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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 122 (sequence 10)
Language
German
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Seite 122. Jefchrrrun. Nr. 8. Wochen-(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Der Beobachter. Ein „Talmudprozeß" spielte sich am 14. d. M. vor der ersten Strafkammer des Landgerichts in Breslau ab. Angeklagt war der frühere Herausgeber des dort erschienenen, dieser Tage selig entschlafenen Antisemitenblattes „Deutsche Ostwacht", Katschmer, der seiner Zeitung im Februar v. Jhs. das bekannte Flugblatt von Theodor Fritsch „Die Wahrheit über das Judentum" beigelegt hatte. Aus eine Beschwerde des „Zentralvereins deutscher Staatsb. jüd. Glaubens" wurde gegen den Redakteur die Anklage wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religionsgesellschast erhoben. Bon der Verteidigung wurde ein Privatdozent Dr. Georg Beer in Breslau als Sachverständiger vorgeschlagen, der nach dem uns vorliegenden Berichte feindlicher Blätter ausgesagt haben soll, daß er alle von Fritsch in dem Flugblatt zitierten Stellen in einer Ausgabe des Schulchan-Aruch, den er der dortigen Stadtbibliothek entnommen, „ vorgefunden" habe. Die Stellen seien teilweise etwas frei, doch stets sinngemäß übersetzt. Das Wort Akum werde im Schulchan-Aruch sehr häufig (wo denn? Red.) auch aus die Christen bezogen, und das komme daher, daß dem strenggläubigen, monotheistischen Juden das mittelalterliche Christentum mit seinem Marien- und Heiligenknltus als Götzendienst erschienen sei. Dieses Gutachten eines verumtlich dem Judentum abtrünnig gewordenen jugendlichen Dozenten dürfte auch dem Gerichtshof ungeheuerlich erschienen sein, denn aus Antrag des Staatsanwalts wurde die Vernehmung des ersten Kultusbeamten der Breslauer Gemeinde beschlossen über die Frage, ob der Schulchan-Aruch für uns Juden noch jetzt bindend sei. — Wir enthalten uns vor der Hand jeder Aeußerung über diesen merkwürdigen Prozeß, können jedoch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß uns Juden die Vernehmung christlicher Sachverständiger von Ruf und Wissen, wie wir solche in den Professoren Röldeke, Strack und Wünsche in Deutschland haben, lieber gewesen wäre; denn was auch der Breslauer Rabbiner bekunden wird, er wird Mißdeutungen und Entstellungen auf feiudlicher Seite ausgesetzt bleiben! — Zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen den antisemitischen Heerlagern kam es in einer am Freitag-Abend von der „deutschen Antisemitenliga" einberusenen Versammlung, in der Liebermann v. Sonnenberg und Zimmermann über die Scheidung in der Partei sprechen wollten. Zn dieser Sitzung waren auch Bodeck und Boeckel mit einem Trupp ihrer Anhänger erschienen. Es kam deshalb bei allen Reden zu erregten Austritten. Zuerst sprach Zimmermann, der zu beweisen, suchte, daß die antisemitische Fraktion mit dem Ausschluß Ahlwardts im Rechte gewesen sei. Die Erregung steigerte sich zu förmlichen Tumulten, als dann Liebermann v. Sonnenberg sprechen wollte. Böckel unterbrach ihn durch fortwährende Ruse zur Geschäftsordnung, in welche seine Anhänger mit einstimmten, so daß minutenlang ein wüstes Geschrei den Raum erfüllte. Liebermann kam i>iiuu_ schließlich doch zum Wort und wandte sich nun in persönlicher Weise zuerst gegen Ahlwardt und dann gegen Böckel. Dieser vergalt ihm mit gleiche. Münze. Im Verlaus der weiteren Versammlung, in der noch Werner und v. Mosch sprachen. steigerte