Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 13 (29.3.1895)
- Date
- 1895-03-29
- Page
- Seite 202 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 202. Ief«Hurrrn. Nr. 13. daß sich die Gunst des Schicksals noch ein und das andere Mal wiederholen solle, um das Versäumte gut zu machen und den Schaden auszubessern. Dann pflegt sich an den verfehlten Moment ein langes, mühseliges Ringen zu knüpfen, ein Kampf mit den widerwärtigen Winden des Lebens, die unser Fahrzeug nicht vorwärts kommen lassen, vielmehr oft wieder zurückschleudern, nachdem es mit Anstrengung eine Strecke überwunden hatte. Da hört man denn von selbigen Leuteil den Ausruf; „Ich habe kein Glück gehabt!" Sie schieben also der göttlichen Vorsehung unter, was sie selbst verbrochen haben; sie schreiben der göttlichen Fügung zu, sie mit Ungunst und Täuschung verfolgt zu haben; sie geben damit, selbst unbewußt, zu verstehen, daß sie wohl Kraft, Energie, Fleiß genug besessen, daß ihnen aber das Geschick die Gelegenheit entzogen, Gebrauch davon zu machen, sonst würden sie es Begünstigteren gleich gethan haben. Wir wollen nicht leugnen, daß Menschen Vorkommen, denen das Glück vieles gleichsam in den Schoß wirft, denen die günstige Gelegenheit sich so oft wiederholt, bis sie sie wirklich einmal ergreifen; aber eine aufmerksame Beobachtung hat uns gelehrt, daß dies überaus selten der Fall ist, und daß vielmehr die meisten derer, die emporgekommen, es der Geschicklichkeit zu verdanken hatten, der Entschlossenheit, der Ausdauer, dem Fleiße, mit denen sie die günstigen Verhältnisse benutzt hatten. Unsere Weisen haben dies alles wohl gewußt und daher ausgesagt: „Es ist kein Mensch, der nicht seine Stunde hat" (Spr. d. Väter), es ist also kein Mensch, der nicht nach seiner Art einen glücklichen Lebenspfad beschreiten und verfolgen könnte, wenn er diesen, da er sich ihm darbietet, schnell und entschieden betritt. Darum hinweg mit der Entschuldigung „ich habe kein Glück gehabt" — sondern mit Ernst nachgesorscht, wie es durch eigne Schuld gekommen, den rechten Weg verfehlt zu haben. Diese Selbsterkenntnis wird vor ähnlichen Jrrtümern bewahren. — Doch nun eine andere Frage: Wer ist glücklich? Von Diogenes, der sein Faß in die Sonne rollte, bis zum Alexander, welcher die Welt mit dem Schwerte unterwarf, ist unsre Frage nach allen Philosophen, Religionslehrern, Zeitaltern, Ständen und Geschlechtern sehr verschiedentlich beantwortet worden, und man hat daher den Satz ausgestellt, daß aus Erden überhaupt niemand glücklich sei. Jene Legende, daß ein persischer Schah, dem zu seiner Genesung, von einem Wunderdoktor das Hemd eines Glücklichen, verordnet war, in seinem ganzen Reiche nur ein junges Ehepaar fand, das sich ganz glücklich pries, und nichts mehr wünschte, und gerade dieses Pärchen so arm war, daß es jenes Kleidungsstück — gar nicht besaß, sei eben nur eine Legende, denn das Pärchen hätte sich sicherlich gewünscht, was ihm fehlte. Zur Beantwortung unserer Frage soll es aber auch gar nicht darauf ankommen, daß wir ganz und gar und durch unser ganzes Leben hindurch glücklich seien, sondern es handelt sich nur darum, wie wir so glücklich wie möglich werden, und uns so oft wie möglich glücklich fühlen. Wer wäre denn auch wohl vom gütigen Geschicke so verwöhnt, daß er wie ein Lucullus jedes gefaltete Rosenblättchen auf seinem Schicksalslager fühlte; genug, wenn nnr recht oft Rosen auf unsren Pfad gestreut sind ohne viele Dornen und daß diese nickt allzu sehr stechen. — Vor