Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 224. I e s <H u r rr n. Nr. 15. für diese Macht und findet ihn in den Ueberbleibseln, den Fossilien, den mythischen Gestalten, die die Sprache ihm aufbewahrt. Dies ist das ganze Verhältnis der Mythologie zur Religion. Erstere leiht letzterer die Form, welche früher einen anderen Inhalt barg — tote Gebeine, welchen die Religion neues Leben einhaucht. Die Mythe kennt nur Menschen, wenn sie der Sonne Laus beschreibet, die Religion macht diese zu Göttern, wenn sie der Sonne Altäre erbaut. Die Mpthe kennt keine Eigennamen; sie bewegt sich in beschreibenden Eigenschaftswörtern oder Gattungsbegriffen; die Religion kennt nur Eigennamen, Götter, welche das in der Mythe Beschriebene in der That wirklich vollzogen haben. In einem ganz ähnlichen Verhältnissen steht der Mythos zur Geschichte. Hier wird er zur Sage. Ter menschliche Geist haßt das Dunkle. Er sucht das Fehlende in der Ueberlieserungskette zu ergänzen, damit in enger Aufeinanderfolge Ring an Ring sich schließe. Die Ueberlieserung hat über dunkle Vorgänge verworrene Erinnerungen erhalten. Diese verdichten sich zu Persönlichkeiten, deren äußere Bekleidung abermals dem Mythos entlehrt werden. In diesem Sinne kennen wir den sogenannten Kulturmythus. Die Geschichte von Kain und Abel ist ein Beispiel dieser Art. Sie stellt, was auch immer in der Bibel ihr religiöser Lehrinhalt sein möge, (stehe Dr. Sann Hirsch, Katechismus, Kapt. IV.) den Kampf zwischen Ackerbau und Hirtenkultur dar. Die letztere unterliegt, wie geschichtlich ja die Stufe der Romadeu von der des seßhaften Landbebauers verdrängt worden ist. Aber noch weiter zurückgreisend, wird es sich ergeben, daß der Rame und andere einzelne Züge einem Sonnenmythus entnommen sind. Tie Entstehung aus mythischem Material ähnlicher Kultur- oder Geschichtsmythen, Sagen, läßt sich in vergleichsweise jüngster Vergangenheit Nachweisen. Wer kennt nicht die Sage von Roland dem Streiter? Run, das ist der Riederschlag des Grenzkrieges, welcher unter Karl dem Großen in den Pyrenäen wütete, Sagen, die wie die vom gehörnten Siegfried, der rächenden Ehrimhilde, beide Rachklänge der wüsten Fehdezeit anfangs der bürgerlichen Zeitrechnung, welche die de.stschen Stämme unter die Waffen hielt, das äußere Gewand einem alten Sonnenmythus entnommen. Ebenso verhält es sich mit der des Königs der Tafelrunde Arthur, oder mit btr vom schlafenden Rotbart; ähnlich auch ist das Verhältnis, welches zwischen (beschichte und Mythe in dem Trojanischen Sagenkreis obwaltet, ein geschichtlicher Kern liegt allen zu Grunde, welcher sich zu Persönlichkeiten verdichtet, und dem alten Mvthenschatze Form und Farbe entliehen hat. Der gute Dr. Faust, wie auch der leichtlebige Don Juan gehören ebenfalls in diese Kategorie. Diese Sagen stellen den Kamps des alten Heidentums mit dem Chriftentume dar; Faust, dessen unersättliche Gier nach Wissen, Don Juan dessen Sinnlichkeit. Der Mythus tritt ferner in den - Dienst der legende, der religiösen sowohl als der weltlichen. Ich erinnere hier nur an die „weiße Burgfrau", die in manchen Schlössern ihren Spuk treibt, als „Himmelsköniginnen" (Helena, Maria, Machbed). Und schließlich tritt der Mythus wieder eilt in die Kinderstube, welcher er entstammt. Rach langer Wanderung erscheint er dort als Märchen. Schneewittchen, das schlafende Dornröschen, an