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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-22 · 12 (22.3.1895) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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Seite 186. e f <Q u v « «. Nr. 12. Handlung zu einem Konflikte zuspitzen, sonst aber ist die Aktion alles, nur nicht das, was man gemeiniglich unter „jüdisch" versteht. Deshalb wird auch die jüdische Novellistik von den „polnischen Juden" beherrscht und das in doppelter Beziehung, sowohl hinsichtlich des Erzählers, wie des Erzählten. Nur ein im Osten geborener Schriftsteller besitzt das richtige Augenmaß für seine Umgebung; nur wer in derselben großgewachsen ist, mit seinen Landsleuten Leid und Freud geteilt hat, hat das richtige Verständnis für die Eigentümlichkeiten derselben und somit die Vorbedingung, sie dem Begriffsvermögen der Fernstehenden näher zu bringen. Der Ghettodichter muß dem Ghetto entstammen und ein geborenes Talent von westeuropäischer Bildung sein, das befähigt ihn dazu, das Geschaute und Gefühlte zu schildern. Nur in seiner Heimat kann er seine Motive suchen und finden, und wenn er seinen der Wirklichkeit entnommenen Bildern den Erdgeruch läßt und sie ins richtige Licht rückt, müssen sie aus den altfränkischen Bahnen in ihrer fremdländischen Tracht, Denk- und Sprechweise plastisch hervortreten und handgreifliche Gestalt annehmen. Deshalb sind auch hier und da Kraftausdrücke iux Dialekte nicht zu verschmähen, denn mir sehen nicht ein, warum man Floskeln in einer fremden Kultursprache, wenn dies zur Betonung der Charakteristik notwendig erscheint, einflechten darf, Jargonworte aber nicht. Eine Novelle auf kulturhistorischem Hintergründe ist nicht für die Schuljugend bestimmt und wenn diese fremdklingenden Einstreuungen sich nicht zu oft wiederholen, leidet auch die Sprache nicht darunter. Freilich sind manche päpstlicher als der Papst und wir hatten schon Gelegenheit die Wahrnehmung zu machen, daß Redakteure jüdischer Zeitschriften solchen Worten das Lebenslicht ausbliesen, die selbst vor dem Auge eines Stephan Gnade gefunden hätten. Nach dem Gesagten ist es leicht begreiflich, wenn jüdische Novellisten die Handlung ihrer Erzählungen größtenteils nach den slavischen Ländern verlegen, wenn sie kein bloßes Phantasiegebilde schaffen, sondern ihren Schöpfungen auch eine reale Unterlage verleihen wollen. Im ersten Momente mag es das deutschlesende Publikum frappieren, daß deutschschreibende Schriftsteller ihnen vorwiegend und mit Vorliebe fremdländische, schier exotisch vorkommende Gestalten vorsühren; nach Erwägung dürfte man uns Recht geben, daß dieses Verfahren rationell ist. Der intelligente Leser will ja keine unmöglichen „Helden", sondern Gestalten aus Fleisch und Blut, vom Dichter dem Leben entnommen und wiedergegeben, und solche kann nur das slavische Reservoir bieten. Deshalb sind die hier und da laut werdenden Klagen, daß inan dem deutschen Leser etwas Undeutsches biete, auf unserem Gebiete wenigstens unbegründet. Eine solche kredenzte deutsche Kost könnte ihm nicht munden, weil der Rohstoff die erforderlichen Eigenschaften nicht besitzt. Wer sich den Stoff für eine Erzählung aus dem Schoße der Vergangenheit hervorholt, der kann freilich überall schöpfen, denn archäologisches Rohmaterial findet man überall aufgehäust; wer aber aus unserer Zeit schildern will und darauf Anspruch