Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. K>. Xf e f cf) it t u u. Seile 225. hause Segnungen und Tröstungen „Berachoth wenechamoth" — jede Beziehung zu den Verstorbenen, und der au sich richtige Hinweis des Kollegen Dr. Biach in der „Oesterreichischen Wochenschrift" aus Talmud Berachoth 60, wonach wir gegen Gottes Ratschluß nicht murren sollen, oder aus den Gedanken des Prof. Lazarus in seinen „idealen fragen": „Aus dem Tode sogar entstellt Leben für die sittliche Alraft" und der Schmerz wird der Schöpfer geistiger Neubelebung, mag ja als homiletische Deutung vortrefflich sein, desgleichen die ausgezeichnete aber immerhin mehr induktive Erläuterung meines unsterblichen Lehrers und Freundes Jellinek sichrono liberacha. Aus dem Wortlaut des Kaddischgebets scheint eine Relation zu den Toten nicht hervorzugehen. Aus diese Weise iff denn auch erklärlich, daß z. B. iiu Hamburger Tempelritus der erste Absatz kompletiert worden mit einem Stück aus „Laddisch deitchadeta". (Siehe Nachmauides iu Tborath haadam S. 6) und in der Mitte mit einem Stück aus dem Portugiesenstddur, das da lautet: „Für Israel, für die (Gerechten sowie für jeden, der aus dieser Welt geschieden, nach dem Willen Gottes beten wir, daß sie reichen Frieden imb wohligen Seelenanteil an der künftigen Welt haben, Gnade und Erbarmen erlangen von dem Herrn des Himmels und der Erde, und sprechet Amen!" iBergt, auch die Andachtsbücher beim Kapitel der Seelengedächtnisfeier. ) Die hohe Bedeutung des Xaddischgebetes, welches nach Beendigung der agadifchen Borträge seit dem rabb. Altertum verrichtet wird, und uiit dessen Verrichtung schon der Talmud (Taauith) das Fortleben der Verstorbenen oder besser die Förderung ihres Seelenheils mit den Worten — „um sar<'> bachajim as hu bechajim, wer minder zurückläßt, die Gott heiligen, ist nicht tot, sondern lebt fort" — in Verbindung bringt, wird, in der Geschichte unsere Liturgie allgemein auf jene mystische Erzählung von Rabbi Akiba gegründet, welcher in einer nächtlichen Vision den Auftrag erhalten haben soll, ein Waisenkind mit der Kenntnis des Raddifch zu betrauen, damit dessen verstorbener Vater die Seligkeit erlange. Diese Sage findet sich im Traktat >ialla und im Tana debe Elia. (Vgl. Aboab, Menorath hamaor 1. Abschn. 1.) Allein, wenn auch der Multerschoß dieser so tief in das religiöse Bewußtsein eingedrungenen Beziehung eines ursprünglich allgenieinen Gemeindegebets der Gottesheiligung znm Leelenheile der Hingeschiedenen mystisch, sagenhaft und dunkel ist, so muß doch diesem nach dem Talmud schon im ersten nachchristlichen Jahrhundert vielfach gekannte und angeführte im aramäischen Volksidiom zum Vortrag gelangten Gebiete (Siehe Sabb. 110. Sota 49. vergl. Zunz (9. B. L. HH.j II. Aufl.) doch etliche Füge imprägniert sein, welche, wenn nicht direkt auf den Zusammenhang der Lebenden mit den Toten, so doch aus Transzen dentales schließen lassen, ans etwas, was Trauerhaus und Leidtragende seelisch beschäftigt. Ich vermute, daß in jeden der o Teile des Laddisch Auklänge an dieses Tranzendentale vorhanden sind. 1. „Verherrlicht und geheiligt werde Gottes rllnme in der Welt, die er nach Seinem Willen geschaffen" bringt zweifelsohne dein düstern, angesichts des Todes und der Trauer besonders genährten Pessimismus - neben dem Gedanken der menschlichen Unzulänglichkeit gegen den g ö t t l i ch en W i l l en auch die Idee: „ W a s G o t t t h u t i st >v o h l g e t h a n " näher. Magauch