keilte Zeit und feinen Crt gebunden, die gerngesehenen Gäste aller Kiitderstuben, auch sie wurden einst der Sonne abgelesen, und senken vielleicht deshalb so reicheit Sonnenglanz ins junge, unverderbte Herz der Kleinen. Dies also des Wesen des Mythos. Er ist weder Erfindung noch das Produkt philosophischer Spekulation. Unbewußt entquillt er deiit Herzen in der Kindheit des Einzelnen, wie in der des gaitzeil Geschlechtes. Der Religivlt baut er die Vorhalle, wer ins Heiligtum treten will, er muß jene durchschreiten. Und das eine ist sicher, schon in diese Vorhalle strahlt das Licht jener nie verlöschendeit Leuchte, die delit Menschen aus feinem dornenvollen Lebenspsade leuchtet zuiu Kampfe — aber auch zum Siege! Zur Miliimiii) drs Kaddischgrlittks der lkii>traW-k». Von Tr. T. Lcimdörfer, Prediger zu Hamburg. Ztl den verschiedeiten Abhandlungeit, die in neuester Zeit über den Zusannneithang des traditionelleit Kaddischgebetes mit der Pietät gegenüber den Verstorbenen in ben israel. Zeitschriften erschienen sind, sei auch der folgenden Ratnn gegeben. Vor allem ist zu beachten, daß dieses Gebet mit seinem v i e r rn a l i g e n Ausruf °. „ U n d sprechet A tu e n — weimm amen —" einen Vorbeter und eine nachbetende Versamurlung voraussetzt, und so die H e i l i g u n g Gott e s i n d e r f r o m m e n Geineinde — Kiddusch ha Schein barabbim — woraus schon die Einleitung: „Es werde verherrlicht und geheiligt der Rame des Höchsten" hinzielt, bezweckt. Viermal nimmt der Vor betende das Wort zu: 1. Jitgndal, 2. Iitbarach, 2. Jehe schlama, 4. Ose schalom; während die Gemeinde sünsmal die Lippen öffnet, nämlich viermal um mit ihrem „Amen" der Aufforderung des VorbeterS nachzukomlnen und einmal zu der thatsächlichen selbstständigen Huldigung, gleichsam zur Erfüllung des Wunsches oder bester der Pflicht der in Rede stehenden Heiligung mit den -Worten nach dem ersten Amen: jehe scheine rabba meborach leolam ulolme olmaja. Es sei so, es werde der Rame des Höchsten gebenedeiet in der Welt und aller Welten Welten." In der That führt der stete Preis Gottes überall und allemal d. h. „in allen Welten" zur Erfüllung des „Iitgadal wejitkaddaseh, und wie könnte die Krönung oderrichtiger — wejamlich malechuth — das göttliche „ H uldigen - l a f 1 e n f e i u e r R e g e u t s ch a s t" aus Erden ihren thatsächlichen Ausdruck finden, wenn nicht im Benedeien des göttlichen Ramens! Es ist daher folgerichtig, wenn der Vorbeter den Aufforderungew zu „Giddul lind Kiddusch, zur Vergrößerung und zur Heiligung" nun folgen lägt: Iitbarach „Er werde gepriesen". Um aber das im ersten Absatz berührte „bechajechon ubejomcchon ubchaje dechol beth Iisrael, d. h. bei eurem Leben, in euren Tagen und beim Veben des ganzen Hauses Israel wahr zu machen, müssen wir, d. i. der Vorbeter und die Gemeinde und das aauze Haus Israel leben und in Frieden leben, denn nicht die VToU'ii preisen Gott, und - ohne inner» und äußern Frieden ist der Gottespreis in allen Welten in Frage gestellt. Daher dem Wunsche im zweiten Absatz die im dritten und vierten hervorgehobenen (stebete von Leben und Frieden für uns und ganz Israel folgen. Wie aber wird diese Gottesheiligung ein Duell des Trostes für die Trauernden? — Anscheinend fehlt — wenn man von dein Worte „wenechemata— und Tröstungen absieht, --- Rappoport und Zunz neunen die Agadavorträge im Trauer-