Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608429--0278-9608442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 10. Aefchrrvnn. Seite 157. der talmudischen Periode studierteil die Frauen das Oiesetz, aber des Weibes heilige Funktion war es, das Heim rein zu halten von aller äußerlichen Befleckung des Lasters und des Götzendienstes, wie sie in jenen Zeilen vorherrschten. Sie gestaltete das Heim zu einem Heiligtum, in welchem die Kinder in dem Weifte der Frömmigkeit auswuchsen und worin das Aufstreben zu höherem Wissen Ermutigung fand. „Liebe dein Weib wie dich selbst, ehre sie nlehr als dich selbst", sagt der Tamud und: „wenn dein Weib klein ist, bücke dich herab zu ihr und höre ihren Rat." In fast allen Fälleil waren die Frauen der Rabbis und heiligen Männer ebenbürtig, wenil nicht emporragelld über sie in Tugend und in Ausübung der Mildthätigkeit und Liebeswerke. Die Reform-Jüdin sollte dafür dankbar sein, daß das lnoderne Judentum keine Rangunterschiede mehr zuläßt und die Frau gleich dem Manne als das Kind Gottes ansieht. Der eigenttümliche Segensspruch des orthodoxen Juden in beut Frühgebet , worin er Gott dankt, ihn nicht als Weib geschaffen zu haben, wurde von der Refornr bei Seite gesetzt gleichzeitig mit der Frauengallerie in der Synagoge, beide ein Ueberbleibsel orientalischer Anschauung. Die Reform-Jüdin dankt Gott nicht nlehr in Resignation, daß er ihr einen weniger wichtigen Platz in der Gesellschaft anwies. Sie liest ihre Gebete jetzt an der Seite ihres Vaters oder Ehemannes im Gotteshause. Und warum sollte sie nicht? Ich gehe noch weiter und sage, warum syllte sie nicht das Recht genießen, ebenfalls ein Mitglied des Tempels werden zu können, oder ein Mitglied des Verwaltungsrats der Sabbat- Schule, welche gar oft ihren praktischen Verstand und ihr thatkrüftiges Interesse verwerten kann?" Bürgerliche Verhältnisse. * Dem Korrespondenten der „Fr. Z." versicherte eine vatikanische Persönlichkeit, daß der Gedanke einer Aeußerung des Papstes über die österreichischen Ehristlich-Sozialen zwar noch nicht definitiv aufgegeben sei, aber falls sie erfolgt, werde sie bestell Falles Mäßigung in der Form empfehlen. Rainpolla habe den Papst überzeugt, daß der Ailtisemitismus nicht die Frucht einer künstlichen Agitation, sondern eine aus dem religiösen (unsere Antisemiten leugnen dies aber stets! Red.) Bewußtsein des Volkes entsprungene Bewegung sei. Das habe beim Papste durchgeschlagen. Die gemäßigte Richtung des Kardinalkollegiums beklagt das Scheiteril der Schönborn'schen _ Mission und beschuldigt den Nuntius Agliardi, in dieser Angelegenheit ohne ausreichende Kenntnis der Verhältnisse das Staatssekretariat berateil zu haben. * Aus Rußland. Der aus Odessa gebürtige jüdische Gelehrte D. S. Fleckser veröffentlichte vor kurzem eine juridische Abhandlung, die in Gelehrtenkreisen allgemeines Aufsehen erregte; der Senat der Petersburger Universität zeichilete das Werk durch Verleihung der großen goldenen Medaille aus und beschloß zugleich, den Gelehrten als Professor für die juridische Fakllltät in Vorschlag zu bringen. Dieser Beschluß konnte jedoch im Sinne der bestehenden Vorschriften vom Bezirks-Schuldirektor nicht genehmigt werden, weil Fleckser ein Jude ist. Fleckser bewarb sich null selbst um die Professur lind erwirkte auch unmittelbar vom Unterrichtsminister seine Ernenmulg zum Universitäts-Professor. Fleckser steht heute im jugendlicheil Alter von 25 Jahren; erst vor zwei Jahren beendete er seine Studien an der Petersburger Universität und ist gegenwärtig der einzige Jude in Rußland, der Titel und Rang eines Universitäts-Professors besitzt. — Im Jahre 1894 betrug die Gesamtzahl der Oiestellungspflichtigen im russischen Reiche 953.679. Davon waren Nichtjuden 907.878. Juden 45.801—4,8°. 