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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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Seite 116. flrr Drrrin fiir jiiMfdir firniilifiipüfarrinnni. Von Hauptlehrcr .Heinrich Michaelis. Die sozialen Verhältnisse der Neuzeit verlangen aus allen (Gebieten einschneidende Maßnahmen. Uederall macht sich ein Drängen nach Verbesserung und Vervollkommnung geltend; auch die Wohlfahrts- und Wohlthätigkeitsanstaltcn machen darin keine Ausnahme. Es liegt uns ein Bericht — der erste - des Vereins für Ausbildung von .Krankenpflegerinnen in Berlin vor, der uns ein wahrhaft erquickendes Bild giebt von den Bestrebungen aus diesem (Gebiete, welche durch die Rührigkeit und Sachkenntnis berufener Leiter einem langgefühlten Rolstande ein jähes Ende zu bereiten scheint. Die in die Erscheinung getretene Idee ist ja nicht neu, aber für uns nicht allein von eminent materieller, sondern auch von großer sittlicher Bedeutung. Schwer litt Israel durch den Mangel geschickter Handlcistungcn bei der Krankenpflege; cs fehlte überall an geschulten und ausdauerndeit Kräften. Der alte Satz Ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas ist nicht anzuwendcn bei dem materiellen Teile des Menschen. Man mußte Ersatz suchen bei den anderen Konfessionen, und welchen Eindrücken ward der Kranke prcisgegcbcn, welches sein ganzes religiöses Empfinden oftmals umgestaltete und an das Ancrzogcne rüttelte! Wie oft — und dafür liegen häufige Belege vor — wurde nicht die Pflege zur Proselytenmacherei benutzt! DftmalS sind durch derartige Personen ganz haarsträubende Dinge — aus Unkenntnis — zu unserem größten Schaden umhcrcrzählt worden, welche gerade dem Antisemitismus so recht zugute kamen und deren Widerlegung ja nie etwas bei diesem Treiben nützt noch nützen wird. Es liegt mir beispielsweise eine authentisch verbürgte, von einer gebildeten christlichen Dame miedcrgegebcne Erzählung einer solchen Pflegerin vor, daß nämlich bei den Israeliten das Absterben eines Menschen von den anwesenden Mitgliedern des Bcerdigungsvcreins Ehewra Kaddischa beschleunigt werde! Giebt eS etwas Empörenderes?.' Mußte mau da nicht besonders in den kleineren Gemeinden schon längst aus Abhilfe sinnen? Die größeren Zentren sind ja darin bester beraten. Aber waS sollen die kleineren Gcinciudcn anfangen, die ja ganz und -gar solcher Einrichtungen entbehren müsten? Auch da müßte man sich zu Helsen suchen durch Kreisvcrbände, um mit Vereins- und vereinten Kräften etwas Ersprießliches auf dem Gebiete der Ausbildung von Pflegerinnen zu erzielen, wozu ja der hiesige Verein das möglichst ideale Vorbild liefert: theoretische und praktische Ausbildung. Wenn auch bis jetzt nach dem Bericht sich nur reifere Damen dazu verstanden haben, so wird es nicht lange dauern, daß sich hierzu auch jüngere Jahrgänge werden geneigt finden lasten, zumal bei dem sozialen Kampf heute das Weib hiernach ein natürliches Feld finden dürfte zur Dokumenticrung des bei ihr so ausgeprägten Gefühls- und EmpsindungSlcbcns. Sie erhält eine Waste tnehr im Kampfe des Lebens, die ihrer natürlichen Begabung am «leisten enspricht. Allen diesen Anforderungen wird der Verein, der bereits aus tausend Mitgliedern (mit einem Beitrage von M. 10 ">09,50 und an Geschenken M. 4432, an Zinsen, KourSgewinn und Pflegegeldern M. 507 besteht) gerecht und ist eS keine Kleinigkeit, daß derselbe, größtenteils aus Berlinern bestehend, in so kurzer Zeit so Großes geleistet. 