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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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Seite 282. 3 c T d? « r u u. Nr, 15. herabgesetzt iverden füll. Aus den regen Debatten in Dortmund, sowie aus sonstigen in die Angen sollenden Merkmalen ergab sich ein reges Interesse für alles jüdische Wesen, soweit man darunter die Orthodoxie eben nicht einschliestt, für die der westfälische Boden absolut unfruchtbar ist. Das über Dortmund gefällte Urteil ist auch mastgebend für Witt en, Steele und Boch mit, die man gleicherweise um so höher zu schätzen hat, als sie ihren geistigen Bildnern, ihren Lehrern ein hohes Maß von Achtung entgegenbringen, das sich auch nach der äußeren, gesellschaftlichen Stellung der Lehrer sehr wohlthuend offenbart. Die letzteren sind zumeist definitiv angestellt und meistenteils schon recht lange am Orte, — ein Zeichen gegenseitiger Zufriedenheit, das den Lehrern wie den Gemeinden ein ehrendes Zeugnis ausstellt. In Steele hat die antisemitische Bewegung recht traurige Früchte gezeitigt. Wie mir geklagt wurde, haben die besseren Elemente der dortigen Glaubensgenossen nach den Hetzreden der völlig, Liebermann und Ahlwardt den gesellschaftlichen Berkehr mit ihren nichtjüdisch>.'n Mitbürgern ausgeben müssen, weil man ihnen nahelegte, daß sie nicht gern gesehen seien. Den antisemitischen Blättern wird di ne Bethütigung christlicher Nächstenliebe gewiß eine hohe Genugthuung bereiten, für die dortigen Juden hat sie den engeren Anschluß untereinander herbeigesührt, der gewiß auch das Gute bei allem Bösen — nach der Seite der Belehrung hin von segensreichen Folgen sein wird. Den Beschluß machte Elberfeld. Ich hatte dort Gelegenheit den Gottesdienst am Sabbat zu besuchen, den ich mir eigentlich, da weder Predigt noch sonst irgendwie besonderes zu erwarten war, recht öde vorgeftellt hatte. Ich war daher, recht angenehm überrascht trotz alledem ein ziemlich „besetztes Haus" zu finden, was jedenfalls den Beweis liefert, daß auch der Sinn für das Gotteshaus nicht so sehr ins Wanken geraten ist, wie dies anderwärts leider konstatiert werden muß. Die meinem Bortrage dort sich anschließenden Debatten waren recht lebhaft. Den Schluß des Abends bildete eine gemütliche Unterhaltung, in der ich verschiedene humoristische Darbietungen junger Kaufleute mit unhörte, unter denen eine „Kapuzinerpredigt" besonders ansprach, weil sie verschiedenen jüdischen Geflogcnheiten eine derbdraftische und satprische Beleuchtung gab. Gelegentlich erfuhr ich auch, daß die jungen Leute aus eigener Initiative einen Lese-Abend gegründet haben, dem ich hiermit den besten Erfolg wünsche. Die';>o«Mchk öei»kgii»g. Von Matthias Acher. I. B o rb e m c r k u n g der R e d a k t i o n. Wiederholt ist in den Spalten dieses Blattes über die Frage Zionismus debattiert worden, immer aber nahmen diese Debatten einen unerfreulichen Verlauf; der Eifer auf der einen wie der anderen Seite trübte den ruhigen Gang der Diskussion, und wir alle, die wir Klarheit über Wesen und Ziel der zionistischen Bewegung wünschten, waren schließlich so klug als wie zuvor. Nun finden wir im Feuilleton der Frankfurter Zeitung einen Aufsatz, der die vielumstrittene Frage in einer so leidenschaftslosen Weise bespricht, daß wir vermeinen, ihn unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen, denn auch den Gegner muß inan kennen. -i- * * Nie wird es einem (Geschichtsschreiber