0. Die Znhl der auszuhebenben Rekruten betrug 270000, davon Nichtjuden 254 563 und Juden 15434, also mehr als 6°/q. Ausehoben wurden von den Juden allerdings nur 14171, es fehlten also 1263 Mann; in Wirklichkeit beträgt dies aber immer noch 5,25o/o der Gesamtzahl, während die Zahl der jüdischen Oiestellungspflichtigen doch nur 40/0 der Gesamtzahl betrug. Es wurden somit von den Juden 3362 pro 10000 ausgehoben, von den Nichtjuden dagegen nur 2802. Das Endresultat ist also kein Deificit von 1263, sondern ein U e b e r schuß von mehr als 2 000 Mann. Thatsächlich sind — wie schon wiederholt betont wurde — jene „Deficite" rein fiktive, dadurch entstanden, daß früher die Matrikellisten, welche den Rekrutierungslisten zu Grunde liegen, nachlässig geführt, daß längst Verstorbene, oder im frühen Kindesalter Ausgewanderte nicht gestrichen wurden, somit irrtümlich in den Rekrutierungslisten figurieren, bei der Assentierling aber natürlicherweise fehlen. — Zur Lage der jüdischen Emigranten in Amerika entnimmt die „Lodzer Zeitung" denl „Woschod" interressante Nachrichten. Gegenwärtig sind in Nordamerika Hunderttausende und selbst Millionen von Arbeitern beschäftigungslos. Von diesen keine Beschäftigung findenden Personen sind, wie das genannte Blatt berichtet, in der kläglichsten Lage die russischen Juden, die in den letzten fünf Jahren in unvergleichlich größerer Anzahl nach Amerika ausgewandert sind, als vor diesem Zeitrauni. Ueberall, wo von den aus Rußland eingewanderten Juden die Rede sei, mache sich in Amerika ein solcher Geist der Unduldsamkeit und Abneigung bemerkbar, daß man an der allgemeinen, den russischen Juden gegenüber gehegten feindlichen Stinunung der Bevölkerung nicht zweifeln könne. Wenn die Einwanderung russischer Juden nach Amerika in Zukunft nicht stark eingeschränkt werde, so seien die amerikanischen Juden selbst gezwungen, bei ihrer Regierung um das völlige Verbot der Immigration russischer Juden zu petitionieren. *h Die Juden in Portugal. Oileich allen Nicht Katholiken, haben die Juden in Lissabon, deren Zahl kaum mehr als 500 betragen dürfte, unter verschiedenen bürgere lichen und religiösen Unzuträglichkeiten zu leiden, aber mehrere unter ihnen haben es doch zu hohen, öffentlichen Stellungen gebracht. Herr Seronja, ein streng orthodoxer Jude, ist Direktor der Bank von Portugal, ein Jude war mehrere Jahre Professor an der Universität, und ein anderer hat eine ähnliche Stellung an der staatlichen Handels- Akademie inne. Es giebt in Lissabon drei Synagogen, aber keine einzige jüdische Schule. *1 Ein jüdischer Oberst in Rußland. Ein Berichterstatter meldet uns, daß seit fünfzehn Jahren einer unserer Oilaubensgenossen, Dr. Ignatz Lothe, der in Polen geboren wurde, im russischen Heere eine Oberstabsarzt - Stelle inne hat, und daß er während dieser Zeit zweinml dekoriert worden ist. Er hat Oberstenrang und ist in Suwalki bei dem Artillerie-Regiment in Garnison. Er ist mit dem General und allen anderen chohen Offizieren sehr befreundet. Dr. Lothe ist ein Enkel des verstorbenen Herrn Samson Rausuk aus London.