Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 183 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608467--0306-9608470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 12. Aefchurrrn. Seite 183. recht über die einzelnen Gemeinden zu, entsprechend dein Anteil, den die Einzelgemeinden von den Einkimften der Großgemeinde beziehen. Nicht minder wäre die Organisation des Religionsunterrichts Sache der Großgemeinde. Ihr wären durch die Synagogengemeinden die willigen und geschickten Kräfte zur Verfügung gestellt, um den Religionsunterricht überhaupt erteilen zu lassen und die geeigneten Kräfte dafür zu gewinnen. In dem Obigen ist der Plan der Neuorganisation der (Gemeinde Berlin in großen Umrissen gegeben. Möglicherweise ist die Durchführung dieser 'Neuorganisation nur unter Zuhilfenahme der Gesetzgebung möglich. Wir sind aber sicher, daß die erforderlichen gesetzgeberischen Maßnahmen sich erlangen ließen, zum Vorteil nicht blos für die Gemeinde Berlin, sondern auch für die anderen jüdischen Gemeinden in Preußen, die daran leiden, Laß ihre Zahl über die Uebersehlichkeit hinausgewachsen ist. Jur Fragt des jü-ilchtn RcligmMtmichtes. Aus der großen Zahl von Zuschriften, die uns infolge der polemischen Aufsätze des Herrn Redakteur Klausner zugegangen sind, sei nur die folgende wiedergegeben, weil sie der Feder eines sehr bekannten freisinnigen Israeliten, der vor der Hand unter einen! Pseudonym schreiben will, entstammt. Die Zuschrift lautet: Die vorgenannte, von Herrn Klausner speziell für Berlin in voriger Nummer d. Bl. angeschnittene Frage hat mehr als eine lokale Bedeutung. Solange in Sachen dieser wichtigsten Disziplin Willkür der Eltern und Jndifferentismus überhaupt maßgebend sind, wird etwas anderes als Halbheit und Oberflächlichkeit, wenn nicht gar krasse Unwissenheit als Frucht zu erwarten sein. Die Rückwirkung dieses Zustandes macht sich schon jetzt in recht bedenklichen: Maße geltend, ivird aber gewiß über kurz oder lang zu einer Krise führen, die recht eindringlich allen vor die Augen führen dürfte, daß nicht ein Einzelner im-Vorstande der jüdischen Gemeinde der Schuldige ist, und sei er gar der erste im Rate, auch nicht einmal der Gesamtvorstand, hinter dem innner die Gemeinde steht, sondern daß die Gesamtheit der deutschen Juden durch Vernachlässigung einer der heiligsten Pflichten eine Schuld auf sich geladen, deren Folgen auf die ganze Judenheit mit 'Notwendigkeit zurückfallen nlüssen. Für Berlin liegt eine Hauptursache dieser Erscheinung, was ich vorweg zugeben oder mehr unter besonderem Hinweis auf die Zukunft hervorheben will in dem Wahlmodus, der den Berlinern genugsam bekannt sein dürste, als daß ich nötig hätte, darauf aufmerksam zu machen, daß hier für die Herbeiführung einer Reform der Hebel einzusetzen habe. Für die Gesamtheit kann ein solcher Umstand nicht als Entschuldigung geltend genmcht werden; für sie bleibt der Vorwurf in seiner ganzen Schwere bestehen. Diese allgemeine Anklage — dess' bin ich^ sicher — wird ganz gewiß als der Ausfluß „orthodoxen Fanatismus'" angesehen werden, da das bisherige lai8seifaire in religiösen Angelegenheiten als Liberalismus, Duldungssinu 2C. galt, desseu Zirkel zu stören nur einem bösen Hyperorthodoxen beikommen kann. Gemach, meine Herren, durchaus kein „Schwarzer", im Gegenteil, aber — meine Herren — ich bin ein Jude, dem es ernst mit seinem Judentum ist. Aus meiner warmen jüdischen Empfindung heraus spreche ich es offen aus, daß es eine Schande