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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 JescHrrrrrn. Seite 1HB. ißrff'P « dein erlvähnten Dogma und von der unveränderlichen religiösen Moral, historischen und wissentschastlicheit Inhalts gewesen, und diesen Charakter kann und soll er behalten. Wollen Eltern für ihre minder über diesen Rahmen hinausgehen, so bleibt ihnen unbenommen, dies in häuslicher oder privater Anleitug zu thun. Welche organisatorischen Aenderungen hierbei^ für die Gemeinde empfehlenswert wären, sei in einein folgenden Kapitel dargelegt. Pt Judeil-kbattk im Ikidjetogr. Ein Stimmungsbild. Alli 6. Niärz haben die antisemitischen Hexengeister im Reichstage seit langer Zeit sich einmal wieder nach Kräften ausgetobt. Die Herren Konservativen, denen durch ihre nur allzu gelehrigen antisemitischen Schüler eine scharfe Konkurrenz gemacht wird, glaubten es ihren Wählern schuldig zu sein, einmal zu zeigen, daß auch sie praktische Antisemiten sind. Und so brachten sie denn einen Antrag ein, der die Regierung auffordert, für die Zukunft jede Einwanderung von Juden aus andern Ländern (gemeint sind natürlich die östlichen Reiche Europas, denn englische und französische Juden tragen wenig Verlangen, in Deutschland den Antisemitisrnus an der Quelle zu studieren) zu verbieten. Die „reinen" Antisemiten durften natürlich nicht Zurückbleiben, und so brachten sie denn einen Antrag ein, der den konservativen Antrag noch übertrumpfte, indem er nebst dem Verbot jüdischer Einwanderung auch alle augenblicklich in Deutschland lebenden nicht naturalisierten Juden ausweisen will. Die deutschen Juden hätte man auch gerne ausgewiesen, aber nicht zu viel aus ein Mal, tnochlen die Herren wohl denken, geht jener Antrag erst durch, wird sich das andre schon finden. Und wo alles haßt, kann Karl allein nicht lieben, möchten nur das bekannte Schillerfche Zitat umändern, — noch ein dritter Antrag war eingelaufen, unterzeichnet von Freikonservativen und Nationalliberalen, wie gewöhnlich, nicht Fisch noch Fleisch, hindurch gondelnd zwischen Extremen, nur damit es nicht heißen soll, jene Herren hätten im Augenblicke der drohenden Judengefahr das Vaterland schmählich im Stiche gelassen. Dieser Antrag vermeidet den Ausdruck „Juden" und will nur im allgemeinen eine Erschwerung der Naturalisation. Aus den Tribünen drängte sich ein zahlreiches Publikum. Beide sich sonst so schroff befehdenden Parteien, Juden und Antisemiten saßen in bunter Reihe friedlich nebeneinander. Das hohe Haus selber war besser besucht als in den letzten Wochen, sogar beschlußfähig, keineswegs aber so zahlreich besucht, wie man es eigentlich angesichts des vorliegenden Gegenstandes erwartet hatte. Die Debatten im einzelnen sind ja durch die Tagesblätter bekannt geworden. Es wurde durch dieselben ausdrücklich bestätigt, daß man es eigentlich nicht so sehr aus die paar armen Teufel abgesehen hatte, die aus Rußland, Polen und Galizien zu uns kommen, sondern daß man eine Judendebatte im großen Stile entfesseln wollte; und die Juden im allgemeinen, die deutschen Juden im besondcrn wareir es, auf die man losfchlug. Der erste Redner des Tages war der nationalliberale Abgeordnete, Professor Hasse aus Leipzig. Der Herr hat bei der letzten Wahlkanipagne stets antisemitische Neigungen an den Tag gelegt und damit bewiesen; wohin jene Partei gekonunen ist, die einst einen Laster und Bamberger zu ihren stolzesten Zierden zählte. Der