Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-29 · 13 (29.3.1895) · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
Seite 198 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608484--0322-9608486
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 198 JesrHurrrn. 9tr. 1H. Ganz abgesehen davon, das; sie den von böswilliger Seite ausgestreuten Verleumdungen einen Schein von Berechtigung giebt, verrät sie eine klägliche Ignoranz, eine bemitleidenswerte Stumpfheit gegenüber jener ehrwürdigen Formel, die das zarteste Gewissen in Rücksicht jedes vermeintlichen Gelübdes und zugleich ein juristisch scharfes Unterscheiduugsvermögcu als ein Gemeingut Israels bekundet, um das die Welt uns beneiden dürfte. Allerdings muß ich zugeben, daß der Vorstand im Rechte war, die Beseitigung zu verfügen, sobald er das bei der Gemeinde vorauszusetzende, durch Religionslehrer und Rabbiner zu verbreitende Verständnis an seinem eigenen Verständnis maß. War der Vorstand bei solcher Beurteilung der Gemeinde nicht im Irrtum, so gebe ich Kolnidre preis. Doch ich denke: er hat die Gemeinde — in intellektueller Beziehung — zu bescheiden eingeschätzt. Mir soll das Judentum eine ehrwürdige Ruine sein und als Ruine nur wollte ich es erhalten? Ferne sei das! Ehrwürdig und heilig ist mir das Judentum. Daß es lebendig bleibe, dazu bedarf das Mehrtausendjährige meiner Hilfe nicht. Doch die will ich abwehren, die mit frecher Hand den Versuch machen, es zur Ruine zu wandeln, damit sie selbst oder das nächste Geschlecht von ihn; als von einen; Trümmerhaufen sich abwenden dürfen. Lieber sollen sie hinaus, die nur deshalb an; Judentum hasten, weil sie zu träge, zu entschlußlos sind, es freiwillig zu verlassen! Sie bejannnern ihre Zugehörigkeit zun; Judentum;', diese Jammermenschen, und dann verlangen sie noch Anerkennung dafür, daß sie nicht einn;al die Kraft haben, sich davon zu schleichen, verlangen sie Lobpreisung ihrer jammernden Impotenz, heischen sie eine Lorbeerkrone für ihr weinendes Heldentuu;. Hinaus mit ihnen aus dem Tempel Zion, so rufe ich ihnen zu, ich, der Nichtorthodoxe! Hinaus mit ihnen aus dem Judentum, das sie mit ihrem mitleidigen Gewinsel schänden! Wer nicht mit aufrechten; Stolze in; Judentum steht, dem seien die Pforten weit geöffnet, der befreie uns von seiner Gegenwart! Ich frage nicht, ob jemand strenggläubig ist oder nicht, ich lasse jeden gern nach seiner Art sein Haus und seine Synagoge sich einrichten, denn ich bin wirklich liberal. Ich bin liberal in; Judentnm. Die aber, die als Erzieher der Judsnheit kraft eigenen Mandats sich herausnehiuen wollen, im Namen oer Toleranz und des Liberalismus die jüdische Geineinde Berlin aus den; Judentum hinauszutoleranzeln und hinauszuliberalisieren, die sollen als tolerante Schwätzer entlarvt werden; und wenn sie sagen: wir wollen nur als liberale Männer reformieren, so soll ihnen die Antwort entgegenklingen: Euer Liberalismus ist Lüge uud Heuchelei! Die Zynode in Kaden. Am 18. März trat die israelitische Landessynode zun; ersten Male zu einer Tagung zusammen. Der Großh. Komnüssar Ministerialrat Becherer eröffnete die Synode und hieß die Bersannnlung herzlich willkonunen. Der Tag der ersten Einberufung einer auf Grund staatlichen Gesetzes gewühlten Vertretung der Israeliten Badens reihe sich würdig an jene, an welchen den Israeliten des Landes die staatsbürgerliche Gleichheit bewilligt wurde. — Außer den die kirchliche Besteuerung betreffenden Vorlagen wurden der Synode nur noch einige wenige über Anstellung der Rabbiner und Besserstellung ber Religionsschullebrer zur wohlwollenden Prüfung uud Zustiminung vorgelegt. Alterspräsident Dr. Fürst-Mannheim überniunut den Vorsitz. Ehe inan in die Verhandlung eintritt, bringt die Synode