erhebt, aus dem vollen Leben zu greifen, der wird wahrscheinlich die Steine zu seinem Baue in den slavischen Provinzen sammeln. Aber unser „Wort" nimmt zu große Dimensionen an, und obwohl sich uns noch so manche Reflexion ausdrängt, wollen wir sie für uns behalten und nach einer Bemerkung, die wir nicht unterdrücken können, schließen. Auf allen Gebieten wird über eine Ueberproduktion geklagt, und da der Vorrat die Nachfrage übersteigt, ist natürlicherweise der Absatz erschwert. Auf den Fluren der jüdischen Belletristik herrscht keine Ueppigkeit, nur vereinzelt entfaltet sich eine Knospe und verkümmert sehr oft, ohne Früchte getragen zu haben. Eine Ueberproduktion ist also nicht vorhanden, woher mag es kommen, daß die einzige reif gewordene Frucht keinen Markt, keinen Verleger findet? Sollte die Antwort daraus in der tinaana« nnkere« Aniww'ü erwähnten liegen' , _ ., Wahrheit heruhen, scheint dies der Fall zu sein, was im Interesse des Schreibenden und des (Nicht)- Lesenden sehr zu bedauern wäre. Das Kaddilchtbä nach feiner ethischen Bedeutung bespricht Rabb. Dr. Biach in der „Oesterr. Wochenschrift": Professor Lazarus sagt in in seinen „Idealen Fragen": „Aus dein Tode sogar entsteht noch Leben für die sittliche Kraft." Wie die Tragik die tiefste und die höchste aller Künste ist, so ist auch der Schmerz im Leben des einzelnen und der Gesamtheit Schöpferkraft der geistigen Vertiefung. In diesen Worten, bei denen Lazarus wohl kamn an das Kaddifchgebet gedacht haben mag, liegt die hohe Bedeutung dieses Gebetes ausgesprochen. Wohl wirkt das Kaddifchgebet selbst unverstanden erhebend und beruhigend aus den pietätvollen, trauernden Israeliten. Beim Verständnisse dieses Gebetes aber gesellt sich zur Pietät eine solch' hohe sittliche Kraft, wie sie nicht genug bewundert, nicht genug angestaunt werden kann. Denn trotz des namenlosen Schmerzes, der unsere Brust durchwühlt, sprechen wir alsbald, nachdem der teuere Tote in die kühle Erde gebettet worden, die Worte: „Iisgaclal wojiskadaseb sehmeh rabbo. Gerühmt und geheiligt sei Gottes großer Name!" Wir murren nicht gegen Gottes Ratschluß, sondern erheben uns zu jener bewundernwerten Weltanschauung unserer gar viel verkannten, weil nicht gekannten Lehrer des Talmud, die da sagen: „Wie im Glücke, so nn'lssen wir auch im Unglücke Gott danken und rühmen, seinen Namen ruhmvoll verkünden, wenn auch Not und Leid uns treffen." (Talmud Berachot, Fol. 60 b, mit Begründung von Ps. 116, Vv. 8b und 4a). Trotz des tiefen Wehs, das unser inneres durchzittert, murren wir nicht gegen Gottes Weltordnung, sondern sprechen: „Gerühmt und geheiligt sei Gottes großer Name, „beolmo di beroh kirusseli, in der Welt, die er geschaffen nach feinem Willen." Trotz des Grains, der an nuferer Seele nagt, murren wir nicht gegen Gottes Weltregiernng, sondern sprechen,, die wahre messianische Zeit für alle Menschen ohne Unterschied des Bekenntnisses herbeisehnend: „wejamlH-U malrlmsseli“. Möge das Gottesreich alsbald erscheinen und möge Israel es erleben, daß nicht blos die schwergeprüften in seiner Mitte, sondern alle Menschen ans dem gefaulten Erdenrunde vor dem einzig-einigen Gotte sich beugen und seine allgütige und allmächtige Weltregierung rühmend nnb preisend anerkennen. Aber wenn wir auch — so sprechen wir weiter im Kaddischgebete — Gottes Ratschluß, Gottes Weltordnung, Gottes

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