Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. JescHurun. Sette 185. begann die Einwanderung auö Rußland, die im«Jahre 1891 die größten Dimensionen angenommen batte, so daN man die jüdische Bevölkerung der Bereinigten Staaten wohl ans eine Million Seelen veranschlagen dürste. Eine genaue Ziffer ist schwer zu erreichen, da der offizielle Zensus das Religionsbekenntnis unberücksichtigt läßt. Meine Berechnung stützt sich aus folgende Daten: Nach dem Zensus-Bulletin vom 5. Februar 1892 giebt es in den Bereinigten Staaten 599 (Gemeinden mit 190,496 Mitgliedern. Da man als Mitglieder nur die Familieuhäupter zählt und etwa fünf Personen ans eine Familie rechnen lann, so gäbe das 650,000 Seelen. Diese Aufstellung ist aber jedenfalls zu niedrig, denn nach Erfahrungen, die ich aus eigener Anschauung gemacht habe, ist z. B. ein Tempel, der 800 Per-, sonen saßt, an den hohen Feiertagen überfüllt, obwohl die (gemeinde nur 80 'Mitglieder zählt. Die Mitgliederanzahl mit 10 zu multiplizieren, dürfte doch wieder zu hoch gegriffen sein, da diese Berhältniffe mehr in den (Großstädten Vorkommen, während in den Kleinstädten der überwiegende Teil der jüdischen Bewohner der (gemeinde angehört. Einen anderen Weg zur Berechnung giebt die Statistik über die Nüuu'lichkeiten der Betlokale an die Hand. Danach fassen die Synagogen und gemieteten Betlokale 157,711 Personen. Berechnet man, daß sowohl in großen Städten, welche eine starke jüdische Bevölkerung haben als auch in kleinen Städten, die es zur Bildung einer (gemeinde noch nicht gebracht haben, blos für die hohen Feiertage Betlokale errichtet werden, die in diesem Zensus nicht einbegriffen sind, so wird man es nicht übertrieben finden, wenn ich die Zahl der Synagogensitze als den sechsten Teil der jüdischen Be- Bevolkerung annehme. Eine Analogie mögen unsere europäischen Großstädte bieten. Wien hatte nach dem letzten Zensus etwa 120,000 jüdische Einwohner, doch hat es nur 5 Gemeinde- und 25 Privatsynagogen. Wer die Natur der letzteren kennt, die häufig nur aus einer einzigen Stube bestehen, wird einfehen, daß diese 90 Gotteshäuser noch nicht 20,000 Sitzplätze fassen können, daß also der Konssizirent ein sehr mäßiger ist. Auch darf man nicht vergessen, daß hier Juden mehr als in irgend einem anderen Lande zerstreut wohnen, und daß seit Abschluß detz Zensus im Jahre 1890 eine sehr starke Einwanderung stattgesunden hat, die während des Jahres 1891 mindestens 50,000 betrug, und unvermindert fortdanerte, bis zuerst die Cholera von 1892 die willkommene Handhabe zu restriktiven Maßregeln bot, welche dann infolge der geschäftlichen Miife des Sommers 1899 ganz überflüssig wurden. So bleibt der Zensus von einer Million ein nicht allzuhoher. Außer den „Bereinigten Staaten" kann nur noch Kanada in Betracht kommen, wo nach dem Berichte des Rabbiners Melcolo de Sola in Montreal, dem ich für manche Mitteilungen verpflichtet bin, etwa 20 90 (gemeinden mit 16,000 Seelen existieren. * Außerhalb Kanada's und der Bereinigten Staaten sind 5rum noch nenüenswerte jüdische Niederlassungen in dieser Heinisphäre. Mexiko hat wohl einzelne Juden, die aber nirgends zu einer (gemeinde vereinigt sind. Hier ist trotz der ofsizielleu Gleichberechtigung der Konfessionen und trotzdem^ die Negierung in den Händen von Freidenkern ist, die Masse dev Volkes noch so sehr unter deill Einflüsse des spanischen Katholizismus, da?; die