diese Welt im Schatten erfahrenen Leids nicht nach deinem Willen sein, bedenke, dar, ein höherer Wille im Universum waltet, von dem das „Schaffell" und Insdaseintreten überhaupt abhängt' So ivie das Schaffen und Vorhandensein dieser Welt als ein dir gewiß genehmer Ausfluß dieses höheren Willens erscheint, also ^scheuchen auch Werden und Vergeben, Sein und Nichtsein die Merkmale dieser irdischen Welt — nach des gütigen Schöpfers Willen so geschaffen — die demütige Ergebung in diesen Willen nicht aus deiner Seele. Bedenke hierbei auch, daß der Israelit in dieser Welt an ein G ot tesr eich, das kommen wird, glaubt. „Wejamlich malchüthe" er, der allwaltende Gott, wird seiner Verheißung geinäß ans dem dir vielleicht düster erscheinenden Iammerthal dieser Welt ein Messias reich machen, von den: dir der Begriff -- bila hamaweth lanezach — der einstigen V ernicht u n g des Todes vorschwebt. „Dieses Gottesreich mag in Bälde, in nächster Zeit schon kouunen — bei eurem Leben, in euren Tagen und in denen des ganzen Hauses Israel." Das will unzweifelhaft die Gegenwart mit der Hoffnung auf L e b e n erfüllen, ihre Blicke voin Tode ablenken, im Hinblick auf die verheißene Zukunft den Schmerz über das Vergangene lindern, „bechajechon — Ihr sollt leben!" Die Toten können Gott nicht preisen, wohl aber die Lebenden; jene können das Gottesreich nicht herbeiführen; wohl aber diese. — Die Ergeb u ng in d en Willen des gütigen Schöpfers, der Leben sge danke, die Hoffnung auf ein den Tod ü b e r windendes G o t t e s r e i ch, sollten diese Momente nicht über Grabesnacht und Todesschauer tröstende Lichtblicke eröffnen '< 2. „Leolam uloJme olmaja“, das heißt hebräisch: Leolam uleolme olamim, in Ewigkeit und in den Welten der Welten. Hier im 2. Teile der großen Responsorie anerkennt die Gesamtheit zweifellos den Glauben, daß nicht wie in dieser Welt, die Gott nach seinem Willen schuf, sondern in allen Welten, ob „bei unserem Leben unb in unfern Tagen" oder auch nicht, also im Leben und Tod, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in der sichtbaren oder unsichtbaren Welt Gottes Name gebenedeiet werde. In diesem Bekenntnis, das sich nicht mit einem „leolam" begnügt, sondern mit „m e hre ren We lt en" befaßt, könnte da das schmerzerklärende Denken an die zukünftige Welt, olam haba, der Glauben an die Ewigkeit und an eine Welt außer der irdischen' zweifelhaft feilt? 0. Es folgt der überschwänglich mit Pleonasmen des Lodens und Verherrlichens eingeleitete dritte Teil, in welchem die Einzelstimme des Vorbetenden ein Plus der Huldigung zu dem der Gesamtheit fügt, wobei es heißt: „leela min kol birechata wesehirata. tüsehbeehata weneehmata daamiran beolma“ „erhaben, weit hinaus über alle Legenssprüche, Gesänge, Loblieder und Tröstungen, die in der Welt gesprochen werden, d. h. höher, viel höher als es das Lob der Erdenbewohner vermöchte, werde die Benebeiung des Allerhöchsten. Das will doch wohl den Geist auf eine Welt lenken, die zugleich erhabener, 'weil Gott näher stehender, als diese Welt, Gottes Größe kündet! Die Bendeiungen der Erde oder der irdischen Welt - deamiron beolma — genügen nicht, ein Aufstieg zu überirdischen Regionen ist erforderlich, um Gottes ganze Größe zu erfassen. Auch die „Rechmata" Tröstungen, die der Erde erwachsen aus dem irdischen Gotteslobe, oder die Trost - Verheißungen, die die Irdischen im Namen Lottes spenden, sie lind lange nicht iu der Weise, in der sie genügend ij