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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-29 · 13 (29.3.1895) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 204 (sequence 8)
Language
German
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Seite 204. IsfrHurrrrr. Nr. 13. Schöpferkraft derartige systematische Zusammenstellungen auftauchen. Denn, behauptet auch Herodot, „daß Homer und Hesiod den Göttern Namen verliehen, und deren Genealogien für die Griechen sestgestellt haben" so, welche Richtigkeit diese Behauptung auch immer haben möge, ist denn doch die streng geschlossene Systematik, fast möchte man sagen Dogmatik, die uns als Mythologie vorschwebt, erst in den Werken eines Apollodorus oder Hyginus zu finden. Diese ganze Anschauung von dein Wesen der Mythologie hat sich nach den Ergebnissen der neueren Untersuchungen als irrig und unhaltbar ergeben. Die Mythologie hat ihrem ureigensten Wesen nach überhaupt nur mittelbar bei der Gestaltung der Göttersysteme Anteil. Im übrigen erklärte die Annahme, Mythologie sei ausgebildete Götterlehre, nicht im geringsten deren Ursprung. Die Frage blieb noch immer unbeantwortet: welches war die Triebkraft, der diese Göttergestalten mit ihren guten und schlechten Zügen ihr Dasein verdankten? Homer und Hesiod zeigen bereits die reife Blüte, wo lag deren Keim? Waren die Göttergestalten die freien Erfindungen der Homerischen Muse. Diese Hypothese klang denn doch zu unwahrscheinlich. Aber man ersetzte sie durch eine andere, ebenso abenteuerliche. Die Mythen sind von den Priestern behufs der Belehrung des Volkes erfunden worden. Die Diener des Altars waren im Besitze eines reichen Weisheitsschatzes; diesen dursten sie den Uneingeweihten nicht preisgeben. So hüllten sie denselben in eine farbensatte Blumengewandung ein, und die Wahrheit, die im engen Kreise der Zunstgenofsen sie erkannt, verzapften sie so in kleinen Ouantitäten und gehöriger Verdünnung für die hausbackenen Zwecke des niedern, leicht bethörten Hausens. Nun erfüllt aber, abgesehen von allem anderen, diese Theorie ihre eigenen Voraussetzungen nicht im mindesten. Es wird sich schwerlich aus dem weitschichtigen Mythenstosse der Griechen irgendwelcher derartige Lehrinhalt abstrahieren lassen. Und ferner, wenn schon die älteste Zeit im Besitz solch hoher Wahrheiten gewesen, wie kam es dann, daß, trotz des immer weiter sich entwickelnden Fassungsvermögens des Volkes, dasjenige, was früher nur Symbol, einen tieferen Gedankenkern andeutend, gewesen, später selbst von dem Erleuchtetsten nicht mehr als solches erkannt wurde, fond'ern, während die darin geborgene Wahrheit gänzlich in Vergessenbeit, die äußere Hülle allein als Wahrheit an und für sich allgemein Geltung und Glauben erhielt? Woher kam überhaupt den Priestern diese hohe Erkenntnis? Eine andere Erklärungsweise, in unkritischen Zeiten und bei unkritischen Männern sehr beliebt, versuchte daher die vorhergehende Hypothese zu ergänzen. Die Mythen sind die verderbten Erinnerungen an durch göttliche Offenbarung der gesamten Menschheit mitgeteilte Religionswahrheiten. Man hat vielen Fleiß daraus verwendet, im griechischen Pantheon die Glaubenssätze des Ebristentums nachzuweisen. Aus den Sagen von Kronos und Prometheus und Phöbus hat man die Dreieinigkeitslehre, die von der Persönlichkeit des Teufels, den göttlichen Erlöser u. dgl. mehrere herauslesen wollen. Die Unwissenschastlichkeit dieser Methode liegt aus der Hand. Noch eines anderen Erklärungsversuches des Ursprunges der Mythologie müssen wir hier erwähnen. Das in den Mythen Erzählte beruht aus thatsächlichen Ereignissen. Die Götter- und Heldensagen enthalten, in dichterischer Gewandung, die Lebensgeschichte einst lebender Persönlichkeiten. Entkleiden wir sie des poetischen Schmuckes, umschreiben wir sie in nackte Prosa des gewöhnlichen Lebens, und wir haben den ihnen zu Grunde liegenden historischen Kern. So wurde aus dem welttragenden Atlas ein gelehrter Astronom; aus dem Aeolus, dem Windbeherrscher, ein wetterersahrener Seemann; die Kentauren, jene Bildungen, welche dem Menschen wie dem Rosse zugleich ihre Gestalt verdanken, verwandelte man in kühne Reiter; und Herkules' zwölf Arbeiten hielt man für die Erlebnisse eines kraftbegabten, fahrenden Ritters. In Herodot schon finden sich Spuren dieses Verfahrens, das seine höchsten oder vielmehr sonderlichsten Blüten zeitigt in den Werken des Euhemerus, nach dessen Namen die Methode (Euhcmerismus) ja auch benannt ist. Unter ihren Händen, wie dies immer der Fall beim Rationalismus, verflüchtigt der duftende Blütenstaub, der so lieblich die Mythen umwebt, verwischt der zarte Blumenschmelz, der ihnen eigen ist, und es bleibt — eine widrige Fratze, ein Zerrbild ohne Saft und Kraft. Manche Mythen, das läßt sich nicht in Abrede stellen, haben sich wie Epheu um geschichtliche Ereignisse geschlungen. Unter der dichterischen Hülle liegt ein historischer Kern geborgen. Aber als Mythe verdanken sie nicht letzterem ihr Entstehen. Und dann ist selbst dies nur bei einer verschwindend kleinen Anzahl der Fall, niemals ist das Geschichtliche das Wesentliche. Feuilleton. Eine galizische Erzählung von Wilhelm Feld mann. Nachdruck verboten. Dieses Kabinet, ein wahre Stätte des Frühlings und der Eleganz, steht im grellen Kontraste zu den übrigen Räumen. Aus den tapezierten Wänden hängen Laudschastsbilder und die Porträts hervorragender polnischer Schriftsteller; der Fußboden ist mit einem, wenn auch uicht kostbaren, doch schönen Teppich bedeckt, die geschmackvollen Möbelstücke bilden eine Farbenharmonie und verleihen dem Ganzen einen reizenden poetischen Zauber. In der Mitte steht ein größerer mit Zeitschriften, Albums und Illustrationen bedeckter Tisch; die zwei seitwärts stehenden Glasschränke enthalten Bücher und in einem Zimmerwinkel selbst schießt vom Fußboden ein einem vielfarbigen Thurme ähnlicher, Bücherstoß in verschiedenen Einbänden empor. Tie Vasen mit blühenden Blumen verbreiten im Zimmer einen lieblichen Dust, und die Vögelchen in einem niedlichen Käsige erfüllen das Gemach mit ihrem unaufhörlichen Zwitschern unb allerliebsten Getriller. Mit einem Worte: hier ist es so srühlinglich und angenehm, so reizend und duftend, daß es schier unmöglich erscheint, daß sich dieses schöne rosige Zimmer unter einem Dache mit der schmutzigen Schenke befindet. _ Die Königin dieses Heiligtums ist Klara. Sie ruht halb liegend auf einem weichen Sopha, die linke Hand nützt ne

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