Herr Professor sprach für den von ihm eingebrachten Antrag, jedoch viel weniger antisemitisch als mait erwartet hatte. Eine hervorragende Leistung war es aber trotzdem nicht. Nach ihm kam Herr R i ck e r t zu Wort. Herr Rickert ist wohl der beweglichste, nervöseste, reizbarste Redner des Hauses; er polemisiert mit Vorliebe nach der rechten Seite des Hauses hin, apostrophiert seilten Gegner persönlich, geht auf jeden Zwischenruf auf der Stelle ein, und provoziert dadurch wiederum die Gegner. Dieses Rial war der Herr Abgeordnete jedoch ganz gegen feine Gewohnheit auffallend ruhig. Auch die Konservativeir und Antisemiten, die Herrn Rickerts Reden soirst gern mit allerhand höhnischen Zwischenrufen zu unterbrechen sich bemühen, verharrten in stummem Schweigen. Der Redner hielt sich streng an die Sache. Auf die allgemeinelt antisemitischen Redensarten ging er weiter nicht ein, er packte, wie man zu sagen pflegt, den Stier bei den Hörnern, unb widerlegte mit gewohnter Sachkunde und Gründlichkeit die judenhetzerischen Tiraden von der jüdischen Masseneinwanderung. Herrn Rickerts Rede hatte sofort den Erfolg, daß der Herr Staatssekretär von Bötticher in die Debatte eingriff, da der Vorredner aus die bestehenden Verträge hingewiesen hatte mit deut Bemerken, dich die vorliegenden Anträge damit unvereinbar wären. Der Herr Staatssekretär trat sehr vorsichtig auf, jedes Wort schien genau abgewogen zu sein. Der Bundesrat hat über die Sache noch nicht verhandelt, folglich kanit der Herr Minister noch nicht wissen, wie die Stimmung in der Regierung ist. Darin jedoch mußte Herr von Bötticher dein Abgeordneten Rickert Recht geben, daß mit den abgeschlossenen Handelsverträgen jedes Verbot der Niederlassung für irgend welche Angehörige irgeltd welcher Konfession nicht zu vereinigen sei. Unter atemloser Spannung gelangte nunmehr Herr Dr. Lieber als Vertreter des Zentrums zum Wort. Denn aus das Zelttrum koinmt es jetzt an im Reichtage in dieser Frage wie bei jeder andern. Und Herr Dr. Lieber ist so recht dazu geschaffen, im Namen einer großen Partei zu sprechen. Herr Dr. Lieber ist wohl der langsamste Redner des Hauses, jedes Wort, jede Silbe wird stark prononziert vorgetragen, dabei steht ihm ein gewisses feierliches Pathos 511 Gebote, wie es im allgenteinen in deutschen Parlamenten selten in die Erscheinung tritt. Und sehr bald zeigte es sich, daß von dieser Seite für die Antisemiten nichts zu hoffen ist. Der Redner ist durchaus nicht übertrieben philosemitisch gesinnt, wie auch an verschiedenen Stellen deutlich zu bemerken war. Aber ein hoher Sinn für Gerechtigkeit zeichnet ihit rühtnlich aus. Mit großem Nachdruck betonte der Vertreter des Zentrunts, daß eine Partei, die so schwer durch konfessionelle Hetze gelitten, nie und nimmer ihre Hand dazu bieten werde, andere zu unterdrücken. Die rechte Seite des Hauses bekam luanch bittere Pille zu schlucken, die sie lautlos hinunterwürgen mußte. Die Stimmung wurde allmählich belebter. „Das Wort hat der Herr Abgeordnete Freiherr von Langen ", verkündete der Präsident. Aber der verehrte Herr war nicht zur Stelle, er nahm grade ani Buffet eine kleine Herzensstärkung zu sich, unl gerüstet zu sein zur großen Judenschlacht. Seine Freuilde holten ihn herbei und im Laufschritt stürmte er zur Tribüne. Herr voll Langen tauchte seinen Pinsel in das schwärzeste Schwarz, die alten, bereits hundertmal H5* m . t lil mm

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