Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 207 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Zefchrirrrn. Seite 207. rKcfuxlnlitierinii) unserer Glaubensgenossen nichts im Wege. Unsere russischen Mitbürger sind weder engherzig noch verfolgungssüchtig und gönnen jedem Menschen das Leben. Sie kennen weder kleinlichen Nationalsinn noch „berechtigten Nationalegoismus", wie es Abgeordneter Dr. Hasse nennt, noch leiden sie an der schändlichen Tollwut der Rasseversolgung. Ja, frei und offen bekunden wir vor aller Welt, daß in den schlimmsten Versolgungsjahren, als die judenfeindliche Presse wie eine losgelassene Bleute wie auf Kommando über uns lierfiel, die schändlichsten Schinähungen und Denunziationen wider uns schleuderte, wir vom russischen Volke in seinem Gros, — abgesehen von den Straßenerzessen im Anfänge des vorigen Dezenniums, die künstlich hervorgerufen wurden. — keine Kränkungen und kein Unrecht erlitten haben. Im Eisenbahnkoup^, im Klub, im Stadtverordnetenhause, auf der Börse und überall, wo eine Berührung Angehöriger verschiedener Kofessionen unvermeidlich ist, waltete stets das beste Einvernehmen, auch wurde nie das jugendliche Gemüt unserer Kinder in den Schulen durch Schmähungen und Zurücksetzungen verletzt. Ja, die moralischen Kränkungen sind oft viel schwerer zu ertragen als die politischen Beschränkungen, und wir wissen innigen Dank unseren russischen Mitbürgern dafür, daß sie uns diese Kränkungen wenigstens erspart haben. Die Herren Ahlwardt, Liebermann von Sonnenberg nebst edler Gefolgschaft brauchen eine Einwanderung der russischen Juden in Deutschland nicht zu fürchten. Deutschland ist das Land, welches den russischen Juden am allerwenigsten anlockt. Wir unsererseits würden nie unserem edlen, treuherzigen, gutmütigen und humanen russischen Mitbürger, ja nicht einmal dem obskuren russischen Bauern, der seine Stiefel mit Thran schmiert, die "Nachbarschaft eines Liebermann von Sonnenberg vorziehen. A. N. Stein, Dünaburg." — In W arschau soll ein Verein gegründet werden „zur Verbreitung von professionellen Kenntnissen unter den polnischen Juden". Der bekannte jüdische Philanthrop, Herr I. Posnansky, Großindustrieller in Lodz, der vor einiger Zeit eine Muster-Gewerbeschule für jüdische Knaben in Warschau errichtet hat, hat ein höchst interessantes Projekt „zur Organisation jüdischer Bildungsanstalten und Gewerbeschulen, in dem polnisch-jüdischen Blatt „Jzraelita" veröffentlicht. Wir müssen — sagt der Autor in der Einleitung zu seinem weitumfassenden Projekt — unter Den Juden einen Handwerker- »tand schaffen, dessen geistige Entwicklung und professionelle Ausbildung den modernen Ansprüchen Genüge leisten, und das Ziel kann nur erreicht werden durch Gründuirg von Gewerbeschulen und Muster-Werkstätten. Diese Anstalten müssen natürlich einen philanthropischen Eharakter haben, da sie speziell für die Kinder der ärmsten Klassen bestimmt sind; deswegen muß der Unterricht unentgeltlich sein und ben Zöglingen ntn| .Hott und Kleidung gegeben werden. Uebrigens beginnt dieses Projekt sich teilweise za verwirklichen. In gar vielen Städtcr^eristüren schon solche Gewerbe-Klassen bei den Talmud- Thora-Schulen, und jiingst wurde eine Gewerbeschule bei der ralmud-Thora-Schule zu Plock eröffnet. Außerhalb Polens existieren ea. 15 jüdische Gewerbeschulen, aber nur ein kleiner Leil von ihnen hat den von Herrn Posnanski gewünschten ^philanthropischen Eharakter"; einige erhalten bedeutende Subsidien von dem Petersburger „Hilfsverein für jüdische Handwerker und Ackerbauer". — Aus