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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1T>. § e f c§ n x u rt. Seite litt co doch den Antisemiten, ihrer rastlosen Agitation, ihrer un ernlüdtichen Wirtshaus-Propaganda, das gewerbliche Kleinbürgertum, d. i. den dritten Wahlkörper des Gemeinderats zu erobern. So kamen die Antisemiten schon bei den früheren Gemeinderatswahlen bis aus 46 Mandate, — eine starke Minorität. Diese gab wohl der liberalen Majorität viel zu schaffen. Aber die liberalen waren überzeugt, daß von der Forschung dafür gesorgt sei, daß aus einer .Minorität nie eine Majorität werden könne, und sie tharen gar nichts, um die steigende Mißstimmung der Wählerschaft zu beruhigen, während die Antisemiten, je größer sie wurden, nur desto eifriger arbeiteten. Da kamen die diesjährigen Wahlen, die zwei beachtenswerte Charakterzüge zeigten. Das eine ist die Abwendung der Juden von der deutsch-liberalen Partei. Die Juden sind immer, ob nun die liberale Partei in der Herrschaft oder in der Opposition war, die treuesten Anhänger derselben gewesen, weil sie in ihr die berufenen Beschützer der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden und des konfessionellen Friedens sahen. Solange die liberale Partei in der Opposition war, wurden alle Zurücksetzungen der Juden in der Staatsverwaltung, die indirekte Unterstützung, welche die Staatsbehörden durch ihre Passivität den Antisemiten bei der Judenhetze angedeihen lassen, von der liberalen Partei der Taaffeschen Negiernng znr Schuld geschoben. Nur die Negierung, hieß es, könne derartige Ungerechtigkeiten und Ausschreitungen verhindern, die Opposition sei machtlos. Mit derartigen Neben vertrösteten die Deutsch-Liberalen die Inden vierzehn Jahre hindurch. Jetzt sind aber die Liberalen selbst, wesentlich mit Hilfe der Juden, znr Regierung gelangt. Es geschieht aber doch nichts für die Juden, nnd die Juden wenden nun dieselbe Logik >.n, die ihnen von den Deutsch- Liberalen durch soviel? Jahre eoiitra Taffe eingetrichtert wurde, indem sie jetzt den Liberalen an aüen Unerquicklichkeiten ihrer Lage Schuld geben. Bei den Gemeinderatswahlen haben sich viele Inden absentiert, um nicht für einen Liberalen stimmen zu müssen, und dadurch den Antisemiten den Wahlsieg erleichtert. Ja, das schier Unglaubliche ist geschehen, in der Leopoldstadt — dem von Juden am stärksten bevölkerteil Bezirk von Wien — haben sogar Juden für den antisemitischen Kandidaten gestimmt. Nur so ist es den Antisemiten geltlngen, am letzten Donnerstag das Mandat des dritten Wahlkörpers der Leopoldstadt in ihre Hand zu bekommen. Ein anderer Eharakterzug der Gemeinderatswahlen ist der Abfall der Intelligenz von bir liberalen Partei, die, angewidert von der Charakter-, Ideen- und Thatenlosigkeit der liberaleil Partei, in Ermangelung einer dritten Partei aus Protest für die Antisemiten gestimmt hat. Die Korruption m der Beamtenhierarchie, die energische, rückhaltlose Geißelung dieser Korruption durch Lueger, den Führer der Antisemiten, in seiner letzten Parlamentsrede, das völlige Stillschweigen der liberalen Partei — diese Dinge haben gewiß noch in letzter Stunde viel dazu beigetragen, das Wahlglück den Antisemiten zuzuwenden. Dies sind die wahren Ursachen, als deren Wirkung die Wahlen zum Gemeinderat in, Wien auzusehell sind, und dieser langen Rede kurzer Sinn ist: Nicht der Antisemitismus hat iu Wien gesiegt, gesiegt hat vielulehr uur der Antiliberalismus, dessen Träger' allerdings meist Antisemitei, sind. Aus