14 Schwestern werden schon nach Ablauf des Jahres 1895 ausgebildet sein. Durch die Munisizenz des Herrn Louis Sachs ist es bcm Verein gelungen, bald für ein.Heim in großartigstem Stil Sorge tragen su können. Das ist ganze Arbeit! Das Schwesterhcim soll am 1. April a. unter der Dberin Fr. Rosa Blau cröstuct werden und 25 Schwestern ausnehmen können. Durch einen Ver bindungsgang wird das Heim mit dem jüdischen Kranken hause in stete,n Kontakt erhalten. Die anderen Muster Anstalten, Charite :c. haben in anerkennenswerter Weise jede Mithilfe, welche der Ausbildung der Schwestern dienen können, zugenchert. Wenn dennoch der erste Jahresbericht noch von schweren Kämpfen spricht, so hostcn wir, baß er durch denselben die meisten etwa noch vorhandenen Gegner selbst entwastnet hat, ilnd glauben wir gar nicht fehl zu gehen, lvenn wir diesen» Verein das Prognostikon stellen, daß sein Bestehen wegen seiner zeitgemäßen Idee so lange dauern »vird, als es eine leidende Menschheit giebt. J» Sudln» iirs V. J. l. L. ist nun der entscheidende Schritt gcthan. Der Deutsch- Israelitische Geineindebund <D. I. G. B.) versendet beute, am 18. Februar, den von uns schon avisierten „Ausruf zur Bildung eines Verbandes der israelitischen Lehrervereine in Deutschland" an sämtliche iSr. Lehrervereine des Reiches, der »vie folgt lautet: „Scho»» feit geraunter Zeit haben sich die israelitischen Lehrer Deutschlands in verschiedenen örtlich abgcgrenzten Vereinen zusammengesilnden, um ihre Standesintercsten gemeinschaftlich »vahrzunehmen. Auch cristieren vcrschiede»rc Kasten und Stiftungen, die cntiveder ausschließlich oder doch vorzugsivcisc der Versorgung der Kranken, Invaliden und Hinterbliebenen unter den jüdischen Lehrern Deutschlands gewidmet sind. Die meisten dieser Vereine halte»» Iabrcsversammlung ab, und der D.I.G.B.hat zu den Kosten dieser Vcrsainmluugen BeiträgeIgeleistet. Die Höbe dieser Beiträge betrug in den Jahren: 1890 1005, 1.891 1100, 1892 1025, 1893 1185 Mk. In den letzten Jahren ist nun von mehreren Seilen die Schastung eines Vereinigungspunktes für alle in den Einzel vereinen gepflegten Zwecke angeregt »norden, von dein aus diese Zrvecke nach einheitlichen Grundsätzen in» gesainren Deutschen Reiche zielbewusster und wirkungsvoller verfolgt werden können. Aber beim Verfolgen dieses »vohlbcrechtigten Strebens, »velches feinen Ausdruck in der Begründung eines ganz Deutschland »»»»»spannenden Ze»»tralverbandcs finden sollte, zeigte sich, daß aus partikularistifchen Reigungen die Gefahr entgegen trat, statt eines Zcntralverbaudes mehrere Vereinigungen zu erhalten, in denen sich die Kräfte nicht faimneln, sondern zersplittern. Diese Sachlage veranlaßt den Ausschuß des Gcmeindcbundes, de»»» berechtigtem Wunsch nach Zentralisierung dadurch den sachgemäßen Weg zu östnen, daß er den beteiligten Kreisen vorschlägt, nicht einen Verein aller jüdischen Lehrer, sondern eine Verbindung aller deutsch-israelitischen Lehrer- Vereine, unbeschadet deren bisherigen Selbständigkeit, zu begründen. Der Atlvfchtlß, insbesondere die restortrnäßig mit

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