Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 205 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. e f <H rr r ir ri. aufs Kiffen und in der rechten Hand halt sie ein Buch. Die untergehende Sonne wirft durchs offene Fenster einige helle Streifen auf ihr Besicht, seine Alabasterweiße und Jncarnatfarbe nuancieren und bestrahlend. Ihre nonchalante Pose gestattet cs, die Elastizität und Geschmeidigkeil ihres Wuchses, die wie Ebenholz schwarzen, über den Arm auf den ruhig wogenden Busen wallenden Haarflechten und ihr volles rundes Antlitz zu betrachten und zu bewundern. Ihre kleine, etwas in Unordnung geratene Mahne beschattet eine schneeweiße und, infolge der geistigen Anstrengung, jetzt gefurchte Stirn und eine Aase von feinsten Linien schattiert sowie himbeerähnliche, feuchte Lippen. Das niedliche, von unter dem Kleide'indiskret hervorschauende Füßchen vervollständigt das Bild dieser personifizierten Grazie, oder auch prachtvollen griechischen Statue. Und aus diesem Gesichte leuchtet in phosphorischem Feuer ein Paar großer Augen, von langen Wimpern beschattet. Wenn es wahr ist, daß, wie man sagt, die Augen die Fensterläden der Seele seien, so könnte dieser Ausspruch nirgends besser als hier Anwendung finden. Denn diese Augen leben, funkeln, glühen in einem inner» Feuer und wiederspiegeln die Regungen ihrer glühenden, empfänglichen, beinahe leidenschaftlichen Seele. Kein Wunder; in den Adern dieser Schankwirtstochter rollt das orientalische Blut einer Judit. — Klara war eben mit der Lektüre des „Mohort" von Vinzenz Pol zu Ende. Sie blätterte noch einmal einige Seite'» um, wie mit Bedauern von den großartigen Natur- und Menschenbildern, welche sie in diesem prachtvollen Werke vorsand, scheidend, und sich erhebend, streckte sie ihren Körper, kreuzte die Anne über einander nub beugte ihre ganze Gestalt nach rückwärts, wie ein nach nächtlicher Ruhe mit seinen Flügeln schlagendes Vögelchen. Sie legte das Buch aus den Tisch, durchmaß einigemal sinnend ihr Boudoir und schrieb dann mit kleinen Lettern folgendes in ihr Album: „Meine, von den schrecklichen Bildern der Verirrungen, welche Pros. Rohling und Dr. Justus in ihren Werken ausmalten, zerrissene Seele, sehnte sich nach besänftigenden und erhebendem Eindrücken. Deshalb griff ich, ich weiß selbst nicht zum wievielten Male nach Pol's Meisterwerk, damit sein „Mohort", dieser monumentale, über jeden Ausdruck erhabene Mann jene abscheulichen, niederträchtigen Wesen, von denen ich so viel gräßliche Dinge vernahm, mir aus dem Herzen vertreibe. Mohrt! Ach mein Gott! Wie glücklich die Ration, aus deren Schoße solche Helden hervorgingen! Wie glücklich das Land, welches solche Männer großzog! Wie glücklich und golz müssen jene Menschen sein, die da wissen, das; sie zu dieser großen Familie gehören, daß sie das Recht haben sich solcher Mitbrüder wie Mohort zu rühmen! . . . Warum darf ich nicht diese Gefühle teilen? Warum nuifc ich in ihrer Gegenwart seitwärts stehen, wie ein fremdes Wesen, welches kein^ Recht hat, an einer nur für den Familienkreis bestimmten Festlichkeit Teil zu nehmen? Ha, ich bin eine Jüdin! Eine Jüdin! Dieser Name brandmarkt mich schon mit Verachtung und Isolierung — verurteilt mich zur Verbannung aus dem Paradiese des Geistes, in welchem alle übrigen Wesen leben .... Die geistige Welt — was für magischen