Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-29 · 13 (29.3.1895) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 203 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608484--0327-9608491
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schatten auf kleine Strecken füllt, nnd _ ln er ttnd da eilte kleine dnnkle Wolke durch den Himmel fährt, Und darum ist es nicht genug, dast man habe, was man liebt, sondern auch daß man liebe, was man hat, damit wie einerseits die (s>icr nnd Leidenschaft nicht über den Krcio dessen hütausfchweife, was wir errungen nnd haben, fondern unch innerhalb dieses Kreises nicht'den Haß neben der Liebe, nicht der Widerwille rieben der Zuneigung, nicht das Abstößen neben dem Umfassen niste nnd eines das andere vergifte, nnd damit andererseits keiner mehr anwenden kann die stereotype Redensart: Ich habe kein Glück gehabt! UlytholM »nd liclipn. Po» Tr. Onnil W. Hirsw, Chicago. Sind die Eittdeckungen der neuen Natnrsorschnng heute zllln Getneingtite aller Gebildetett geworden, dank der populären Darstellung in Wort lind Schrift des Angestrebten nnd Erreichten, so sind die Resultate zweier Wissenszweige, die neu ausgesührt, oder doch nen gegründet zu haben als eine ihrer vielen rnhlnreichen Thaten unsere Zeit beanspruchen kaitn, noch imlner nicht in dem Maße, wie lvünschenSwert wäre, ans dem engen Kreise der Fachmänner in den weiteren der lesenden nnd denkenden Laienwelt eingedrungen. Wohl hegen viele der letzteren eilte dnnkle Ahnung davon, daß heute irgendwie nnd wann die Wissenschaft der vergleichenden Sprachforschung sich eine ebenbürtige Stellung neben den ailderen gelehrten Disziplinen errungen hat, nnb daß ebenso das vergleichende Studium der Religionen von bedeutenden Männern mit Begeisterung betrieben wird; aber, was diese Forschungen ans dem Schachte dunkler Vergangenheit ans Tageslicht gezogen, ist größtenteils ihnen ein toter, nnbeachteter Schatz geblieben, llnd kein Wunder, daß dem so ist! Was der Physiker oder der Ehemiker iit seinem Laboratorium entdeckt, stlidet lveileingreisende Verwendung ans dem lärineilden Markte des täglichen Gebens. 'Rach den Gesetzen, welche sie erkundschaftet, treibt des Dampfes allgewaltige Krnsl die Kolben der Riesenmaschille, welche Leben einhaucht tausenden von fleißigen Webschifflein. Ihnen verdanken wir die Bezwingung des Blitzstrahles, daß er, des alten Götlerboten, des leicht beschwinglichen Merkurs, ob dessen Saumseligkeit spottend, dahintrügt durch Ranln nnd Zeit des Gedankens nnd des Herzens hossende oder bangende Botschaft. Der Wolken Flng und des Tturines Rahen vor- (Uisverküildend, stählen sie des SteliernlanneS Arln zunl Streite mit den schäumenden, geifernden 'Wogen des Meeres, welches der mit den goldenen Aehren menschlichen Fleißes belasteten Barke den breiten Rücken bieten ioll bis zum sicheren Port, den Austausch vermittelnd zwischen den fernsten Himmelsstrichen. solche Anwendung findet das vom Sprachkundigen Erwiesene nicht! Was kümmert s den vielbeschüftigteii Kaufherrn, wie sich der alte Inder die Entstehung des Weltalls gedacht, wie sich der Perser des Lebens Rätsel gelöst; — was vor Alters man in den Sternen zn lesen vermeinte, oder wie man sich des Sturmes Schnauben, des Bächleins munteres Plätschern beutete V Leider paffen ans unsere fteil des Dichters Worte; „Was ihr nicht tastet, ftclK euch iiieilenferii, „Was ihr nicht saßt, das fehlt euch ganz und gar. „Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, fei