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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 137 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9. JescHurun. Seite 187. meine Stimme. Ter Himmel wird den sehen und nicht ungestraft lassen, der seine Hand anfhcbt, nm diesen Anschlag abznrcißcn. Alle Druckereien und Zeitungen mögen zur Verbreitung meiner Worte beitragen. — Es macht iir der That fast den Eindruck, als sollten auch einige unsrer „Geister" von der Krankheit Antisemitismus nicht verschont bleiben. Der eigentümlichen geharnischten „Berichtigung" des Prof. Georg Ebers haben wir s. Z. gedacht. Heute liegt uns eine gleichwertige Erklärung des bekannten Romanciers Balduin M ö l l - h a u s e n in Sachen der Düsseldorfer Ramcnsgeschichte (ot'r. vor. Nr.) vor, die in der „Neuen freien Presse" erschienen ist und folgenden Schluß hat: „Als ältester legitimer Nachkomme meines vor sechzig Jahren verstorbenen Großvaters Möllhausen, als Oberhaupt meiner Familie und der meinen Namen tragenden legalen Verwandten, protestiere ich nachträglich dagegen, daß der Hr. Sanitätsrat Josephson für seine Familie, als Ersatz fiir den eigenen Namen meinen Familiennamen wählte. Eine entschiedene Stellung diesem Ereignisse gegenüber kann und werde ich erst dann einnehmcn, nachdem ich mich über die Abstammung des verstorbenen Hrn. Instizrats Möllhausen genau unterrichtete und der Hr. Gcheimrat v. Wödtke die mir nebensächlich bcigelegte entfernte Verwandtschaft mit dem Hrn. Justizrat Möllhausen ausgiebig begründete. Bis dahin halte ich meinen Protest im vollen Umfange aufrecht". — Fürwahr, ein Zeichen der Zeit! — Blutbeschuldigung gegen Christen in Worbafrifa. Dr. G. Schweinfurth, der berühmte Reisende, erzählt in seinem Werke „Im Herzen von Afrika" (1874 Bd. II. S. 810): „(Sin Freund von mir, welcher als GouvernementSarzt in einer Stadt am roten Meere fungierte, wollte eines Tages, um der Natur einer daselbst grassierenden Krankheit näher aus die Spur zu kommen, an einem in seinem Lazarett verstorbenen Pilger die. Sektion vornehmen, der, fremd am Orte, daselbst weder Angehörige noch Bekannte besaß. Der Doktor hatte längst auf eine Gelegenheit gelauert, bisher waren ihm nie derartig isoliert dastehende Tote zur Disposition gewesen, nun glaubte er im Stillen seinem Wissensdrange Genugthuung verschaffen zu müssen. Sein Vorhaben ward nur zu bald vereitelt. Die Lazarettdiener, welche die Vorbereitungen zur Sektion sehen und.begreifen, stürzen entsetzt zum Gouverneur; die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch die kleine Stadt. Die Aeltesten bestürmen mit einer Deputation den Gouverneur, dieser schließlich befiehlt dem Arzt, bei Androhung des Verlustes feines Postens, die Sektion zu unterlassen. Zum llebersluß langt einige Zeit nachher ein rügender Verweis seitens der Vorgesetzten Sanitätsbehörde an, welcher den Betreffenden mit Vorwürfen überhäuft, daß er sich einen solchen Verstoß gegen die Litten des Landes zu Schulden hätte kommen lasten. Die Städter waren nun beruhigt, aber noch lange machte die Schreckenskunde unter ihnen die Runde: „Der Doktor habe die Sektion nur deshalb vornehmen wollen, nm sich als Christ eine Gelegenheit zu verschütten, das Herz eines Moslem zu esten und sein Blut zu trinken." — In dem kürzlich erschienenen 7. Bande seines Werke" „Die Begründung des deutschen Reiches unter Wilhelm's I. o. 8()o bespricht Heinr. v. Spbel die Verhandlungen der bäurischen Abgeordneten-Kammer vom 19. Juli 1870 über die Frage,^ ob Bauern an dem Kriege gegen Frankreich sich beteiligen soll, und schreibt wörtlich: „Der Pfälzer Levi erklärt: Bei uns sind alle Parteien einig: Die Provinz weiß, was ihr zunächst bevorfteht, wir wollen aber Deutsche sein und mit den deutschen Brüdern gehen." Herr Simon Levi ist ein reicher Gutsbesitzer in Landau. Bei einem damals befürchteten Einbruch der Franzosen in die Pfalz hätte er wohl als einer der Ersten für feine mutigen Worte zu büßen gehabt. * Uns Oesterreich. Ain 17. d. M. fand in Wien eine Vcrirtiiiiulimci zwecks Begründung eines jüdischen Abwehr-, ober wie mau ihn dort