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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 121

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 121 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8. JefcHurun. Seite 121. „Aber Du befindest Dich dabei auf einem Irrwege, auf dem Wege des Verderbens. Du hast Dich von einer Neigung Hinreißen lasten, bist ihr blindlings gefolgt, ohne an Deine Eltern und alle die Konsequenzen zu denken, die diese Mesalliance eintragen muß". „Ich nehme die Vorwürfe, die Du mir machst, als verdient hin; allein ich konnte dem Gefühle, das in mir erwachte und an Macht und Stärke täglich mehr gewann, nicht genügenden Widerstand entgegensetzen, und bin trotz aller Ueberlegung und Erwägung dahin gelangt, wo Ihr mich heute seht". „Was aber", fragte jener, „würdest Du thun, wenn wir Eltern Dir sagen, daß wir feierlichen Widerspruch erheben, gegen die leichsinnige Handlung unseres Sohnes, daß wir nicht gutheißen werden einen Schritt, den wir am allerwenigsten bei ihm vorausgesetzt hätten?" Der so Bedrohte schmieg. Dafür begann seine Mutter: „Ist es möglich, Ludwig, daß unsere bisher Dir gewidmete Fürsorge in dieser Weise ungewürdigt bleiben soll dem gegenüber, was sich Dir in einer Liebesheirat zeigt, wohl für Dich selbst Freude und Glück verheißend, aber Deinen Eltern alle Hoffnung begrabend, die sie auf ihren einzigen Sohn gesetzt". „Was Du mir sagst, Mutter, kann und wird nur dazu dienen, das Unglück, das ich über mich kommen sehe, in seiner Größe und Tiefe zu erweitern. Wenn ich der erste gewesen wäre, der auf diesem Wege sein Herz an ein weibliches Wesen verloren, so würde ich nie sagen. Du hättest mehr Vorsicht und Ueberlegung vorwalten lassen und dem prüfenden Verstände mehr Raum geben sollen. Da ich aber nicht der erste und einzige bin, der den Pfeilen Amors zum Opfer geworden, so kann mich ein Selbstvorwurf nicht martern und quälen. Was mich erreicht, das kann jeden treffen. Aber darin möchte ich wohl als Ausnahme dastehen, wie meine Liebe sich zu einer unglücklichen gestaltet und was sie mir hoffnungslos macht. Die Klippe, woran mein Lebensglück zu Grunde geht, ist von meines Vaters eigener Hand geschaffen: Emilie ist Jüdin und ich — ich bin Christ; nicht etwa durch Geburt — denn hierin läge noch ein Trost, weil mail eine Art himmlischer Bestimmung darin erblicken könnte — ich bin Christ durch eine eigenmächtige Menschenhandlung". (Fortsetzung folgt). Zalomon illitiiitim. Heber Salomon Maimon, den russisch-jüdischen Philosophen, von beut Kant gesagt haben soll, daß er der einzige sei, der ihn verstehe, sprach jüngst Rabb. Dr. Ri pp n er - Glogau im Saale des „Magdeburger Hofes" in Magdeburg. Ter Redner sühne zunächst ans, daß sich mit der Zunahme des Verkehrs die Zusammengehörigkeit der Juden verringert habe, streng schieden sich die Juden der einzelnen Länder von einander ab. Eine unübersteigliche Scheidewand trenne die Juden des Ostens ltub Westens, die Kluft werde immer größer. Wohl fehle es den Juden des Ostens nicht.an geistig veranlagten Menschen, sie ständen aber der wachsenden Knltur des Westens meist fremd gegenüber. — Solomon Maimon ist in Litauen geboren, er war ein Schüler und Fortsetzer Kants, mit großer geistiger Veranlagung; er wurde aber dennoch nicht heimisch im deutschen Westen. Er war ein großer Forscher, ein ausgezeichneter Talmudist, aber ein Fremdling auf deutschem Gebiete. Maimon hat ein Buch hinterlassen, eine Generalbeichte seines Lebens, das seine interessanten Schicksale schildert. Den Namen „Maimon" hat er nicht ererbt, sondern später erst angenommen zu Ehren des großen jüdischen Philosophen des Mittelalters Maimonides. Er ist im Reichtum geboren, um später mit seiner Familie gänzlich zu verarmen. Schon im Alter von 11 Jahren wurde er als großer Kenner des Talmuds gefeiert. Er ging dann nach Königsberg, wo er Medizin studierte. Aber seines Bleibens war hier nicht lange. Er zog von hier nach Berlin, wo er nicht ausgenommen wurde, dann nach Posen, wo er durch Fürsprache angesehener Familien und auch Mendelssohns eine Lehrstelle in einer Apotheke erhielt. Dies war aber auch erfolglos. Er zog nach Hamburg, durch Holland, wieder nach Berlin und dann nach Breslau, wo er die Kant'schen Schriften kennen lernte. Der Graf Kalkreuth lernte ihn hier kennen linb nahm ihn mit sich. Hier war Maimon 10 Jahre hindurch als philosophischer Schriftsteller bis zu seinem im Jahre 1800 erfolgten Tode thätig. — Der Redner erörterte dann noch die Stellung Maimons in der deutschen Philosophie. Während Mendelssohn sich nicht mehr in die Kant'sche Philosophie Hineinsand, ging Maimon darin aus. Er sei dennoch ein Meteor, aber keine Sonne gewesen, ein Talent, aber kein Charakter. — Hier sei uns gestattet, eine Anekdote, die in Glogau, der Heimat - des Herrn Redners kursiert, mitzuteilen. Maimon starb auf dem Gute des Grasen Kalkreuth in Niedersiegersdorf, seine Leiche wurde nach Glogau gebracht und dort „von der jüdischen Gemeinde ebenso unanständig bestattet, wie er unanständig gelebt hatte" (Graetz, Gesch. d. Jud. XI, 151). Als Graf Kalkreuth von der Schmach hörte, die seinem Freunde und Hausphilosophen angethan worden, soll er sich nach Glogau begeben und die Vorsteher der Gemeinde vor den Richterstuhl des gestrengen Herrn Bürgermeisters geladen haben. Die Vorsteher schoben alle Schuld und Verantvortung auf den Gemeinderabbiner, d.r die würdelofe Bestattung Maimons veranlaßt habe. Der Rabbiner wurde uun vorgeladen und gefragt, weshalb er Maimon fern von den übrigen. Gräbern, hart an der Mauer des Friedhofs habe bestatten lassen. Der Rabbi soll fein Verhallen wie folgt motiviert haben: „Bei ims Juden ist es Sitte,^ daß unsre Toten je nach ihrer Berufsthätigkeit auf dem Friedhofe plaziert werden. In der einen Reihe liegen Rabbiner und Gelehrte, in der anderen Kaufleute, in der dritten Handiverker u. s. f. Als mail die Leiche Maimons hierher gebracht, erkundigte ich nlich, was der Mann gewesen sei. Cr sei Philosoph geweseli, sagte man mir. Eine Reihe für Philosophen war auf unserem Friedhofe noch nicht angelegt; sie ist jetzt mit dem Grabe Maimons eröffnet worden, u n d h i e r soll eil fortan alle b e ft a 11 c t w e r d en, die Maimon gleicheil". — Und der „Zorn des Grafen war gestillt."

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