sich der Tunmlt derartig, daß die Versammlung einmal kurze Zeit vertagt werden mußte. Als der Antisemit Wilberg das Wort ergriff, rief Gastwirt Bodeck in die Versammlung hinein: Was der quasselt, kann kein anständiger Mensch mit anhören! Sämtliche Anhänger der Bodeck-Böckel- Ahlwardt verließen hieraus unter betäubendem Lärm den Saal. Von den zurückgebliebenen wurde dann, nachdem noch einige kleinere Radauszenen und zwei vom Vorsitzenden veranlaßte Sistierungen stattgefunden, um l1/^ Uhr nachts ein Vertrauensvotum für die Fraktion angenommen. — Im feindlichen Lager herrscht gegenwärtig das schönste Durcheinander. Rechter Hand locken die Konservativen und zur Linken stehen die Gründer der neuen Freiheitspartei, und sind eifrig bestrebt, die deutschen Männer um ihre Fahne zu sammeln. In der Sonntagsversammlung ist eine Kommission von fünfzehn Personen gewählt, welche die Vorarbeiten zu einein Parteitage dieser neuen Richtung besorgen soll. Wer in der antisemitischen Fraktion die Zügel in die Hand bekommt, wird sich bald zeigen; nach Aeußerungen, die Zimmermann und andere hessische Abgeordnete privatim genracht haben, soll die Neigung bestehen, nun auch Liebermann von Sonnenberg an die Luft zu setzen. So wenigstens berichtet der „Vorwärts". Den Jntriguen der „Staatsbürger Ztg." ist cs gelungen, die Hintermänner, welche die Zeitungsgründung der Gruppe Ahlwardt-Böckel-Bodeck stützten, der Sache abwendig zu machen. Diese rächen sich dadurch, daß sie der „Staatsb. Ztg." Vorhalten, in welcher schnöden Weise sie die heilige Sache verraten habe, als sie jüdischen und unsittlichen Anzeigen Raum gewährte. Dem von dem Professor Förster begründeten „Frei-Deutschland" ist der Atem ausgegangen; das Blatt präsentiert sich jetzt als ein Ableger der Zimmermann'schen „Deutschen Wacht", die in Dresden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit herausgegeben wird. — Die Aussichten des Antisemitismus sind herzlich schlechte — — darüber täuscht sich keiner mehr. — Unsere intimen Gegner haben sich wieder einmal gehörig blamiert. Einem Arzte in Düsseldorf, Sanitütsrat Dr. Josephson, wurde gestattet, den Namen Möllhausen anzunehmen. Darob ein Gezeter in der feindlichen Presse, eine Aufforderung an alle Träger des nunmehr entweihten Namens Möllhausen, sich zusammenzuthun und — als wären sie notleidende Landwirte — zu schreien, schreien, schreien. Nun erklärt ein hoher Staatsbeamter in der „Krzztg.", daß Dr. Josephson der „evangelische Sohn eines evangelischen Pastors positiv-christlicher Richtung" und daß die Namensänderung lediglich aus internen Fainilienrücksichten erfolgt sei. Die übrigen antisemitischen Blätter drucken diese Erklärung ab, ohne jedoch von all den bei dieser Gelegenheit aus uns Juden gehäuften Schmähungen eine Silbe zurückzunchmen. Das ist nämlich ihre „deutsche Redlichkeit!" -- Ad vocein Landwirte! Der Bund der Landwirte hat hier getagt, sich eine antiseinitische Rede schlimmster Art von dein Äbg. v. Langen halten lassen und sie mit „stürmischen! großen! Beifall" ausgenominen. Ganz nach dem Muster Ählwardt's „bewies" der Herr Volksvertreter, daß an der Not der Landwirtschaft die Juden schuld seien; die Aera Lasker-Bamberger habe uns die Goldwährung gebracht, das römisch - s e in i t i s ch e Recht drücke den heiligen deutschen Boden herab. Die Beweise des Herrn v. Langen bestanden in seinen Behauptungen, die ihn! und seinen Zuhörern genügt zu haben scheinen.

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