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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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Seite 164. JescHrrrrrn. Nr. 11. wiederlegten, aus der Kriminalstatistik entnommenen Vorwürfe gegen die Juden mußten wieder in Parade anfmarschieren. Herr von Langen versprach alsdann, seine Gegner im einzelnen zu widerlegen, und bewies, daß er nicht ohne Erfolg bei den Antisemiten in die Schule gegangen. Er nahm jedesmal, wenn er sich anschickte, einen Gegner abzuthun, einen gewaltigen Anlauf, regelmäßig aber verfiel er alsdann in die plattesten Absurditäten und Trivialitäten. Kalauer vom ehrwürdigsten Alter, Witzelein der ödesten Art, Anekdoten und Schauermärchen, die bald ein Jahrhundert alt sein dürften, mußten die krasse Gedankenarmut notdürftig verbrämen. Der Reichstag selber ließ diesen Erguß mit Gelassenheit über sich ergehen. Der Abgeordnete Dr. Hermes als nächstfolgender Redner hatte schwer mit der Unaufmerksamkeit des Hauses zu kämpfen. Allgemein hatte man erwartet, daß Eugen Richter sprechen werde. Herr Dr. Hermes ging mit den Antisemiten scharf ins Gericht, er bezeichnte es als eine Sünde und Schande, daß die Tribüne des Reichstages durch solche Auslassungen inißbraucht werde und wurde daher vom Präsidenten unterbrochen. Im übrigen konnte auch er dem unerquicklichen Thema keine neuen Seiten abgewinnen. Mittlerweile waren am Präsidententische wehere Anträge eingelaufen. Der eine beantragte den Uebergang zur Tagesordnung inbetreff des antisemitischen Antrages, der andere den Schluß der Debatte über den konservativen Antrag. Für die Anträge sprach der Abgeordnete Eugen Richter mit der ganzen Wucht seiner Beredsamkeit, gegen dieselben der Antisemit Dr. Förster mit seinem unnartürlichen, gespreizten Pathos. Der Uebergang zur Tagesordnung wurde angenommen, der Schluß der Debatte dagegen abgelehnt. Zu später Stunde bestieg dann noch Ah lw ar dt die Tribüne. Er war während des ganzen Verlaufes der Sitzung im Saale unruhig herumgelaufen, bald sah inan ihn beim Schriftführer die Rednerliste einsehen, bald stand er im Gespräch mit Freiherrn von Langen, bald mit — Herrn Singer. Falls es also in Zukunft heißen sollte, daß auch Ahlwardt bereits von der Verjudung ergriffen, so weiß man wenigstens, wer daran die Schuld trägt. Wer eine Ahlwardtsche Rede gehört hat, kennt sie alle. Auch diese Rede war ein Extrakt aus einigen Dutzend Volksversammlungen mit einem Schuß Bundschuhprogramm dazwischen. Unflätige Beschimpfungen, wie Gesindel, Cholerabazillen, Raubtiere u. s. w. gingen ungerügt durch, und wurden von schallender Heiterkeit begleitet. Als Ahlwardt geendet, sprach Richter in scharfer Form und mit vor Erregung zitternder Stimme sein Bedauern aus, daß solche Dinge ohne Korrektur des Präsidenten ausgesprochen werden konnten. , Im Tone höchster Gereiztheit verbat sich darauf Herr von Levetzow jede Kritik seiner Geschäftsordnung, und die rechte Seite des Hauses ries dazu Bravo. _ Auch die antisemitischen Bühnenbesucher glaubten durch lebhaftes Applaudieren ihren Gefühlen Ausdruck geben zu müssen, umsomehr, als ihnen dieser Genuß ausnahmsweise nichts kostete. (Entree wird nämlich im Reichstage nicht erhoben). Damit war der Spaß zu Ende. In namentlicher Abstimmung wurde der konservative Antrag mit 167 gegen 51 Stimmen abgelehnt. Den Herren Antragstellern mnß^ die ganze Geschichte wohl nicht wichtig genug erschienen sein, denn nrehr als die Hälfte von ihnen fehlte. Und damit der Humor auch zu seinem Rechte kommen sollte, glänzten auch die