g und des Glaubens an G o t t e S r e i ch und Ewigkeit verbunden auit dir ihr Amen. Einsam bist d u n i ch t allein, eine heilige Familie, die Glaubensgemeinde hält in inniger Beziehung zu deinen Interessen und denen deines Herzens zu deiner sichtlichen Tröstung verbunden mit dir die Andacht, die ans der Thränensaat eine Heilsernte dir beut. (Siehe die Rednertröstungen in Moed Katan 24, Megilla 23.) Daher die Verbindung des einzelnen mit der Gemeinde, daher Ausruf und Response, daher die Worte „Ganz Israel." In der That giebt es im Gebete überhaupt und in der Trostsuche bei Gott insbesondere kaum etwas, was das religiöse Bewußtsein mehr kräftigt, die Friedeussehnsucht -stier befriedigt und den Lebensmut intensiver stählt, als neben den vielen geistig erhebenden Momenten das Bewußtsein: man stehe nicht allein, man habe Teilnehmer, die dasselbe empfinden, dasselbe wünschen und hoffen, als der Gedanke der Liebe, Verbindung, Zusammeugehörigkeit aller, die sich eins fühlen in dem Bekenntnis und der Heiligung Gottes und daher für einander bitten und beten, wie sie einander eben euch ausruseu mit den Schlußworten: „Und sprechet daraus Amen, wöimrn Amen!" Feuilleton. Entgleist! Eine galizischc Erzählung von Wilhelm Fcldma it. Nachdruck verboten. (Fortsepuiig). Bei dieser Erinnerung schauderte sie zurück. „Qh, dieses Eheder", seufzte sie, und die Bäume begleiteten diesen Ausruf mit einem stärkereil Säuseln. Aber eines Tages — es war dies der freudigste Tag ihres Lebens — sagte der Vater zum neunjährigen Mädchen: „Höre, Klärchen, wie ich sehe, wird aus Dir keine Rabbinerin werden. Ich habe in Lemberg eineil Bruder, er ist ein reicher Kaufmann, Dl, ivirst zu ihm fahreil mtb dort die Schule besuchen. Für Dich werde ich nichts sparen, — bist Du doch mein einziges Kiild." Daiiials umfaßte sie ihn herzlich mit ihren Aermcheu. 'Wie gllt war da der Vater! ' Es that ihr zwar leid das Dorf, den ,.Diak", Kathi und die übrigen Freundinnen zu verlassen;

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