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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 136 (sequence 8)
Language
German
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Seite 136. Nr. 9. DefcHurun. In derselben 'Nacht erwachte der andere Brüder und sagte zu seinem Weibe: „Mein Bruder ist jung, er lebt allein und hat niemand, ihm bei seiner Arbeit zu helfen und ihn zu trösten, wenn er müde ist. Es ist nicht billig, daß wir von dem gemeinsamen Acker so viele Garben nehmen; laß uns aufstehen und insgeheim auf seinen Haufen eine gewisse Anzahl Garben legen; er wird es nicht wahrnehmen und sie also nicht ausschlagen können." Und sie thaten, wie sie gedacht hatten. Am folgenden Tage begab sich jeder der Brüder auf den Acker und war sehr erstaunt, zu sehen, daß die beiden Haufen gleich waren. Keiner von beiden konnte sich dieses Wunder erklären. Sie thaten ebenso während mehrerer Nächte nach einander; allein da jeder von ihnen die nämliche Anzahl Garben zu dem Haufen seines Bruders legte, so blieben die Haufen immer gleich, bis in einer Nacht, da beide sich auf die Wache gestellt hatten, um die Ursache dieses Wunders zu ergründen, sie einander antrafen, wie jeder die Garben trug, die sie sich gegenseitig bestimmten. Dieser Boden war es, der, wie die Ebräer sagen, von Salomo gewählt ward, um den prächtigen Tempel darauf zu bauen. — Welch hübsche Sage! Wie atmet sie die treuherzige Güte der patriarchalischen Sitten! (Der Schluß lautet nach hebräischen Quellen anders. Wir werden ihn nächstens niederschreiben. Red.) Aus nifinra Febril. Von M. G. Saphir. III, Die Mischung von Güte, Gemüt, Wohlthätigkeitssinn und Gastlichkeit mit Herbheit, Eigensinn, Trotz und zorniger Unbändigkeit, die in meiner Individualität Wand an Wand atmen und abwechselnd über meine Stunden und Tage, über Schritte und Worte herrschen, habe ich wohl von meinem Elternpaare. Meine Mutter Charlotte, mit dem Familiennamen Brüll, aus Preßburg, war das lebendige Prinzip der Liebe, der Milde, der Wohlthätigkeit, der Gastfreundschaft und Duldung überhaupt. Ich erinnere nüch ihrer, die ich in meiner frühesten Jugend verlor, wie man sich einer Traumgestalt, eines Traumengels erinnert. Sie war schwach und kränklich, blaß und leidend. Sie trank den Wermut, der ihr in den Lebensbecher gegossen wurde, sie aß das Salz, das ihr in die Lebensschale geschüttet wurde, mit Demut, Geduld und frommer Ergebung. Das Andenken an alle Liebe, an alle Liebkosung, an alle Zärtlichkeiten, an alle Tröstungen, mit welcher ne die dornen- und schmerzvollen Stunden meiner Kindheit überdeckte, durchrnilderte und linderte, geht durch mein Leben mit mir wie ein unsichtbarer Wehmutsgenius, der mit rückwärts gewandtem Gesicht lächelt und weint. Mein Pater, Gottlieb Saphir, war eine stattliche, imposante Gestalt, er war ein Mann voll des schärfsten Verstandes, im Besitze eines wunderbaren Scharfsinnes, so daß er — er bekleidete das Amt eines Qberlandes-Steuer-Einuelnners der damaligen Kopfsteuer, „Malkegeld" geheißen — von einem großen Umkreise der Bewohner der umliegenden Komilate in allen Dingen zu Rate gezogen wurde. Er besaß ungewöhnliche Kenntnisse und war wegen seiner Hohen Redlichkeit und Charakterlanterkeit allgemein sehr geachtet und geschätzt. Uebrigeus war er, bei aller Geistesfülle, orthodoxer Jude; die finsteren und marternden Auslegungen der