nicht wahr, ’ „Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, „Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht!" Und doch bindet, — wer könnte es leugnend _ diese Einseitigkeit der Bestrebungen und des JnteressenkreiseS dein Menschen eine fürchterliche Zuchtrute. Es kommen die Augenblicke, da der Mensch sich sehnet nach Befreiung aus dem Zauberbanne dieses Materialismus, welcher vor lauter Heischungen des GenießenS den Menschen, wie TantalnS, nie zntn Gennffe kommen läßt. In solchen Augenblicken ergreift ihn, wie Tannhäuser im Venusberge, das Heimweh nach dem Glockengesange der Erde. Er sehnt sich dann nach einer Liebe, die seiner würdig, sein Herz erfüllet! Xlttb _ dies Sehnen, nur die Religion kann es stillen! Hub es ist die wissenschaftliche Erforschung der Religionen dnrtynend, daß bereits die Geschlechter, welche vor nns die Erde bevölkerten, dieses Sehnens zartes Flüstern vernommen, und wie sie es gestillet, welche die Bausteine liefert zur Aufführung oder Ausschmückung des Tempels, in welchem auch unser Herz sich wieder finden kann, falsche Ansichten berichtigend, unvollkommene ergänzend. Jedem also, der die Forderung des lateinischen Dichters, dem Menschen dürfe jedwedes Menschliche nicht fremd bleiben, begriffen, sollten die Resultate der vergleichenden Religions- und ihrer Schwester, der vergleichenden Sprachforschung mindestens ebenso viel Interesse abgewinnen, als die Naturkunde. Die glänzendste Leistung dieser Forschungen ist unstreitig die Klarlegung des Wesens der Anthologie und ihres Verhältnisses zur Religion; denn über keinen Punkt herrschte und herrscht heute noch so viel Unklarheit und Verworrenheit, als eben über diese. So wollen denn auch wir, den großen Meistern aus dieses Gebiet folgen! — Was ist Mythologie V Wir haben nns gewöhnt, mit dem Worte Mythologie die Vorstellung eines wohlgeordneten, in sich abgerundeten Göttersyftems zu verbinden. Wir denken dabei an ein Pantheon, eine Hierarchie von Göttern, Halbgöttern nnd Heroen, fabelhast wohl, aber „mit Methode tut Wahnsinn" gegliedert, mit Zeus an der Spitze, „dent höchsten Vater der Götter und Menschen," worin auch Pallas „die Beschützerin der Künste und Wissenschaften" neben Phöbus dem „Lichtspender" ihre Stelle findet; ein System, welches neben diesen reizenden und anmutigen Gestalten und deren guten Eigenschaften, ebenso andere abscheuliche uns vorsührt, und voit deren nttd der vorigett UNthaten zn erzählen weiß. So erinnern wir nns an bat Kannibalismus des Krottos, an die blutschänderischen Handlungen des Zeus, und überhaupt an beffen beklagenswerte Unbeständigkeit in ehelicher Treue, an die Verworfenheit der Aphrodite, wie an die Grausamkeit des Phöbus. Und diese Beispiele deuten dies schon zur Genüge an, es ist nteistenteils die Götterlehre der (Griechen nnd Römer, welche wir hierbei ins Auge fassen. Woher diese eigentümliche Auffassung nttd Beschränkung des Begriffes Mythologie herrührt, ist unschwer zu erklären. Dem Einfluß der Schule ist dies zuzuschreiben. Aus Wörterbüchern, in welchen die lichtvollen oder schattendunkeln Phaittasiegebilde der Griechen nach Genealogien und ähnlichen Gesichtspunkten georbnet nns entgegentreten, schöpfen wir unsere Ansichten über das Wesen des Mythos; vergessend, daß solche systematischen Ztisanttnenstellungen nicht urwüchsig nnd ursprünglich sein können, wie in der Thal erst zur Zeit des Erlöschens griechischen Geistes nnd des VemechenS seiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.