Melitovol wird gemeldet, das mehrere jüdische Soldaten, die nach dem alten Modus ihre Wehrpflicht abgeleistet haben (sogenannte ,,Nikolai"-Soldaten), höheren Orts petitioniert hatten, daß man ihnen Landparzellen aus den Kronländereien zum Bebauen anweisen möchte. Ihre Bitte wurde nun gewährt, und es wurde ihnen je 7 Deßjätin Kronland für jede männliche Seele zuerteilt. — Die Stadt Kiächta (Sibirien) liegt hart an der Grenze und ihr gegenüber befindet sich die Stadt Maimatschin, die zum chinesischen Reiche gehört. Hier wie dort existieren jüdische Ansidelungen, nur daß die Anzahl der Juden in Kiächta größer ist als im chinesischen Maimatschin. Da aber infolge eines vor zwei Jahren von der Zentralregierung in Petersburg erlassenen Ediktes alle Juden längs der russischchinesischen Grenze zur Auswanderung veranlaßt wurden, so schien es, als hätte nun auch für die kleine Gemeinde in Kiächta die Stunde der Auslösung und des Zerfalles geschlagen. Biele Juden bereiteten sich daher schon zur Uebersiedelung nach Maimatschin vor, da dessen Gouverneur ctklärt hatte, er werde den jüdischen Einwanderern kein Hindernis in den Weg legen. In letzter Stunde traf jedoch ein neuer Erlaß aus Petersburg ein, mit der Anordnung, auf die Auswanderung der Juden nicht zu dringen und alle, welche noch ferner bleiben wollen, ungestört dazulassen. — Es koursiert in Petersburg eine bedeutsame Aeußerung, die der russische Ackerbau- und Domänenminister, Geheimrat Jermolow, kürzlich gethan haben soll. Auf beiu in der russischen Hauptstadt gegenwärtig tagenden Landwirtschaftskongresse, dem Geheimrat Jermolow präsidierte, soll ein Mitglied des Kongresses, ein Gutsbesitzer aus Saratow, den Vorschlag gemacht haben, Juden von jedweder Teilnahme an der Vermittlung beim Kaufe und Verkaufe von landwirtschaftlichen Produkten auszuschließen. Jermolow soll diesen Vorschlag mit folgenden Worten pariert haben: „Seit Jahren wird bei uns in Rußland die Annäherung der Intelligenz an das Volk gepredigt; seit Jahren wird uns die Seelenreinheit der russischen Bauern vorgehalten, und doch wähnen wir, der Bauer müsse anders werden, um uns als Muster gelten zu können. Eines unterliegt jedoch keinem Zweifel: in der Frage der Behandlung der Juden muß der Bauer der Intelligenz als Beispiel dienen; der Bauer kennt den Antisemitismus nicht, für ihn giebt es weder Juden noch Ehristen, er sieht überall den Menschen. Es ist gewiß wünschenswert, jedes schädliche Element aus dem landwirtschaftlichen Leben des Reiches zu entfernen, aber es liegen keine Gründe vor, dieses schädliche Element gerade in den Juden zu erblicken." Diese Aeußerung charakterisiert die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland am trefflichsten. Nicht daß die Politik der russischen Juden unter Nikolaus II. eine andere geworden märe; aber man hat aufgehört, die Juden um jeden Preis als schädliches Element zu betrachten. Und darin liegt vorderhand die Besserung der Lage der Juden, welche seit der Thronbesteigung Nikolaus II. eingetreteten ist, und diese Besserung äußert sich bereits in vielen Thatsachen, welche hier verzeichnet worden sind. Gemeinde, Lynagoge und Schule. Berliner Nachrichten. Am Donnerstag-Abend hielt die Sektion Zentrum des Zentral-Vereins für die Interessen der jüd. Gemeinde im Münzhof eine sehr gut besuchte Versammlung ab,^ in welcher an Stelle des erkrankten Referenten des Abends, Herr:: E. Schaper, Herr I. Weinberg über die Bedeutung, Notwendigkeit und Thätigkeit des ausgezeichnet organisierten Gesamlvereins sprach. In der hieraus folgen-