aus Anregung des Dr. Fürst dein Großherzog Friedrich ein begeistertes Hoch aus. Rach Prüfung der Wahlen, die sämtlich für unbeanstandet erklärt wurden, erfolgte die Präsidentenwahl; dieselbe fiel auf Landgcrichtsrat Dr. Stein-Karlsruhe. Zun; zweiten Präsidenten wurde Rabbiner Dr. Eschelbacher - Bruchsal, zu Schriftführern die Herren Kaufmann Rothschild-Konstanz und Rechtsanwalt Spiegel-TauberbischofShein; gewühlt. Der Präsident inachte infolge einer voi; alle,; Seiten gegebenen Anregung den Vorschlag, in einer Adresse an den Großherzog die Gefühle der Dankbarkeit für die Einrichtung einer Synode zun; Ausdruck zu bringen. Dem Vorschläge des Präsidenten wird zugestimint. Darauf schloß die Sitzung. In der 2. Sitzung an; Nachmittag wurde der Adreßentwurf von Rechtsanwalt Dr. Friedberg-Karlsruhe begründet und nan;e>;s des Großh. Oberrats von Professor Dr. Rosin-Freiburg in längerer Rede begrüßt und gutgeheißen. Dr. Friedberg schloß: „Wir wollen die Erhaltung des Friedens mit de;; anderen Konfessionen, auch in der Zeit, in der wir so schwer angegriffen werden. Aber an dem Geiste unseres Großherzogs Friedrich werden die Bestrebungen der Antisemiten zerschellen, und was Großherzog Friedrich geschaffen, das wird fortdauern und späteren Geschlechtern Zeugnis geben, welches Verhältnis zwischen diesem Fürsten und seinem Volke bestanden hat. Lassen Sie uns unsere Arbeit beginnen mit den; Bestreben, unseren religiösen Pflichten und unseren Pflichten als badische Bürger nachzukommen. Liberal sind wir gestimmt gegen die anderen Konfessionen und gegen alle unsere Mitinenschen. Das müssen wir als wahre Israeliten fein. Ich wünsche, daß wir in gemeinsamer Arbeit den Frieden fördern und alles vermeiden, was uns trennt, und alles suchen, was uns eint. Dadurch, dessen bin ich fest überzeugt, werden wir uns die Anerkennung unseres Landesfürsten und unserer israelitischen Mitbürger erringen." Aus der schwungvoll abgefaßten Adresse geben wir blos den Teil wieder, der das Programm der Synode enthält: „Auf dem eigentlich religiösen Gebiete betrachte» wir es als unsere erste und vornehmste Pflicht, durch die Arbeiten, die uns jeot und in Zukunft obliegen werden, in den Angehörigen unserer Religionsgemeinschaft die religiösen Empfindungen, den unerschütterlichen, in Gottesfurcht und Gottvertrancn sich ändernden Glauben an eine überirdische Vorsehung fort und fort zu pflegen und zu immer kräftigerer Entfaltung zu bringen. Wir fühlen uns eins in dieser Aufgabe mit den Organen der übrigen Religionsbekenntnisse, und wir wollen gern und freudig das unsrigc dazu thun, daß, unbeschadet und unter Achtung jeder konfessionellen Eigenart, der uns allen gemeinsame Gottesgedanke immer mehr die verbindende Grundlage unserer Hoffnung auf die Zukunft und unseres Lebens in der Gegenwart werde. Der religiösen und sittlichen Erziehung der Zngend molleix wir unser .Hauptaugenmerk znwcnden. Tie von den Vätern ererbte Religion ist für° unsere Minber das vollkommenste Erziehungsmittel für alle menschlichen und bürgerlichen Tugenden. Die Liebe zum Nächsten, die Treue und Redlichkeit im Verkehr, die Opferwilligkeit für die Gesamtheit, die selbstlose Hingabe an Fürst und Vaterland, sie finden in den Lehren unserer Religion den stärksten und sicherstest Bewegnngsgrund. . , . . Die soziale Lage der Israeliten in Baden bildet nach der geltenden Verfassung keinen unmittelbaren Gegenstand unserer Fürsorge. Nichtsdestoweniger dürfen wir, bei dem engen Zusammenhänge des bürgerlichen und des religiösen Lebens, unser prüfendes Auge auch ihr incht vorenthalten. Frei'von Voreingenommenheit wollen wir auch nnlererseits darauf hinwirken, daß die Lebensgemeinschaft unserer Glaubens-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.