Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i:>. 9 (? f rf) u r u n. Seite 2H3. und legte tu seinem int sichre 18(12 erschienenen Buche „rKoiii und Jerusalem" ihm interessante Bekenntnis ob: „Der (stedanke, der jetzt wieder lebendig vor mir steht, ich glaubte Um für immer in der Brust erstickt zu haben; der Gedanke an meine Nationalität, unzertrennlich vom Erbteil meiner Väter, dem heiligen Lande nnd der ewigen Stadt. Seit Jahren schon pochte dieser lebendig Begrabene in der verschlossenen Brust nnd suchte einen AnSiveg. Doch mir fehlte die Schwungkraft znm Uebergange an-) einer dem Indentume scheinbar so fern liegenden Bahn, wie die meinige war, zu jener neuen, die mir in nebelhafter Ferne und nur in allgemeinen Umrissen vorschivebte." „Nom und Jerusalem" von Moses Heß ist der erste Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der jüdischen Renaissance-Bestrebungen. Das Buch, ganz im (steifte feiner Zeit gehalten, argumentiert mit der „Mission des jüdischen Volkes in der Weltgeschichte". Diese „Mission" läßt Heß ebensowenig Ruhe, als seinen, von ihm so grimmig gehöhnten Antipoden, den jüdischen „Religionsresormntoren". (stewöhnt man sich aber an dieses heute veraltete Schlagwort, so liest man auch jetzt noch das tiefen philosophischen (steift nnd sittlichen Ernst bekundende Werk mit Genuß. Umsomehr wäre man versucht, vorauszusetzen, daß es ans die Zeitgenossen gewirkt habe, zumal Heß eine ivohlbekannte politische Persönlichkeit war. Das war aber nicht der Fall. „Nom nnd Jerusalem" ries zwar in den jüdischen /Fachzeitschriften, die fast sämtlich ans „religionsreformatorischem" Standpunkte standen, einen Sturm von Entgegnungen hervor; nnd andererseits gab sich Heß Mühe, durch mündliche und persönliche Agitation und in Verbindung mit einigen Männern, — die vom überlieferten Judentum aus, teilweise schon vor ihm, zu ähnlichen Resultaten, wie er, gelangt waren, — weitere Propaganda für seine Ideen zu machen. Aber alles vergebens. Heß nnd seine Freunde starben, ohne auch nur den geringsten Erfolg ihrer Bemühungen erlebt zu haben. Dem nunmehr verivaisien (stedanken entstanden in den siebziger Jahren zwei geistig nnd sozial hervorragende Freunde: Der englische Premierminister Benjamin Disraeli, Lord of Beaeonsneld, und die englische Romanschriftstellerin George Eliot. Disraeli, bekanntlich jüdischen Stammes, verriet seine Empfindungen für die Idee der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes schon in feinem Romane „David Alroy", in welchem er die Thaten, Erfolge und den Untergang eines jüdischen Pseudomessias des 11. Jahrhunderts erzählt. Er hat fickst aber auch mit der Absicht getragen, dem Berliner Kongreße Vorschläge betreffs einer Kolonisation Palästinas durch Juden zu unterbreiten, kam aber im letzten Augenblicke davon ab. (stleich Beaeonsfirld hat auch George Eliot in einem Romane die Ideen der jüdischen Restauration verfochten. Ihr „Daniel Deronda" ist aber kein historischer, sondern geradezu ein in der (stegenwart spielender Tendenzroman. Der Ditelheld unt> mehrere andere hervorragende Personen des Romans lind bereits bewußte Propagatoren jüdisch-nationaler Anschauungen. Darum hat die jüdische Fachpresse auch diese in Romansorm gekleidete Agitationsschrift heftig angegriffen, Nichtsdestoweniger hat sich auch „Daniel Deronda" kein lstehör verschafft - , und wieder blieb der Erfolg aus. sicherlich aber hat dieses Buch, nicht minder als die ihm vorhergegangenen, vorhandene Heime befruchtet und so den großen Ereignissen vorgearbeitet, welche kommen mnstteN' damit die Trägheit der Massen von den berufenen Vorkämpfern überwunden werden könne. Diese großen Ereignisse sind die russischen Judenverfolgungen des Jahres .1882. Seit damals giebt es eine jüdisch-nationale, oder, wie sie sich auch nennt, zionistische Bewegung. Ans den sich wiederholenden Verfolgungen in Rußland und dem Steigen des Antisemitismus in anderen Ländern, schließlich aus ihrem eigenen Wachtstnm Nahrung ziehend, wächst sie von Jahr zu Jahr nnd sieht allem Anscheine nach auch noch weiteren Fortschritten entgegen. In Rußland wurden znm ersten Male die Grundsätze der neuen Partei ausgestellt. An der Spitze des Programms stand die Ackerban-Kolonisation Palästinas zum Zweck der Wiederbesetzung des nationalen Bodens. Die Begeisterung für dieses neue Ideal war eine unglaublich hohe. Um ein Beispiel anznsühren: Eine Anzahl Studenten der Ehersoner Universität faßte den Beschluß, die Studien auszngeben, nach Palästina zu ziehen und dort als einfache Landlente den Boden zu bestellen. Die jungen Männer führten diesen recht unrationellen Entschluß aus und hatten dann in Palästina die furchtbarsten Leiden zu erdulden, ans welchen sie auch jetzt nicht ganz befreit sind. Von solchen Märtyrerleistnngen abgesehen, haben aber die russischen Zionisten auch eine große Organisation für das Kolonifationswerk geschaffen. Aus dem ersten zionistischen Kongresse, der in Kattowitz (Oberschlesien) im November 1884 stattsand und zum geringen Teile auch aus Deutschland, England unb Frankreich beschickt war, gründeten sie den „Montesiore-Berband", der einige Jahre später die offizielle Bestätigung durch die russische Regierung und ixm Namen „Verein zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien unb Palästina" erhielt. Der Verein, welcher gegenwärtig viele tausende Mitglieder zählt, hat seinen Zentralsitz in Odessa und ein erekutives Organ in der palästinischen Hafenstadt Jaffa. Er hat an der Gründung und Beförderung der im heiligen Lande bereits bestehenden jüdischen Ackerbaukolonie ziemlichen Anteil genommen. (Fortsetzung folgt). Uythologik und Rtligio». Von Tr. Emil (st. Hirsch, Chicago. III. In welchem Verhältnisse nun steht die Mythologie zur Religion? Ihrem Wesen nach in gar keinem. Die Religion, wie wir früher anszusühren versucht, entspringt dem, dem Menschen innewohnenden Triebe, die Schranke seiner Endlichkeit zu durchbrechen, sich ans der Unfreiheit seiner Beschränktheit frei zu machen, den nie rastenden Kämpf zwischen Wollen nnd Können zum glorreichen AuStrage zu bringen. Dieser Trieb erzeugt eine von der mythologischen grundverschiedene Ratnrauffassung. In seinem Streben, die gähnende Kluft zwischen seinem Wollen und seinem Können zu überbrücken, sieht der Mensch sich bald von der Natur gehenunt, bald gefördert. Er empfindet schwer ihren Druck, oder atmet erleichtert aus, wenn die Schwere desselben sich vermindert. Er erkennt die Natur nicht als ein mit ihm Verwandtes, sondern als eine ihm feindlich gegenüberstehende Macht, die zerstörend, wenn beleidigt, segnend, wenn besänftigt, in seines Lebens (beschicke eingreiseit kann. Er sucht und) einem Namen I’ ji