Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 184. Jescyrrrirn. Nr. 12. U wohl jeder, der es aufrichtig mit dem Judentum meint, als gerechte Forderung ansehen dürste. Ich gebe zu, das; ein Mehr in dieser Beziehung nicht von Hebel sein könnte, es gilt für mich aber, allgemein ein Mindestmaß dessen zu bezeichnen, was von allen Seiten, ob orthodox oder reformgläubig, von dieser Jugend gefordert werden muß. Dazu bedarf es allerdings einer größeren Heranziehung von Lehrkräften besonders für die kleineren und kleinsten Gemeinden, die durch Beihilfe der größeren erreicht werden könnte. Vor allen Dingen ist es die höchste Zeit, daß nach dieser Seite hin etwas geschehe, weil wir sonst in die Gefahr kommen, nicht blos unsre Achtung nach außen, sondern, was viel schlimmer ist — uns selbst zu verlieren. Einsicht gebierr Interesse — möchte uns diese Einsicht auch in religiösen Dingen wieder neu erblühen. I. kirnen. Dir IiMtM. Von Cmanuel Bau mg arten, Wien. Schüttelfrost, Atembeschwerden, Abgespanntheit, Katarrh, Schmerzen in den Gliedern stellen sich in höherem oder geringerem Grade ein, man nennt dieses Konglomerat von physischen Uebelständen: die Influenza. Sind die genannten Krankheitserscheinungen die Avant- oder die Arrii-regarde dieser feindlichen Macht? Bilden sie deren Antezedenz oder deren Konsequenz? Ohne jede Kenntnis der medizinischen Wissenschaft steht uns kein Urteil darüber zu. Die durch keine territoriale Grenze beschränkte, durch keinen klimatischen Einfluß auszuhaltende Herrschaft der Influenza läßt es als wahrscheinlich annehmen, daß ein gemeinschaftliches Nebel ihre Quelle ist. Aus 'Nord und Süd, aus Ost und West kommen Nachrichten von ihrem Auftreten. Sie übt thatfächlich eine Weltherrschaft aus. Was kann natürlicher sein, als daß man in der Allgemeinheit ihres Bestandes auch eine Allgemeinheit der Inklination hiezu finden zu können glaubt? Der gleiche Effekt läßt in der Regel aus ein gleiches Motiv schließen. Der Unterschied der in die Erscheinung tretenden Wirkung liegt in der Verschiedenheit der subjektiven Widerstandsfähigkeit oder in deb höhern oder mindern Potenz der sich Geltung verschaffenden Ursache. Diese Regel gilt auch für die Influenza. Ihr Ausgang ist deshalb nicht der gleiche. Das erschüttert aber nicht die Annahme, daß die Disposition für sie eine allgemein vorhandene ist. Diese ist aber keine physische, sondern eine psychische. Sie besteht in der Aufgeregtheit der Gemüter. Die Sucht nach Genuß, die Hast im Erwerbe, die Unsicherheit der politischen Konstellationen, die Schwankungen aus den Märkten, wo die finanziellen Werte bestimmt werden, auf der einen Seite, die Not des Tages, der Kamps umv Dasein auf der anderen Seite, alle diese Momente wühlen den ganzen inneren Menschen gewaltig aus und berauben ihn der Ruhe; er gerät in fieberhafte Aufregung. Was jede Irritation für den Menschen bedeutet, braucht nicht erörtert zu werden. Sie macht ihn zum Objekte seelischer und körperlischer Leiden. Wenn der Weltweise des grauen Altertums in einem gesunden Körper einen gesunden Geist walten läßt, so ist es gewiß wahr, daß eine gesunde Seele den ganzen Menschen gesund erhält. Die Aufregung hingegen erzeugt, wenn es nicht paradox klingt, in seinem Wesen Poren, welche den schädlichsten Einflüssen den Zulaß gestatten. Wie leicht ist es-» daß in einen; solchen aufgeregten Zustande durch den Hinzutritt nur eines geringfügigen äußeren oder inneren Anlasses das vorhandene Unbehagen zu einer Krankheit sich potenziert, wie ein bloßer Funke den vorfindlichen Zündstoff zur Explosion bringt, welche die gefährlichsten Schäden zur Folge hat. Mag aber auch dieser Erklärungsgrund sür^das Entstehen und Bestehen der Influenza aus therapeutische m Gebiete kauin eine hypothetische Berechtigung für sich in Anspruch nehmen können, so kann ihm eine solche für die soziale Influenza nicht abgesprocheu werden. All die ungezügelten Affektausbrüche, vom Autisenütismus angcfangen bis zu dessen letzten; Ausläufer, dem Anarchismus, haben ihren Hintergrund in der Aufgeregtheit der Geinüter. Nicht daß diese an sich den Impuls zu den antisemitischen oder anarchistischen Ausschreitungen giebt, aber sie bildet den einpsünglichen Boden für die Gistsaat der heroftratischen Unruhestifter und Störer der gesellschaftlichen Ordnung. Nur auf diese Weise erklärt es sich, daß die Heercsfolge der den Umsturz verkündenden Apostel sich mehrt. Im Zustande der Aufregung gehen die ruhige Ueberlegung, die kluge Besonnenheit, die berechnende Reflexion des Menschen verloren, und er sinkt zun; willenlosen Werkzeug herab. In welch freventlicher Weise die Hände gewissenloser „Volksbeglücker" davon Gebrauch machen, wird stündlich von neuem gezeigt. Der bürgerliche Zusammenhang iu dem kommunen Verkehr wird mutwillig zerrissen, jede Autorität mit Füßen getreten, Handel und Wandel gestört, der ruhige Gang aller staatlichen Einrichtungen gehemmt und das öffentliche Elend vergrößert. Die 'Männer der medizinischen Wissenschaft sind unablässig bemüht und bestrebt, die Influenza der Zeit, insoweit sie ihre Opfer im Bereiche des körperlichen Befindens sucht, durch Anwendung geeigneter Mittel zu bekämpfen und ihrem Umsichgreifen Einhalt zu thun; soll ihre Herrschaft aus sozialem Gebiete eine unumschränkte sein und bleiben? Yideant eonside.s! Das Mental» in Amerika. Bon Professor Tr. G. Deutsch, Cincinnati. 1. Statistik. Zur Zeit als die englischen Kolonien Nord-An;erika'S sich unabhänging erklärten, war die Anzahl der Juden im Lande eine sehr geringe. Aus sechs Gemeiudc:; verteilt, dürsten sie kaum mehr als einige Hundert betragen haben. Auch nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges war die jüdische Einwanderung eine so schwache, daß ein gewisser W. D. Robinson, wahrscheinlich ein Landspekulant, in einer im Jahre 181 ü erschienenen Broschüre sich wundert, daß die Juden den; Drucke, welchem sie in Europa unterivorseu seien, sich nicht durckHAuswanderung nach den; Lande der Glaubensfreiheit entziehen, wozu er ihnen durch ein großartiges Kolonisationsprojekt am Mississippi behilflich sein will. Erst mit den dreißigen Jahren, als die Enttäuschung über den trotz der Teilnahme der Juden an den Freiheitskrieges fortdauernden Druck, viele zur Verzweiflung an der Zukunft des Liberalismus brachte, noch mehr im Gefolge der Revolution kam der breite Strom jüdischer Einwanderer aus Deutschland an. Seit der Thronbesteigung des verstorbenen Zaren, besonders feit den Verfolgungen im Jahre 1882,