Zauber besitzt für mich dieser Begriff. Poesie! wie kann ich von Poesie sprechen, — ich, die Jüdin, die Schankwirtstochter! Weich eine Ironie! Ich von Poesie sprechen, inmitten solcher Nmgebung, solch einer ordinären Prosa ... ach . . Seite 205. Den Fluß dieser glühenden Worte unterbrach Joses. Er hatte vor einer Weile das Zimmer betreten, blieb einige Minuten auf der Schwelle stehen, verschlang seine einzige Tochter mit einem Blicke voller Liebe und väterlichen Stolzes, näherte sich ihr jetzt auf den Zehen und drückte einen herzlichen Kuß auf ihr Haupt. „Wie befindest Du Dich, mein Klärchen?" — frag er in korrektem Polnisch. Sie erhob sich wie unwillig und küßte ihm kühl die Hand. — „Ich danke Dir, Vater, — wie gewöhnlich." — „Du wirst keine Ursache haben. Dich über Langeweile zu beklageit; ich habe Dir einen neuen Stoß auf einer Licitation erstandener Bücher mitgebracht." Mit Blitzesschnelligkeit fuhr das Wort „Licitation" durch Klara's Kopf und Herz. Sie wurde verstimmt und bebte zurück. — „Wahrlich Vater, Du verhätschelst mich." — „Das ist nicht, der Rede wert, mein liebes Kind. Bei einer Licitation tauft man zurrt Spottpreise und meine Geschäfte gehen gut. Und für Dich . . ." Er küßte sie noch einmal, und sie, ihr Gesicht irr seine Handslächeit bergend, flüsterte schmerzvoll: Lieitatiorren, Geschäfte — das ist meine Poesie, das ist meine geistige Nahrung! „Klärchen — sprach Josef nach einer Weile — ich bitte Dich, mache heute so schön und geschmackvoll, wie Du das verstehst, Toilette, und lege Dir das unlängst gekaufte Arm- und Halsband an". — „Für heute Abend? Wozu denn das?" — „9hi* mi, Du wirst schon sehen, Neugierige." — „Aber ich muß heute Abend nach dem Pfarrhause gehen." — Joses zog d'e Brauen zusammen. „Klärchen, gehst Du nicht zu viel dorthin" — „Wieso? Ist Dir das unlieb?" — „Sieh, mein Kind, wir sind Juden und Du lebst so vertraut mit Sophie. Im Dorfe bereden mich die Leute deshalb. Bei uns ist das nicht gestattet." — „Was kümmert das mich? Warum sollte mir das nicht gestattet sein? Und zrl wem sollte ich sonst gehen, mit wem im Dorfe leben, wenn niemand mehr da ist, der eine bessere Erziehung und Bildung besitzt? — „Geh' also, geh', mein liebes Kind. Wer vermag Dir was zu versagen -- erwiderte Joses mit Unwillen. — Aber weile dort nicht lange und komme zum Sabbat-Nachtmahl nach Hause." — Tic erfreute Klara warf sich eine Mantille um, verbarg darunter einige Bücher, und sich vom Vater verabschiedend, eilte sie hinaus. (Fortsetzung folgt.) Wochen-(Lhronik. Bürgerliche Berhältnisse. * Der Beobachter. Ein weiteres bemerkenswertes Urteil ist dieser Tage vom Reichsgericht in Leipzig gefällt worden. Wie wir f. Z. mitgeteilt, hatte das Landgericht in Hannover am 28. November v. Js. den Redakteur der antisemitischen „Hannoverschen Post" Johannes Rethwisch, wegen Vergehens gegen £ (>(>, des Str.-G.-B. in einem Falle zur Strafe verurteilt, und zwar wegen eines in dem geil. Bl. veröffentlichten Artikels über „Die Heiligkeit des Eides und der jüdische Versöhnungstag". In diesem Artikel wurde ausgeführt, das; die Juden am Vorabend jenes Festes das Kol Nidre-Gebet hersagen, um sich dadurch Straffreiheit für die falschen Eide des nächsten Jahres zu sichern. Der Talmud lehre, so hier; cs weiter, daß der Eid der Juden nur Juden gegenüber Geltung habe, die „Gojim" würden von ihnen