Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-29 · 13 (29.3.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
13 (29.3.1895)
Date
1895-03-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608484--0321-9608485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mo. 13. Jahrgang iv. llgemerne Herausgeber. A. Levin, ISerNn. Berlin, 29. März 1895. ♦ Hesch«r«n. Bezugspreis: viertekjährü 2 WK. Aedaklion und Werkag: Er. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 H»f., nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Erscheint an jedem Jireitag. Bezugspreis für das Ausland: WK. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Toleranz und Liberalismus. Von M. A. Klausner. Die Synode in Baden. Von B. K. Friedrich Nietsche über die Juden. Das Judentum in Amerika II. Von Prof. Dr. G. Deutsch. Glück. Mythologie und Religion I. Von Tr. E. G. Hirsch. Entgleist. Von Wilhelm Feldmann. Wochen-Chronik. — Briefkasten. — Kalender. — Anzeigen. Tolkraiij und libernlisnius. Von M. A. Klausner. In recht weiten Kreisen der jüdischen Gemeinde Berlin und auch darüber hinaus haben die Artikel, die ich in diesem Blatte über die hiesigen Verhältnisse veröffentlicht habe, zwar nicht überall und namentlich nicht in allen Punkten Zustimmung, doch Beachtung gefunden, wie zahlreiche Aeußerungen beweisen, die an mich und andere gelangt sind. Ich konstatiere beides mit Befriedigung: die Zustimmung wie die Ablehnung, diese ganz besonders, weil sie in der Form der Ableugnung auftritt. In der Ableugnung des von der anderen Seite erstrebten Zieles erblicke ich einen ersten Erfolg. Freilich ist er nicht sehr groß. Man mag in der Heuchelei eine Art Huldigung für die Tugend erkennen — denn man würde ihren Schein nicht suchen, hielte man sie nicht für schön — zur Tugend wird die Heuchelei nimmermehr. Immerhin ist es schon ein Gewinn, daß man auf gegnerischer Seite sich nicht mehr begnügt, eine Maske vorzunehmen, sondern mit eidesfertiger Zunge versichert, daß man nie etwas von dem gewollt, wozu man sich sonst ohne Scham und Scheu bekannt hat. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich mich persönlich redend einführe. Es geschieht nicht aus Anmaßlichkeit, es geschieht, um zu betonen, daß ich ga.^z allein die Verantwortung für das trage, was ich in diesem Blatte gesagt habe und noch sagen werde. . Man hat auf gegnerischer Seite das Lob der Toleranz gesungen, um dadurch anzudeuten, daß ich intolerant sei. „Weder die Altorthodoxie noch die Neuorthodoxie suchten die den Frieden innerhalb des Judentums gefährdende Art von Intoleranz auszuüben", so heißt es' in dem wunderlichen Jargon der Allgemeinen Zeitung des Judentums, „sondern vielmehr die sogenannte Schinkenorthodoxie, d. h. d i e Richtung innerhalb des Judentums, welche für sich selbst alle Freiheit in Anspruch nimmr, welche sich und ihr Haus von allen lästigen Zeremonien und Uebungen längst losgesagt bat, welche aber gleichwohl verlangt, daß in Gemeinde, in Synagoge und Schule alles hübsch beim Alten bleibe." Diese Abart von Orthodoxie sei die intoleranteste; sie sperre sich gegen alle Reformen im Gottesdienst und im Gemeindeleben, denn das Judentum sei ihr eine ehrwürdige Ruine, und Ruinen seien nur schön, wenn sie als solche erhalten werden. Ich habe in der That nicht den Vorzug, orthodox zu sein. Aber ich habe für Orthodoxie volles Verständnis, und ihre Berechtigung, ja ihr Vorrecht in der Gemeinde ist mir nie zweifelhaft gewesen. Dem Fanatismus der Bigotterie kann ich keinen Reiz abgewinnen, aber der Fanatismus der Aufklärung ist mir so verhaßt wie verächtlich, weil er aus einem dürren Herzen und einem engen Verstände entspringt, dessen Beschränktheit so groß ist wie seine Selbstgefälligkeit. Bin ich nun intolerant, wenn ich die Othodoxie, zu der ich nicht gehöre, gelten lassen will? Sind es nicht vielmehr jene Herren, die ihre Anorthodoxie zu Norm und Richtschnur für andere machen wollen, und die durch ihr jetziges Gebühren meist das Vergeltungsbedürfnis dafür verraten, daß sie in früheren Zeiten um ihres Berufes willen, der ihnen nur ein Geschäft war, wenigstens öffentlich orthodoxem Brauch sich fügen mußten! Ich hätte verlangt oder verlangte, daß in Gemeinde, in Synagoge und Schule alles hübsch beim Alten bleibe?■ Nimmermehr! Ich fordere im Gegenteil eine Umgestaltung der Gemeinde-Organisation von Grund aus. Ich fordere mit aller Entschiedenheit die Schaffung ausreichender Gelegenheit zum Religionsunterricht für die gesamte jüdische Jugend, während die Gemeinde Berlin nur einige Renommierschulen unterhält. Ich werde diese Forderung wiederholen, bis sie erfüllt ist, und wäre es nicht anders zu erreichen, als durch einen Appell an die Regierung, damit diese die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Berlin einem Staatskommissar übertrage und durch den Staatskommissar zwangsweise die nötigen Einrichtungen für Organisation und Erteilung des Religionsunterrichts schaffen lasse. Daß in der Synagoge alles hübsch beim Alten bleibe, ist gewiß nicht mein Wunsch, am allerwenigsten, daß es in den Synagogen der Gmeinde Berlin so bleibe, wie es in deren Mehrzahl durch unverständige Laien eingerichtet worden ist. Ich kann mich keineswegs für die Verstünnnelung der prächtigsten Bibelabschnitte, für die Unterdrückung der schönsten Gebete, nicht einmal dafür begeistern, daß die hiesige liturgische Ordnung dem Rabbiner vielfach eine Rolle zumeist, in der er als der „Behelfer" des Vorbeters erscheint und vor diesem nur voraus hat, daß er kein hebräisches Wort zu sprechen braucht. Sogar die Beseitigung des Kolnidre ist in meinen Augen keine gar so rühmenswerte That.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.