allein setzte ich voraus, lieber Leser, daß Du Dich von äußern Dingen, von den Anfeindungen, denen wir ausgesetzt, im Gefühle Deines Glücks nicht stören, Dich von der sog. Politik emanzipierst, Dich wenigstens von ihr nicht verbittern löstest. Ich meine nicht, daß Du an ihr keinen Teil nehmest, daß Dir die Ereignisse der Gegenwart und die Strömung des politischen und sozialen Geistes in all' ihrem Wechsel und Wandel gleichgiltig seien — so wenig, wie wir beispielsweise an dem vor und um uns vor sich gehenden Wechsel der Witterung unbeteiligt bleiben können. Es ist jetzt nicht mehr nröglich, sich lediglich in seine Privatverhältnisse wie in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, und jeder Buchstabe, den wir lesen, mtb jedes Wort, das ein Bekannter zu uns spricht, knüpft den Faden, wenn wir ihn durchgeschnitten hätten, an die politische Lage des Tages wieder an. Aber diese soll uns nicht leidenschaftlich affizieren, nicht in Sorge und Beängstigung stürzen, nicht mit Schmerz und Trauer uns erfüllen, das Leben in unserer Familie und unsrem Gemüte soll bei allem Interesse für den Gang der politischen Dinge nicht davon angetastet werden. Wie? wissen wir nicht, daß, ob Licht und Schatten, Tag und Nacht, Frost und Hitze, Lenz und Herbst, Sturm und Sonnenschein mit einander wechseln, die Erde ruhig ihre Bahn läuft, und aus ihre Oberfläche immer mehr und immer weiter von den lieblichen und sruchtreichen Gewebe der Kultur, des Anbaues, der Veredlung der Bereichung überzogen wird? So auch in der menschlichen Gesellschaft, die, was auch das Heute und das Morgen bringt, wie sehr sie auch durch die ganze Windrose der Ansichten und Parteien läuft, doch ihre Bahn vorwärts geht, ja vorwärts läuft, und die Herrschaft der Wahrheit, des Rechts und des Friedens immer weiter und fester ausdehnt. Was können da die kleinlichen Leidenschaften, die den Tag zu beherrschen und zu bewältigen scheinen, dagegen gelten? Was vermag das niedrige Treiben gemeiner Triebe dagegen auszurichten? Aus diesem Gesichtspunkte müssen wir die politischen Wirren anschauen und die Ruhe und die Sicherheit werden uns nicht fehlen. — Aber wir frugen: wer ist glücklich? nnb wollten die Frage beantworten. Run, lieber Leser, laß' es Dir gefallen, neben den vielen Sprüchen, die auf diese Frage eine bündige Antwort zu geben versuchte, auch den unsrigen zu vernehmen, ihn zu prüfen, und nach Deinem Belieben zu billigen oder für unzureichend zu erklären. (Glücklich ist, wer da hat, was er liebt, und der liebt, was er hat. _ Erwartest du eine Auseinandersetzung dieses Sprllches? Wohl nicht. Solche Dinge wollen nachempfunden und __ ins Herz gefaßt, nicht aber erst mit Worten demonstriert fein. Ich fetze das Glück des Menschen in den wahren Frieden des Geistes und Herzens; aber nicht in den Friedendes Todes, der Gleichgiltigkeit, der Gefühllosigkeit, sondern in den Frieden, der' aus der Uebereinstimmung und der Harmonie des Wollens und Erfüllens, des Strebens und Erlangens, des Verlangens und Erreichens, des Sehnens und Befriedigens erwächst, llnd darum ist es die ruhige und beinefsene Liebe nach allen Seiten und Richtungen hin, in welcher das Glück des Menschen beruhet, jenes Glück, das nicht den einzelnen Lichtstrahlen gleicht, welche auf diese oder jene farbige Blume fallen, sondern dem herrlichen allgemeinen Sonnenlichte, welches über die ganze Flur stch legt, und durch den ganzen Hinnnel schwebt und dein Tage seine lichte, goldige Färbung giebt, wenn auch hier und da tiefer