gelingen, nns die große Tragödie des Indenvolkcs auch nur annähernd so ergreifend vorzusühren, als dies die Ahasversage timt. Ahasver findet nicht Naß noch Tod. Er scheint ewig wandern, ewig leben zu sollen. Wirklich ewig? Fst es nicht blos der frommeinfältige Sinn des Volkes, der sehr lange Zeiträume in Ewigkeit umtaust? Gewiß. Geschichts- und Kulturgebilde kennen keinen Flach oder Segen der Ewigkeit. Sie sind über kurz oder lang dem Untergänge geweiht. Und so wurden in unserem Jahrhundert die Ahnungen, daß auch die Tage der Ewigkeit des ewigen Juden gezählt sind, immer allgemeiner. , Diese Ahnungen wurden zu Wünschen, die Wünsche zu Gleichberechtigungs- und Einbürgerungsgesetzen. Die große Tragödie sollte einen versöhnenden Abschluß erfahren. Der lebensübersatte ewige Jude sollte mit einem todesfreudigen Lächeln auf den Lippen in den Armen der ihn zärtlich betreuenden Europa die müde Seele aushnuchen. So dachten und denken sich die einen das Ende des ewigen Juden. Ganz verschieden von ihnen stellten und stellen es sich die anderen vor. Bon diesen anderen, von der sie beherrschenden seltsamen Idee soll hier die Rede sein. Diese Idee, ein ins Politische übersetzter Missiasglaube, tauchte während der letzten zwei Jahrtausende mehr als einmal aus, erschien unter anderen auch dem großen Spinoza plausibel, mußte aber auf die Nationalitätenbewegung unseres Jahrhunderts warten, um sich in eine Bewegung umzusetzen. Aber auch jetzt gedieh sie, nach einigen seit den 40 er Jahren gemachten Anläufen, erst infolge der russischen Judenverfolgungen des Jahres 1882 zu sehr energischem Leben. Der „ewige Jude" heißt iin Französischen bekanntlich „le juif errant." Die deutsche Bezeichnung hebt das Nichtsterben-können, die französische das Nicht-zur-Ruhe-kommen Ahasvers hervor. So wird es wohl auch kein Zufall sein, daß es unter 'Nichtjuden zuerst Franzosen waren, welche den „ewigen Inden" nicht die Nahe des Grabes, sondern die Nahe des eigenen Heims finden lasten wollten. Zunächst war es 'Napoleon!., der sich bewiesenermaßen mit der Idee der Gründung eines jüdischen Staates Palästina trug. Einen gleichen Plan entwickelte der Verfasser einer im Paris im Jahre 1848 unter dem Titel „La n<mveile questinn erienatale" erschienenen Schrift. An einer Stelle derselben werden die Inden folgendermaßen apostrophiert: „Ihr seid Kraftnaturen und wir beugen uns vor Euch. Ihr wäret stark während Eurer antiken Geschichte, stark nach der Zerstörung Jerusalems, stark im Mittelalter, als es nur zwei dunkle 'Mächte gab: Die Inquisition mit dem Kreuze, die Piraterie mit dem Halbmonde. Ihr habt Euch' in der Zerstreuung erhalten, freilich nicht ohne den immensen Tribut von achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung zu entrichten. Aber der Nest Eurer Nation ist noch stark genug, um die Pforten Jerusalems wieder auszurichten. Das i)t Eure Ausgabe." Die Schrift — ihr Verfasser hieß Ernst Laharanne — hatte zunächst keine Wirkungen. Sie blieb unbeachtet. Zwanzig Jahre später wurde sie von Moses Heß, — der bis zum Jahre 1849 Redakteur der „Rheinischen Zeitung" gewesen war, dann nach Paris flüchten mußte, wo er, mit kommunistischer Agitation beschäftigt, bis zur Amnestie 1861 verblieb, — gelesen. Die Ausführungen Labarannes inachten auf den Revolutionär einen nachhaltigen Eindruck. Er dachte viel über das (belesene nach, verarbeitete es in seinem Kopse

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