Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 120. Jescyrrrun. Nr. 8. Feuilleton. Drs Aatkrs Schul!». Erzählung von Moritz Sch erbe l. (Fortsetzung). Eine dumpfe Schwüle gedrückter Stimmung durchzog das Familienzimmer beim Bankier Reinfeld. Sämtliche Glieder des Hauses waren vereinigt, nur Ludwig fehlte. Auf dem Tische liegt ein aufgeschlagener Brief, der eine zierliche Frauenhandfchrift in sich trägt. Tiefer Brief ist von dein Stubenmädchen bei dem Aufräumen von Ludwigs Zimmer gesunden und an die Mutter desselben verabreicht worden. Sein Inhalt wirkte wie ein elektrischer Schlag auf diese selbst und später auf alle diejenigen, die von ihm Kenntnis erhielten. Er lautet: „Sehr verehrter Herr Reinfeld! Indem ich an die Beantwortung Ihrer mir so lieben Zeilen gehe, möchte ich dabei nicht blos eine Höflichkeitspflicht erfüllen, sondern Ihnen auch dabei zu erkennen geben, daß der schriftliche Austausch unserer Gedanken mir nicht minder zur angenehmen Beschäftigung wird, als wie Sie 'es mir von Ihrer Seite versichern. Freilich ist es nichts besonders wichtiges, das wir miteinander verhandeln, doch mitunter erlangen solche harmlose Plaudereien die Bedeutung eines Ministerialreskripts — wenigstens für uns beide. Lachen Sie nicht darüber, Sie kennen meine Vorliebe für dergleichen Nebeneinanderstellungen. Und im Grunde genommen ist es auch nicht ganz ohne Bedeutung, wenn zwei Wrenschen in dem Bewußtsein ihrer geistigen Zusammengehörigkeit sich ihre eigene Welt ausbauen. Lassen wir uns das Glück, das wir darin finden, durch die persönliche Trennung nicht verkümmern und schreiben Sie recht bald wieder Ihrer Emilie". „Ta hast Tu, Lydia, das Rätsel gelöst, welches wir in der Veränderung, die mit dem Jungen vorgegangen, erblickten", sprach Bankier Reinfeld, auf dessen Stirn eine dunkle Wolke sich lagerte, zu seiner Gattin. Er fuhr hierauf fort: „Tie Bekanntschaft und gar Freundschaft mit diesem Ulrich gefiel mir von vornherein nicht. Man hat noch niemals Nutzen, geschweige denn Ehre dabei erlangt, wenn man sich Leute für seinen Umgang aus jüdischen Kreisen erwählt. Wer hätte aber indes doch ahnen sollen, daß nur in diesem Falle eine solche Kalamität ins Haus getragen werden würde? Ich weiß in der That nicht, was ich zu der Aussicht sagen soll, die sich mir hierbei eröffnet, der Aussicht, Die Tochter eines Handwerkers als Schwiegertochter mir zugeführt zu sehen!" „Tas ist es ja doch nicht allein", meinte die Angeredete, „Ludwig hat ja dabei ganz und gar aus den Augen gelassen, daß eine Jüdin für ihn als Gattin ganz unmöglich ist. Tu mein Gott, was für Pläne hatten wir mit dem Jungen nicht vor, und nun geht er hin und knüpft eine Liaison an, die für ihn, für uns alle verhängnisoll werden nmß". „Vielleicht ist das Mädchen sehr schön und von guter Bildung", meinte die zweite Tochter des Hauses, Marie. „In ihrem Schreiben ist sie sehr natürlich, und ich muß sagen, daß mir dies gefällt. Was nun aber den Unterschied der Religion betrifft — wer stößt sich heute daran, besonders, wenn es sich um eine Herzenssache handelt! Es ist glücklicherweise in dieser Beziehung den Liebenden freie Bahn durch die Zwilche gemacht, und die Eltern sind nicht mehr so skrupulös, in der Verschiedenheit des Glaubens ein Hindernis bei der Verheiratung ihrer Kinder zu finden. Es ist ja immerhin möglich, daß Ludwig mit der sich erwählten Gattin recht glücklich sein kann, und wir alle eine liebenswürdige Verwandte in ihr finden können". „Das kann nur in Deiner Phantasie existieren!" fuhr der Vater mit eiuer Heftigkeit auf, wie sie die harmlose und gutgemeinte Aeußerung der Tochter durchaus nicht verdiente. — „Sie ist jüdisch erzogen und sicherlich mit all den ästhetischen Mängeln behaftet, welche man nun einmal in dem semitischen Lager anzutresfen gewohnt ist. Glaubst Du, daß wir in den Kreisen, in welchen wir verkehren, mit ihr werden brillieren können?" „Doch, Du siehst den jungen Ulrich und hast schon zugestanden, daß er ein Mann von gutem Verstand und feinen Aranieren ist. Du hast nicht selten schon von seinem angenehmen Wesen gesprochen", suhr Marie fort, für die Sache des Bruders eintretend, „warum sollte nicht die Schwester von ihm gleichgeartet sein?" setzte sie hinzu. „Eduard Ulrich bewegt sich bereits eine längere Zeit in der großen Welt und unter Gebildeten; was ihn frei und intelligent gemacht, war bei seiner Schwester nicht vorhanden, seine feinen Umgangsformen lassen sich an ihr nicht voraussetzen. Und meinst Du etwa, daß der alte Ulrich so mir nichts dir nichts in eine Heirat seiner Tochter mit einem Christen willigen wird? Weißt Du denn, wie tief diese Leute mit ihren diesbezüglichen Anschauungen noch in dem Boden lächerlicher, veralteter Vorurteile stecken? Das meint ja, daß das Judentum die ganze Welt sei, und was sich mit diesem nicht eins sei oder ihrn wenigstens gleiche, gar nicht zur Welt geböre". Ein leises Geräusch von draußen — und bald darauf trat Ludwig ein. Sein Blick traf den auf dem Tische liegenden Brief, und das leise Zucken, das wir an ihm gewahren, läßt erkennen, daß er die Schwere der Situation, die für ihn geschaffen, begreife und den Ernst sich erklärt, der auf den Gesichtern der Anwesenden zu lesen mar. „Der hier ligende Brief", begann der Vater, „ist Dein Eigentum, Ludwig, das Mädchen bat ihn beim Aufräumen Deiner Zimmer gesunden. Willst Du uns nicht sagen, was es für eine Bemandnis damit hat?" Tas Auge des Bankiers richtete sich durchbohrend auf seinen Sohn. Dieser erwiderte mit ziemlicher Fassung: „Ich weiß zwar nicht, durch welches Versehen und bei welcher Gelegenheit mir dieses Schreiben abhanden gekommen,, möchte aber, da es nun einmal geschehen, solchen nicht beklagen, da Ihr hierdurch einen klaren Einblick in die Beziehungen erhalten, in welchen ich mich zu Fräulein Ulrich befinde". „Dil hast also mit diesen, Fräulein eine Liaison angeknüpst, die schließlich aus eine Heirat hinauslausen soll?" „Renne es Liaison, nenne es, wie Du willst: ich weiß nur, daß nur eins ohne das andere nicht werden leben können". „Phrasen!" meinte der alte Reinfeld, „Phrasen, wie sie aus die Bühne gehören und in die Romanbücher hineinpassen, aber für den Menschen mit gesundem, praktischen, Verstand lächerlich sind". „Das lasse ich auf sich beruhen; aber Du hast von unserem Verhältnisse gesprochen, und ich habe es Dir bei seinen, wahren,Ran,en genannt".