Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 119

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 119 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608395--0238-9608402
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 8. JefrHrrrrrn. Seite 119. Eintracht, die dem Christentum wie dem Judentum heilig sind, Hohn zu sprechen. Der Zufall der Geburt macht den Juden zum Juden und gern gehört er diesem historischen Stamme an. Der Antisemit aber wird aus dem eigenen bösen Herzenstriebe wie jeder andere Auswürfling der Gesellschaft. Was ist nun Schande, Jude oder Antisemit zu sein, — Herr Pfaidler Gregorig? Dreizehn! Wenn man gewissen Tagen und Zahlen, gewissen Worten, Formeln und Zufällen die Kraft zuschreibt, auf unsre Geschicke Einfluß zu üben, unsere Unternehmungen glücken oder mißglücken zu lassen, uns Freude oder Trauer zu bringen, und wenn man sie deshalb flieht oder sucht mit ängstlicher Sorgfalt, je nachdem man sie für glücklich oder für unglücklich hält, so ist das eben so, als wenn man die Vorsehung leugnete und ihr die Zügel der Welt aus der Hand risse, um sie dem unsichern Zufall, der blinden Laune zu übergeben. Nichts widerspricht der Vernunft mehr, nichts ist den Grundsätzen des Judentums feindlicher; das mosaische Gesetz verbietet jede Weissagung auf das strengste. Aber was soll man von demjenigen sagen, der trotz des gesunden Menschenverstandes, trotz der einfachsten Begriffe über die Allmacht die Güte und Gerechtigkeit Gottes, trotz des strengen Verbotes der Religion solche abergläubische Meinungen zur Richtschnur und Regel nimmt und auf sie seine Besorgniffe und seine Hoffnungen gründet, wenn auch solche Meinungen aus wahren oder geglaubten Thatsachen entstehen, welche ihn gar nichts angehen, da sie in andrer Gegend sich ereignet haben, seinen Verhältnissen und seinen Meinungen fremd sind? Ich führe als Beispiel den Schrecken an, welchen die Zahl Dreizehn abergläubischen Seelen einftößt, die füralle Schätze der Welt jene nicht auf ihre Thür geschrieben haben, sich nicht in einer Versammlung oder an einem Tische aufhalten, wo dreizehn Personen versammelt sind, keinen wichtig.cn Schritt ihres Lebens am 13. Monatstage unternehmen wollten, und so weiter. Es ist wirklich merkwürdig, daß diesen furchtsamen Gemütern, diesen schwachen Herzen gerade die Zahl einen solchen Schrecken einflößt, welche man erhaben nennen könnte, weil sie uns Israeliten eine lange Reihe von Gedanken und Ereignissen in das Gedächtnis ruft, welche sie zwar nicht günstig und glückverheißend machen — was, wie ich sagte, eine irrige Behauptung wäre — aber doch in hohem Grade freudig und ehrwürdig. . _ Infolge Adoption Manasse's und Ephraim's durch Jakob aus seinem Totenbette, der ausdrücklich erklärte, sie dem Reuben und dem Simeon gleichstellen zu wollen (Genesis 48, 5), llieg die Zahl der Stänuue, in welche sich später die Nachkommenschaft des Patriarchen, das israelische Volk teilte, auf dreizehn. Dreizehn sind die Eigenschaften Gottes «nnv :r>), unter denen die erste die Barmherzigkeit, und zu diesen dreizehn nehmen wir unsre Zuflucht, sie rufen wir heiß an in unfern heiligsten Gebeten. „£ Gott, hast du uns doch deine dreizehn Eigenschaften enthüllt! Ach, gedenk ihrer heut zu unserem Heile!" Auf dreizehn setzte Maimonides die Zahl der Grundprinzipien urseres Glaubens fest, und obwohl dieser Einteilung jederzeit widersprochen wurde, wurde sie dennoch allgemein angenommen und fand sogar ihren Weg in das Gebetbuch Ani maamin und das Loblied Jigdal. Die sieben Erklärungsarten, welche Hillel der Aeltere vorschlug, wurden von der Schule des R. Jsmael auf dreizehn erweitert und diele Zahl hat stets den Vorzug bewahrt. Die große Wichtigkeit dieser Erläuterungswege für die gesetzliche Besprechung des Schrifttextes sind bekannt. Und welcher Tag ist heiliger, entschiedener im Leben des Israeliten, als der, an welchem er — nach Vollendung des dreizehnten Lebensjahres — religiös volljährig wird, die Verantwortlichkeit für seine Handlungen selbst übernimmt, den Glauben bekennt, den er zu befolgen verspricht, zur Ausübung jeder religiösen Pflicht zugelassen, ausgenommen und zu ihrem Teilnehmer gemacht wird heiliger — als jene Tage, an welchen die Religion, indem sie ihn moralisch emanzipiert, ihm zuzurufen scheint: „Ich setze Krone urd Kopfbinde auf dein Haupt"? Die Schaltjahre bestehen aus dreizehn Monaten, und der dreizehnte ist gewiß von keiner schlechten Vorbedeutung, da auf ihn in solchen Jahren das fröhlichste, heiterste, volkstümlichste unserer Feste fällt, „der Tag des Schmauses und der Lust", wie ihn das Buch Esther nennt (9, 17. 22), an welchen die merkwürdige Errettung unserer Nation aus völligem Untergange gefeiert wird. Und es war gerade der d r ei zehnte Tag jenes Monats, daß die angegriffenen Juden nach dem Rechte der Notwehr zu Angreifern wurden und diejenigen, denen zuerst ihre Ausrottung aufgetragen worden, nach dem veränderten Befehle des persischen Herrschers sie unterstützen sollten, den Angriff zurückzuschlagen und zu bestrafen. „An dem Tage", so lesen wir in dem oben zitierten Buche (9,1), „an welchem die Feinde der Juden dieselben in ihrer Hand zu haben hofften, ereignete es sich vielmehr, daß die Juden ihre Feinde in ihrer Gewalt hatten". Also der dreizehnte Tag des zwölften und bisweilen des dreizehnten Monats erinnert uns an jenen Tag, der einst für die Juden sich umwandelte „aus einem traurigen in einen heitern, aus einem kummervollen in einen festlichen" (ibid. V. 22). Dreizehn Mal, bemerken die Rabbiner, erteilte Gott Abraham das Versprechen seines Bündnisses, als er, um dasselbe zu besiegeln, ihm die Vorschrift wegen der Beschneidung gab. Endlich gebrauchten die Rabbinen die Zahl „dreizehn" als unbestimmte Zahl in derselben Art, wie die h. Schrift die heilige Zahl „sieben". Der rabbinische Ausdruck „dreizehn- Mal gesichtet" entspricht — zum Beispiel — dem biblischen: „sieben Mal gereinigt" (Spr. Sal. 12, 7). _ Und so hoffe ich, bei meinen Glaubensgenossen die so gefürchtete Zahl Dreizehn wieder zu Ehren gebracht zu haben. L. T.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.