ist, wie es in Sachen des Religionsunterrichtes, vielfach unter direkter Billigung der „Herren Eltern" im allgemeinen steht. Oder ist es etwa ehrenvoll für uns zu sehen, daß Schüler jüdischer Eltern für alles Zeit übrig haben, nur nicht für den Unterricht in dem Bekenntnis der Väter? Auf allen Gebieten sind die jüdischen Zöglinge zu Hause, aber im Hause ihres Gottes sind sie Fremdlinge, die scheu an der Thüre stehen, weil alles was ihnen hier vor die Augen tritt, frenid, unverständlich und darum unsympathisch ist. Spricht man darüber mit den Vätern und mit den Müttern, daß es doch himmelschreiendes Unrecht sei, Kinder derart in Unwissenheit aufwachsen zu lassen, so ist es nicht so ungewöhnlich die Antwort zu erhalten: Die Sache ist nicht so schlimm, Rabbiner sollen unsere Knaben nicht werden und die Mädchen haben erst recht des „Jüdischen" nicht nötig. — „Rabbiner sollen sie nicht werden." Dieser Satz, der entschuldigend wirken soll, er wirkt nur noch belastender, weil er zeigt, wie gerade die Eltern es sind, die hier als diejenigen erscheinen, welche statt des edelsten und besten Empfindens, statt des höchsten Gutes in allen Lebenslagen ihren Kindern selbst dasjenige verkümmern, bewußt verkümmern, was andere nach dieser Seite hin für diese zu . deren Heile Gutes wirken inöchten, im Gegensatz zu den Eltern nichtjüdischer Kinder, die freilich unter Beihilfe staatlicher Aufsicht sich daran gewöhnt haben, auch in religiösen Dingen ein bestimmtes Maß ßes Wissens von der Jugend zu verlangen. Sehen wir uns doch einmal die Kinder nichtjüdischen Bekenntnisses an; geborene Konsistorialräte und Kardinäle sind sie nicht, aber das wissen fast alle, was zur Liturgie, zur öffentlichen Andacht notwendig ist, um zur eigenen Erbauung und Belehrung dem Gange des Gostesdienstes folgen zu können; das haben doch die meisten von ihnen gelernt, was zu den Grundlehren ihres Bekenntnisses gehört, um auf etwaige Angriffe eine nach der geistigen Verfassung des Individuums allerdings mehr oder minder klare Antwort geben zu können. Die Hauptdaten aus der biblischen und kirchlichen Geschichte sind ihnen bekannt, ja manche Schüler haben sogar noch wohl etwas mehr religöses Wissen, ohne daß die Eltern oder Angehörigen auf den Gedanken verfallen, daß sie in Sachen der Religion zu viel des Guten, das paffe höchstens für den theologischen Stand. Rein, Ihr Herren und Damen, die Ihr Euch Juden zu nennen beliebt! Euer „Sie sollen nicht Rabbiner werden" ist eine bequeme wie gedankenlose Abweisung einer Gewissenspflicht, für die Ihr mal einst Euren Kindern gegenüber die Verantwortung zu tragen habt. Wenn jetzt judenfeindlicherseits behauptet wird, die Juden besitzen keine Religion, was wollt Ihr Ihnen bezüglich Eurer Kinder antworten, wie Euch verantworten? Wollt Ihr ihnen auch mit der Antwort konnnen: Sie sollen keine Rabbiner werden!? Was darum in bezug auf den jüdischen Religionsunterricht allgeinein zu verlangen ist, das läßt sich, ohne nach rechts oder links anzustoßen, dahin präzisieren, daß als Minimum dasjenige Maß hebräischen Wissens verlangt werde, um den in allen Gemeinden als Hauptgebete bekannten Stücken der öffentlichen gottesdienstlichen Andachten folgen zu können, die biblischen Geschichten nach ihrer moralisch-religösen Bedeutung und soviel aus dem eigentlichen Religionsunterricht, um die Grundlehren des Judentums in ihren Umrissen wenigstens zum geistigen Eigentum der Schüler zu machen. Das sind in: allgemeinen die Minimalforderungen, die