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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-29 · 13 (29.3.1895) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 206 (sequence 10)
Language
German
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Seite 206, Keschurun. Nr. 13. öen Vieren gleichgestellt, denen man keinen Eid schwören könne )c. Am 18. d. 4N. h o d jedoch der 8. Strafsenat des Reichsgerichts das Urteil aus und sprach den Angeklagten kostenlos frei, weil es rechtsirrtümlich sei, wenn in dem Inha lte des Artikels eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschast erblickt werde. Die einzelnen, angeblich rohen Aeußerungen bezögen sich nur aus die Rasse, nicht aus die Religion der Juden und könnten deshalb nicht zur Verurteilung sühren. — Darob großer Jubel im seindlichen ^ager, da man nun getrost Juden und Judentum herabwürdigen und hinterher erklären dars. man habe mir die „Rasse"- gemeint. * t. Aus Oesterreich. In einer der letzten Sitzungen des polnischen Reichsratsklubs — beiläufig, eine der sonderbarsten Vereinigungen, da in dem Polenklub Feudale und Demokraten, Juden und Antisemiten neben einmtber sitzen! - brachte Abgeordneter Dr. Bloch eine Konkursausschreibung wegen Besetzung der Stelle eines Salinenarztes in Hallstatt .zur Sprache und lenkte die Aufmerksamkeit daraus, daß dieser Konkurs von den Bewerbern nebst anderen Nachweisen die B e i b r i n g u n g d e s Taufscheines fordert, worin eine Verletzung der Staatsgrundgesetze gelegen sei. Dr. Bloch verwies daraus, daß sich der Klub vor ungefähr einem Jahre schon mit der Frage der Zurückweisung der Juden bei Bewerbung von Staatsmämtern beschäftigt habe und daß die Mitglieder der Regierung damals ersucht wurden, diesen Gegenstand im Ministerrate zur Sprache zu bringen. In der prinzipiellen Ausschließung der Juden bei der Bewerbung um Staatsämter liege eilte Verletzung der Staatsgrundgesetze, welche auch die Minister beschworen haben. Er bat um die Erlaubnis des Klubs, in bezug auf die vorher erwähnte Konkursausschreibung im Hause eine Interpellation einzubringen. ----- Nach längerer Debatte lehnte die Majorität der .Klubmitglieder ben Antrag Bloch ab, denn „das geht uns gar nichts an!" Dagegen fanden sich durch diese Vorgänge im Polenklub die Abgeordneten Dr. Kronaweiter, Pernerstorfer und Genossen bewogen, an den Finanzminister und den Ackerbauminister eilte bezügliche Interpellation zu richten. Die Regierung konnte sich selbstverständlich aus den Standpunkt: „Das geht uns gar nichts an!" nicht stellen, und der Finanzminister beantwortete mit einer bei uns seltenen Raschheit die voranstehende Interpellation im Einvernehmen mit dem Ackerbauminister dahin, daß diese Verlautbarungen in dem Sinne werden geändert und neu publiziert werden, daß neben deu übrigen Qualifikationsnachweisen im atlgelneinen der Altersnachweis voil den Bewerbern verlaligt werden wird. Den Anforderungen der Rechtsgleichheit wird somit im vorliegenden Falle, wenigstens in formeller Hinsicht, nachträglich Rechnung getragen werden. Das ungarische Magnatenhaus lehnte Sonnabend im weiteren Verlauf der Sitzung den Gesetzentwurf über die Rezeptiüll der jüdischen Religion mit 177 gegen 111 Stimmen ab. * s Aus Frankreich. Die Zahl unserer Glaubensgenossen ist hier nur gering. Bei einer früheren Zählung wurden nur 60,000 Juden in Frankreicki gefunden, in vier Departements gar kein einziger, in ben meisten andern nur vereinzelte, so daß in mindestens 5)0 der 87 Departements keine jüdische Oicmcinbe, keine Synagoge besteht. Seit einigen Jahrzehnten wird das Bekenntnis bei den Volkszählungen nicht mehr vermerkt. Es ist also