Rhkiilland-WMlkn. Ein Reisebrief von I. Mansbach er. Durch die Aufforderung des Verbands-Vorsitzenden des Vereins der Nheinisch-Westsälischen Litteratur-Vereine ward mir der ehrenvolle Auftrag, in verschiedenen Orten der beiden Schwesterprovinzen den Zielen der oben angezogenen Vereine gemäße Vorträge zu halten. Aus einem doppelten Grunde war der Nllf für mich willkommen, einmal weil das bekannte Land der „roten Erde" meine Heimat ist, sodann aber, weil ich in der Rheinprovinz Jahre hindurch gelebt und Freude und Gesinnungsgenossen mir erworben hatte. Dazu kam aber ein drittes Etwas, das mir den Anlaß bietet über die Reise hier kurz zu referieren, nämlich die willkommene Gelegenheit, mit eigenen Äugen dem Gange der Entwickelung zu folgen, den die Juden der Westprovinzen bisher verfolgt haben und der zu demjenigen in einem gewissen Gegensätze steht, den die Glaubensgenossen weiter östlich, zumal iu Berlin, eingeschlagen haben. Sollte ich dabei zu rosig gemalt haben, so bitte ich meine geehrten Leser gütigst um Verzeihung: auch die Heimatliebe hat ein Anrecht darauf, bis zu einem gewissen Grade bestechen zu dürfen. — Das erste Ziel meiner Reise war die in einem gewaltigen Kranze von Bergwerken eingeschlossene und inmitten einer inächtigen Fabrikenthätigkeit rastlos schaffende Hauptstadt der roten Erde, der ehemalige Hauptsitz der furchtbaren Vehmgerichte — die Stadt Dortmund. Die Signatur der Stadt ist in dem obigen Satze gegeben. Bergbau und Fabrikenthätigkeit haben der Stadt ein mächtiges Wachstum verliehen und sie^zu einer Industriestadt ersteu Ranges erhoben. Ein Netz von Eisenbahnen inündet hier, uin von hier aus den „schwarzen Diamanten" nach allen Richtungen hin in die Welt zu senden oder die Erzeugnisse des dortigen Gewerkfleißes in der Ferne nutzbar zu machen. An einem solchen Orte ist für ideales Streben wenig Platz, zumal diejenigen Institute fehlen, welche beispielsweise in Berlin als Gegengewicht wirken, nämlich höhere Lehranstalten, wobei ich allerdings nicht an Gymnasien und Realschulen denke, die ja nur der werdenden Menschheit dienen wollen, sondern an solche Anstalten, die nach den gereisteren Menschen mit der Seite des Lebens verknüpfen. Da ist es schon ein treffliches Zeichen für den Geist der dortigen Glaubensgenossen, daß sie den Litteratur-Vereinen ein wirklich ivarmes Interesse entgegen gebrach, haben, so daß selbst weniger Bemittelte ihr Scherslein zur Unterstützung dieser Vereinigungen beitragen. Acan vergleiche in dieser Beziehung uur unsre Stadt Berlin nüt ihrem sterilen Boden für jüdischerfeits in's Leben gerufene Institutionen, um schon hieraus allein zu ersehen, daß die Idealität der Juden des Westens eine höhere Stufe einnimmt, als diejenige der so viel gepriesenen Residenz. Bemerkt sei hier, daß die Liturgie der westfälischen Juden durch die Schaffung eines einheitlichen Gebetbuches bekanntlich eine einheitliche Färbung erhalten hat, die, mag man sonst über das Buch selbst denken wie man will, für das Gedeihen der gottesdienstlichen Seite des Judentums einen hohen Wert hat, so daß man nur wünschen kann, daß noch im großen ein festeres Band die jüdischen Gemeinden umschlingen möchte. Für die Schulen hat der israelitische westfälische Gemeinde-Verband die Einrichtung getroffen, daß die Lehrer in kollegialer Weise von Zeit zu Zeit ihre Schulen gegenseitig inspizieren, was jedenfalls der Aussicht vorzuziehen fft, die amtlicherseits geübt wird, — die aber keineswegs damit

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