Herren Dr. Böckel, Ahlwardt und Liebermann von Sonnenberg durch Abwesenheit. Dir Antisemiten unb dir MiM. Wir lesen in der Berliner „Volks-Zeitung: Die Katze kann das Mausen nicht lassen! Wiederholt ist die Unhaltbarkeil der antisemitischen Behauptungen haarscharf bewiesen worden, sobald sie sich über das Niveau der gewöhnlichen Fischweiber-Schimpfworte zu heben versuchten und einen statistisch-exakten Beweis antreten wollten. Das steht urkundlich fest für alle, die lesen können, welcher politischen Richtung sie auch sonst huldigen mögen. Allein was verschlügt das den Herren? Ausgesordert, für den Antrag bezüglich des Einwanderungsverbotes auswärtiger Juden statistisches Material beizubringen, antwortete Herr v. Langen damit, daß er Beweise für die Schlechtigkeit der deutschen Staatsbürger jüdischer Konfession zu erbringen versuchte, obwohl dieses Thema am Mittwoch nur durch die höchst sonderbare Geschäftsführung Herrn v. Levetzow's überhaupt behandelt werden durste. Obwohl also diese Zahlen an sich für den anr Mittwoch beseitigten Antrag nichts beweisen können, gehen wir doch daraus ein, um wieder einmal zu zeigen, was es mit der „Statistik" der Antisemiten aus sich hat. Der ganze Irrtum --- um es milde zu bezeichnen -- besteht darin, daß die Kriminalstatistik, um Schlüsse zu gestatten, nicht blos den Prozentanteil der betreffenden Konfession in der Bevölkerung vergleichen darf mit bcm prozentualen Anteil der verurteilten, sondern fragen muß nach der prozentualen Verteilung der bezüglichen Konfession über die verschiedenen Berussklaffen hin. Denn das sollte doch auch einem Antisemiten klar sein, daß der letztere Umstand geradezu das Entscheidende für die Kriminalität ist. Um diesen Satz durch ein praktisches Beispiel zu erläutern nehmen wir die Kriminalstatistik Berlins für die Jahre 1891 und 1892 zur Hand. Das ist insofern ein günstiges Feld für die Herren Antisemiten, als sie ja diese Stadt als „total verjudet" auch von der Tribüne des Reichstages bezeichneten. Es ist aber auch hier möglich, nach der Bevölkerungszählung von 1890 die Anteile der konfessionellen Gruppen an den Berufszweigen statistisch zu erfassen (vergl. Stat. Jahrbuch der Stadt Berlin, Jahrg. XVI./XVII. 1893, S. 25.) Nun waren in den Jahren 1891 und 1892 unter den Berliner Verurteilten: Evangelische 85,55 bezw. 84,01 pEt.; Katholiken 10,93 bew. 11,31; andere Christen 0,20 bezw. 0,50; Inden 3,05 bezw. 3,23 pCt. *) Dagegen waren nach der Volkszählung vorn 1. Dezember 1890 von der Berliner Bevölkerung 85,69 pCt. evangelisch, 8,55 katholisch, 0,68 andere Christen, 5,02 pCt. Jude n. Wenn man also diese Zahlen als Gradmesser betrachtet, so wären gerade die Juden außerordentlich begünstigt und die Katholiken arg belastet. Das ist natürlich irrig, besonders aus denl oben angeführten Grunde, dem übrigens noch andere zur Seite treten. Gehen wir aber nun näher aus die einzelnen Arten der Verurteilungen ein, wie dies auch die Antisemiten gezwungener Weise thun, da mit der Gesamtkriminalität nun einmal kein Geschäft zu machen ist, so ergiebt sich folgendes Resultat: die jüdische Bevölkerung Berlins ist höher, als ihr prozentualer Anteil an der gesamten Kriminalistik beteiligt an folgenden Verbrechen und Vergehen: Zuwiderhandlung gegen die Vorschriften über die Beschäftigung von^ Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern (35,13 bezw. -'>0 pCt.),^ Vergehen gegen das geistige Eigentum (35,29 bezw. 37,63 pCt.) *) Stat. Iahrb. der Stadt Berlin, XXX. Iabr. 1894, S. 848.

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