Juden an die Errichtung einer Gemeinde nicht deuten dürfen. Ebenso liegen die Berhältniffe in den zentral- und süvamerikanischen Republiken, wozu noch'der Umstand kommt, daß die unsicheren politischen Berhältniffe eine Prosperität des Handels nicht aufkommen lassen, (gemeinden jüngeren Ursprunges sind in den Haupthasenstädten Südamerika's, in Buenos Ayres, in 'Montevideo und Pernambuko; vereinzelte jüdische Familien finden sich auch in Ekuador, in den Vereinigten Staaten von Kolumbien u. s. w. doch ist es mir nicht gelungen, etwas näheres über sie in Erfahrung zu bringen. Es scheint jedoch, daß diese Borposten durch Wechselheiraten dem Judentum verloren gehen. Aeltere Gemeinden eristieren meines Wissens nur auf der im Besitze Englands befindlichen Insel Jamaica, aus der niederländischen Insel Eurassao und in der Küstenstadt Surinam, an der Küste von Niederländisch Guyana. (6» Mort iilirr jüdische (ttMlimge». Von S. H o r o w i tz, Wien. Ein undankbares Thema das! Jüdische Erzählungen! Nasenrümpsen und nonchalantes Ignorieren. 'Nicht jeder getraut sich, ein Buch mit solch ominösem Titel in die Hand zu nehmen und wo man sich dazu schon herbeiläßt, wähnt man, weiß Gott was für Opfer gebracht zu haben. Freilich sensationell, prickelnd im landläufigen Sinne des Wortes ist eine Novelle aus dem jüdischen Leben nicht, und wer nur an einer „interessanten", alle Sinne aufwühlenden Lektüre Gefallen findet, dem ist auch die jüdische Novellistik nicht zu empfehlen. Eine jüdische Erzählung braucht nicht „pikant" zu sein, dafür aber muß sie einen litterarischen Wert haben, denn sonst konnte man ihr jede Existenzberechtigung überhaupt absprechen. Die Effekthascherei ist hier nicht aln Platze, komplizierte Verwickelungen, das kunstvolle Schürzen des Knotens, die in einem Roman gebräuchlichen Jntriguen finden in der jüd. Belletristik keinen Raum, denn hier hat die Kleinmalerei, haben kulturhistorische Momente, treue, nickt karrikierte Eharakterzeichnungen ans dem Bilde plastisch hervorzutreten; alles übrige kann nur den Wert einer schönen stylvollen Umrahmung haben. Dieses Genre hat das psychische Leben, die infolge der abnormen Verhältnisse entstandene eigenartige Denkweise zu schildern, das großstädtische Treiben muß ihm fern bleiben und nur das im Verschwinden begriffene (Ghetto kann seine Staffage bilden. Die Sitten und Oiebräuche, die Ausdrucksweise sollen in einer Ghettogeschichte treu in der urwüchsigen Fapon wiedergegeben werden und trotz der Romantik kann und soll dieselbe ein realistisches Gepräge tragen. Rach unseren Begriffen ist ein Kulturbild in einer novellistischen Draperie das Muster einer jüdischen Erzählung. Den Stoff hierzu kann man sich nur in den polnischen und russischen Provinzen holen, im Osten Europas, hier findet man noch originelle, von der modernen Kultur noch nicht nivellierte Oieftalten, hier pulsiert ein eigenartiges, im Westen unbekanntes Leben, und wer Beobachtungsgabe und Darstellungstalent besitzt, findet Sujets in Hülle und Fülle. Draußen, im Westen, trägt der Jude weder innerlich noch äußerlich ihn von der übrigen Bevölkerung unterscheidende Merkmale, die Neuschule hat die Ueberbleibsel ans dem (Ghetto längst verwischt und eine aus deutschem Boden spielende jüdische Geschichte unterscheidet sich, von anderen Erzählungen nur durch jüdische 'Namen. Hier und da kommen nur religiöse Momente in Betracht, die die