jüdischen Gesetze fanden an ihm einen fleißigeren Verfolger, als die heiteren und genußerlaubenden. Lachen war bei ihm fast antireligiös. Wir Kinder bekamen selten die „Erlaubnis zum Lachen." Auf unfern llnterricht verwendete er viel und gern, natürlich im Talmud und Bibelstudium. Seine höchste Sorgfalt verwendete er darauf, uns „schön schreiben" lrrnen zu lassen! Ta fand er nun an mir, seinem Benjamin, leider eine Quelle von.Verdruß und Betrübnis! Die jüdischen Schriftbuchstaben sind viel malerischer, viel charaktervoller, als die deutschen. In der deutschen Schrift kann man die Buchstaben eines ganzen Wortes verbinden, sie in einem Zug hinfchreiben; jedes Wort ist eine verbundene kleine Gemeinde. In der jüdischen Schrift muß jeder Buchstabe für sich allein hingestellt werden, jeder Buchstabe ist ein „Balbohs" (Hausbesitzer) für sich. Mein Vater hatte Lieblingsbuchstaben, z. V. das „K" („Kuhf"), das „P“ (Pee), das „nd“ ('Nun Dallet) u. f. w. Diese drei Buchstaben waren meine ärgsten Feinde auf der Welt! Wenn ich ein „Pee" inachte, schien es mir Gesichter zu schneiden, mich anzugrinsen und anstatt daß es, fertig gewunden, ausfehen sollte wie ein Boa eonstrictor, die sich zirkelmäßig zusammenrollt, sah es aus wie ein verdorbener Krautstrudel, der in seiner Entwicklungsperiode doppelte Glieder bekam und sein Dasein zwischen Pantosiel- und Pudelmützen-Gestalt hinfristete! So oft mein Vater ein solches naturwidriges „Pos" sah, wie es aus dem schwarzen Rachen meiner Feder auf das Papier hintrat, seufzte er tief über die Entartung meiner Menschenwürde: „Wer ein solches „Poo" macht, wird sein Lebtag kein ordentlicher Mensch!" Also dieses „Poo" ist Schuld, daß ich ein Schriftsteller wurde! — — Wochen-(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Ter Beobachter. Es ist eine iutereffaute Erscheinung, daß die Christen in China für die einheimische Bevölkerung ebenso der Gegenstand inlensiven Aberglaubens sind, wie die Juden für gewisse Volkskrcise Europas. Ein fremdenfeindliches Plakat aus Canton, das die „Franks. Zeitung" vor kurzem veröstentlichtc, beweist das klar. Es lautet wie folgt: Vernehmt es! Alle Beamten in und außerhalb der Stadl vom General-Gouverneur und Gouverneur' bis zum niedrigsten Soldaten und Gerichtsdiencr trachten nach Geld. ZnNichtachtung der hoben Gnadenerweise des Kaisers bedrücken und schinden sie das Volk aus Furcht vor den fremden Ungeheuern. Grund zur Klage haben wir mehr als genug; durch Ricchkisien, die sic verbreite», vergiften üc uns. Honkong ist ein Handelsplatz; dort schlachtet man Weiber lebeiidig und vernichtet so zugleich zwei Leben; lausend und abertausend Fälle lassen sich anführen. Unsere Häuser und Wohnungen werden vernagelt, obdachlos irren wir umher. Versenken wir nuicre Klagen ins Meer, da wo es am tiessten ist; ein Shr für dieselben sindeit^ wir nimmer! Unsere Beamten sind mit Blindheit geschlagen, ihre rühren sind tanb, taub; die fremden Teufel brauchen nur einen leiM Wind zu lasten, io fallen sie nieder in hohem Erschrecken. _ Darm», Freunde, so wenig ich euch biete, das wenige müßt ihr wissen. Sollte es zu irgend etwas kommen, als erstes reißt herunter die Gotteshäuser; alsdann schlagt die Barbaren nieder, tötet sie! Zeder, der den Anspruch erhebt,'ein braver und rechtschasiener Mensch zu sein, der.höre

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