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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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Seite 118. ö*r<$urun. Nr. 8. Abgrfiibrt! Der antisemitische Mg. Gregorig hat sich, dem jetzt im österreichischen Parlamente herrschenden rohen Ton entsprechend, zu der Behauptung verstiegen, dass es eine Schande sei, Jude zu sein. Ihm erwidert der greise Prediger Dr. l'öun, in der Neuzeit in so kreislicher Weise, daß wir uns nicht versagen können, die Erwiderung mit unwesentlichen Milderungen hierherzusetzen. Sie lautet: Jude zu sein ist eine Schande, sagt der Psaidler Gregorig, und Gregorig ist ein wackerer Mann. Ilm mehr als sechs Jahrzehnte schweift mein Blick zurück. Ich sehe mich als Knäbchen am Tische des „Eheder", wie man im Ghetto die Schnle nannte, wo den Kindern die Bibel in der Ursprache gelehrt wurde. Ta lernte ich vom Patriarchen Abraham, von seiner Friedens- und ^Menschenliebe, wie auch von den anderen hohen Tugenden, die ihn auszeichneten. Ich sand es auch nur billig und gerecht, daß ihn die Ehetiten einen „Fürsten Gottes" nannten, daß ein völlig seine Freundschaft suchte. Dieser Ahnherr adelt seine Nachkommen bis iitS späteste Geschlecht, — so dachte ich voll freudigen Hochgenusses. Und siche da, in meinen Alterstagen werde ich ganz anders belehrt. Jude sein ist eine Schande, meint der Psaidler Gregorig, und Gregorig ist ein wahrhafter Mann. — Das Knäbchen wuchs zum Knaben heran und immer reifere Kost ward ihm geboten. Die spätern Mosisbücher kamen an die Reihe. Ich lernte die Zehngebote kennen, sowie die weitern lehren der Moral und Sittlichkeit, wie: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". „Hasse deinen Bruder nicht im Herzen". „Sei nicht rachgierig". „Halte dich der Lüge fern". „Erweise Gutes auch dem Feinde" und noch gar viele Weisungen solcher Art. Als ich einmal den srommcn Lehrer fragte, wer denn in Wahrheit unser Nächster sei, erhielt ich folgende Unterweisung: Dem ersten Menschenpaar entstammen alle Erdenkinder. Diese sind daher allesamt Brüder. Was dcni einen unlieb ist, darf er daher auch keinem andern zusügcn. Auch befiehlt ja Mose ausdrücklich und wiederholt, daß man auch den Fremden wie sich selbst lieben müsse. — C wie wonnig beselt schlug da inein reines, kindliches Herz, das alle Menschen lieberfüllt umfassen wollte. Und als ich dann die Verheißung Moses las, daß die Völker diese Gesetze anerkennen und ihre Weisheit bewundern werden, schien mir dies als selbstverständlich. Vom stolzen Selbstbewußtsein gehoben, erlernte ich des Mose herrliches Schwanenlied, die Verse, die der gotterlcuchtete Gesetzgeber vor seinem Scheiben an sein Volk richtete: „Gott liebt alle Völker, wer immer heilig ist, steht ihm nahe." - Armer Mose.' Dein Adlerblick war arg getrübt. Wie weit die ferne Zukunft vor deinem Seherauge auch offen lag, bis auf unsere Zeit gelangte dasselbe nicht. Ein neuer Prophet straft dich Lügen; cs ist dies der Psaidler Gregorig, der es für eine Schande hält, Jude zu fein; — und Gregorig in ein großer Mann. — Unter der Fülle der Monumentalbauten der österreichischen Kaiserstadt ragt die zierliche Votivkirche besonders hervor. Immer fesselte dieses Juwel der modernen Baukunst meine Schritte und immer entdecke ich daran neue Schönheiten zur Bewunderung. So am jüngsten Sonntag wieder. Die ehernen Zungen der (blocken ballten weithin tönend durch den Luftraum und ihren kräftigen klängen folgten die Scharen