schwer, annähernd geilaue Ausschlüsse über Pie Zahl der Juden zu erlangen. Meist wird dieselbe aus 80-—150,000 für ganz Frankreich geschätzt. Indessen dürsten es nicht mehr als 100,000 sein, wovon 40,000, vielleicht mehr, in Paris, wo mehrere Synagogeit, ein Rabbiner - Seminar, sowie jüdische Schulen bestehen. Mindestens neun Zehntel der Juden gehören dem deutschen, die Übrigen dem portugiesischen Ritits an, für den in Paris, Bordeaux, Bayoniie und Marseille eigene Synagogen vorhanden sind! Die tueisten Franzosen kennen Juden nur vom Hörensagen oder höchstens aus stüchtiger Begegnung, ein Vorurteil hat daher bei ihnen feinen Boden. In den großen Städten verschwinden die Juden, wenigstens äußerlich, in der Ri aste und haben fast nur Verkehr mit dem Geschäftssinn de. Vorllrteile gegen sie sind kaum nachweisbar, im gesellschaftlichen Verkehr wird kein Unterschied gemacht. Zn öffentlichen Stellen finden wir Juden: 800 Offiziere, 4 Richter, ebenso findet Ulan hier einige Präfekten und Beamte unseres Bekenntnisses. Die Rabbiner erhalten, (wie die protestantischen Prediger) Staatsgehalt. Eine der Pariser Synagogen ist aus Kosten der Stadt erbaut worden. An den öffentlichen höheren Schulen ist für jüdischen ReligionsKlnterricht gesorgt, selbst wenn nur sehr wenige Schüler (5—6) daran teilnehmen. Die Lage der Juden läßt sich daher kurz dahin fasten! vollständige Gleichstellung mit den Ehristen, welche in jeglichem Verkehr durchaus duldsam gegen die Juden sich zeigten; von Gegensätzen oder Ausschließlichkeit keine Spur. So war es bis jetzt; ob es auch in Zukunft io bleiben wird? Wer vermöchte es vorauszusagen! — Die Lage der Juden in Frankreich wird mit jedem Tage ernster. In allen Kreisen nnd Schichten der Bevölkerung taucht unheimlich die „Judensrage"' aus. Ein bekannter Pariser Journalist christilichen Glaubens, Lepelletier mit Namen, wendet der Sache seine volle Aufmerksamkeit zu. Darum ließ er in dieser Beziehung im „Echo de Paris" einen sehr interessanten Artikel erscheinen, der nicht verfehlte, allgemeines Aassehen zu erregen. In demselben giebt er seinen Ansichten über Bekehrung im allgemeinen^ und Judentaufen insbesondere kräftigen Ausdruck. Anlaß zu feinem wtlchtigen Aufsätze gaben ihm die neulichen Ilebertritte zweier, wegen ihrer amtlichen Stellung angesehener Juden zurkatholischen Kirche. Von den beiden Apostaten wird nur einer genannt, Herr Roger Marr, Inspektor der schönen Künste zu Naney; der Name des anderen eiuco höheren Offiziers dortselbst, wird wie es scheint, mit Absicht verschwiegen. * Die russischen Jude«. Wir erhalten die folgende beachtenswerte Zuschrift: „In Nr. 10 Ihres geehrten Blattes notieren Sie das Vorhandensein eines jüdischen Oberstabsarztes im rustichen Dienste und bezeichnen es unter der lleberfchrift „ein jüdischer Oberst in Rußland", als wäre dies eine gar so seltene Erscheinung. Ich erlaube mir zunächst diese Angabe dahin zu berichtigen, daß die Militairärzte bei uns Zivilrang führen, und wird wohl in angeführtem Falle der Kollegienrat bem Obersten ränge gleichkommen. Aber nicht nur Hoflind Kollegienräte, sondern auch jüdische Erzellenzen giebt es bei uns in Rnßland und ilt ein jüdischer „wirklicher Ltaatsrat", ja sogar „(peheimrat" nicht gar so selten. Im höheren Beamtenstande finden sich manche jüdische Beamte, die bedeutende Posten in Ihren bekleiden und walten stets zwischen ihnen und ihren andersgläubigen Kollegen und Vorgesetzten die allerbesten Beziehungen ob. Im allgemeinen, wenn der bleut der Verfolgung von oben nachlasten sollte, was nur gegenwärtig fest hoffen, steht bei uns bei politischen

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