nennt, Rechtsschntzvereins statt. Tr. Alfred Stern, Mitglied der Kommunal- und Gemeindeverwaltung, leitete dieselbe und begründete die Notwendigkeit eines solchen Vereins. Die Macht des Einzelnen reiche zur Verteidigung nicht ans. Gegenüber der Meinung mancher, daß auch die Vereinigung nichts nützen werde , da die Strömung eine zu gewaltige sei, könne auf die Erfahrung hingewiesen werden, daß jüdische Körperschaften, die jedoch nicht berufsmäßig in der hier in Frage stehenden Richtung zu wirken in der Lage seien, durch ihr Einschreiten manches Nebel verhindern konnten, so sei in Sachen des Schächtens der Protest von N00 Kultusgemeinden erfolgt und habe gewirkt. — Tr. Spitzer bringt zur Kenntnis, daß im Schoße der österr. isr. Union eine gleiche Aktion in Vorbereitung sei, hält die Gründung eines selbständigen Vereines daher für nicht opportun. Schließlich wurde beschlossen, es werde das Konnte, welches die vorgelegten Statuten ansgearbeitct hatte einerseits, dann ein von der österr. isr. Union bestelltes Moimte anderseits mit der weiteren gemeinsamen Vorberatung über diesen Gegenstand betraut. — Die Entscheidung, wie immer sic aussallc, kann nur die Form betreffen, denn in der Sache selbst wurde von keiner Seite ein Einwand erhoben und es darf daher dem baldigen Jnslebentreten einer Aktion, die wir frendigst begrüßen, cntgegegengesehen _ werden. - Der netternannte Fürstbischof von Krakau, Johann v. Puzpna, empfing unter zahlreichen Begrüßnngsdcputationen auch den Vorstand der Krakauer israelitischen Knltnsgemeinde. Der Kultuspräsident Dr. Leon Horonntz hielt eine Ansprache, in welcher er sagte, die Vergangenheit des Fürstbischofs gewähre eine Bürgschaft des Fortbestehens ungetrübter Harmonie zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung in Krakau. Fürstbischof Puzyna erwiderte, er werde ein Wächter sein des katholischen (sic!) Grundsatzes der Nächstenliebe, der sich nicht auf eine Religion, sondern ans alle Menschen bezieht; er hoffe, die Deputation werde in derselben Weise wirken, damit keiner, was ihm selbst nicht lieb ist, einem anderen znfüge. — Der katholische Grundsatz der Nächstenliebe steht bekanntlich im Pentateuch und die Sentenz: „Was dir nicht lieb ist, das thue auch deinem Nächsten nicht" — im T al nt n u d. Doch gam su letowah! * h Aus Frankreich. Täuschen wir uns nicht, der Antisemitismus steckt nachgerade auch Frankreich au, das sich seither von dieser Seuche freizuhalten wußte. Die Spionengeschichte DreyfuS' trägt die Hauptschuld daran. Daß in der Abgeordnetenkammer bereits eine Anfrage an den Ministerpräsidenten gestellt worden, was er gegen das Ueberwuchern jüdischer Staatsbeamte zu thun gedenke, haben Sie schon mitgeteilt, ebenso die Antwort des Ministerpräsidenten. Nicht aber haben Sie der Erwiderung eines Sozialisten, Rouanet, erwähnt, der dem Ministerpräsidenten erwiderte: „Es ist keine Glaubens-, sondern eine Racenfrage." Noch eines ist erwähnenswert. 208 Abgeordnete waren trotz der drängenden Pflicht, das Haushaltgesetz zu erledigen, bereit, sofort in die Erörterung der Anfrage einzutreten.268 Abgeordnete setzten es allerdings durch, daß diese Erörterung auf einen Monat vertagt wurde. Es ist aber jedenfalls bezeichnend, daß die Anfrage von einem Mitglied der Regierungsmehrheit eingebracht und daß sie von 208 Abgeordneten unterstützt ist. Und ebenso bezeichnend ist es, daß gerade der französische Sozialismus eine sehr ausgesprochene antisemitische Färbung hat, was er schon zu wiederholten Malen bewiesen hat. . * r lieber einen bemerkenswerten Zwischenfall, der sich aus dem medizinischen Kongresse in Rom zutrug, geht uns — etwas spät zwar, aber doch immerhin noch früh genug, um Interesse zu erregen — nachstehende Mitteilung zu: Herr Fränkel, ein aus Rußland stammendes Mitglied der medizinischen Fakultät in Paris und Sekretär der französischen Sektion aus dem letzten Kongresse in Rom, verschaffte der französischen Schule neuen Ruhm durch seine wichtigen Forschungen ans dem Gebiete der pathologischen Anatomie, die zur Entdeckung des Krebserregers führten.

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