der Gläubigen. Ich aber stand vor dem Niesenthore und betrachtete die Menge der Steinsignren, die von den Händen kundiger Künstler gemeißelt wurden. Eine lange Kette ehrwürdiger Gestalten, Apostel und Heilige der Kirche, stehen Schulter an Schulter aneinandergerciht. Als die ersten und vordersten aber prangt rechts das Bruderpaar: Mose, mit dem Dekalog auf den beiden Steintafeln, Aron, mit dem Schilde, auf dein die "Namen der zwölf Stämme Israels erkennbar sind, auf feiner Brust. So weiht die Kirche Huldigung imb Verehrung dein Gesetzgeber Israels, dem die Menschheit das Gebot der "Nächstenliebe zu danken hat, wie dem ersten Hohepriester, der die „Urim und Thumim" — Licht und Wahrheit auf und in dem Herzen trug. Hätte das jüdische Volk nicht Grund, sich ob solch hoher Auszeichnung geehrt zu fühlen und sich am Glanze seiner Lichtgestalten und Tugendhelden sonnen zu dürfen? — C »ein, meint der hochweise Psaidler Gregorig: „Es ist eine Schande Jude zu sein", und Gregorig ist ein honetter Mann. — Noch stand ich vor jenen Meisicriverken in Betrachtung versunken. Ich studierte die Züge jeder einzelnen Figur und bewunderte, wie jede in eigenartiger Weise den Stempel der Seelcnlauterkeit, der Gottesergcbenheit und des Herzensadels leicht erkennbar und klar auSgeprängt an sich trägt. Doch plötzlich wurde ich durch das Erbrausen der Drgcl meinen stillen Beobachtungen entrissen. Waren es bis nun die Augen, die sich nicht satt sehen konnten, so waren cs jetzt die Dhren, die sich an der Zaubermacht der stimmungsvollen Töne ergötzten. Darauf sang ein wohlgeschulter Ehor von Männer- und Frauenstimmen eine Hymne zum Preise des Allerhöchsten, und ich erkannte bald, daß es ein Lynagogenlied war, das aus dem Hebräischen ins Lateinische übertragen, den Schöpfer verherrlichte. Ich vernahm auch das Hallelujah, das Amen, durchaus alte Bekannte von meiner Kindheit her. Es trieb nrich in den inner» Raum. Eben bestieg der Priester die Kanzel und nichts konnte mir erwünschter sein, als eine Predigt anzuhören. Aber auch in den Worten der Ermahnung und Belehrung traf ich zumeist alte Bekannte: Belcgestellen, Eitate aus Iesaias und Jeremias, aus den Psalmen Davids und den Sprüchen Salomonis; ja selbst die Sätze, dem neuen Testamente entnommen, entstanunten der alten Bibel, die auf jungen Stämmen vcrpfropft wurden. Ei, dachte ich, das ist ja Geist von unserem Geiste, der alte, gute, stärkende Wein in neuen Schläuchen! Wo eine Flamme erglänzte, eine Wahrheit auftarlchte, eine sinnige Moral erblühte, ein gefälliges Gleichnis die Rede würzte, war alles den reichen Vorratskammern der uralten jüdischen Mutter entnommen, — mir längst bekannt. Ich wußte auch den Fundort anzugeben. Und es sollte trotzdem eine Schande sein, den Juden anzugehören?! — Nein und tausendmal nein! behauptet dies auch der Psaidler Grcgorig. Nein, Gregorig ist kein verläßlicher Mann! „Das Heil kommt von den Juden", sagt Johannes, der Evangelist. Paulus in den Römcrbricfcn ruft voll glühender Begeisterung aus: „Preis, Ehre und Ruhm jedem, der Gutes thut, besonders den Juden". Wo diese Sonnen glänzend strahlen, müssen die matlschimmernden Stcrnlein entweichen. Anmaßung, thörichtc Ucberhcbung ist cs, sich diesen anzureihcn. Jude sein ist nimmer eine Schande. Eine unauslöschliche Schande ist es dagegen, Antisemit, ö. h. Menschenfeind und Friedensstörer, roh und verwegen zu sein, allen Geboten der Liebe und der brüderlichen

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