Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Aeschrrrun. Seite 115. die den Antisemitismus groß gezogen: Die Natter am Busen läßt nicht von ihrer Art, sie wird ihren Beschützern keine Freude bereiten. Wir Juden aber dürfen getrost in die Zukunft schauen, jedoch ebensowenig gleichgiltig die Dinge gehen lassen wie sie wollen, als kleinmütig uns dem Zagen hingeben. Die Treue gegen alles, was uns als Juden und Staatsbürger heilig ist, wird auch über den anarchistischen Antisemitismus uns siegreich binüberretten. J. M. Etat -er diesige» jüdischen Gemeinde. Von I. Weinberg, Berlin. Vor einigen Wochen brachte auch der „Jeschurun" einen Bericht über die den Gemeinde - Mitgliedern zugegangene Uebersicht über die Einnahmen und Ausgaben der hiesigen jüdischen Gemeinde vom 1. Januar 1893 bis 31. März 1894, doch bestand dieser Bericht nur in der Wiedergabe der Zahlen, da jede Erläuterung hierzu in der Uebersicht des Vorstandes fehlt, sogar die Spezial-Etats der einzelnen Verwaltungen nicht mehr mitgegeben werden. Durch die Versendung dieses Berichtes genügt der Vorstand seiner statutenmäßigen Verpflichtung und ist wohl der Ueberzeugung, daß dadurch die Form erfüllt wird, daß bei dem in Gemeinde- Angelegenheiten herrschenden Jndifferentismus Erklärungen oder Erläuterungen garnicht verlangt werden. Dennoch mag es eine Anzahl Mitglieder geben, die ein regeres Interesse hierfür und den Wunsch haben, diesen oder jenen Punkt aufgeklärt zu sehen. Ich habe vergebens auf eine diesbezügliche Anregung gewartet und deshalb versucht, mir einiges selbst zu erklären, das vielleicht auch für andere Steuerzahler Interesse haben dürfte. Es ist wohl möglich, daß ich als Laie nicht überall das Richtige getroffen habe, und würde ich in diesem Falle für eine Berichtigung dankbar sein. Es könnte meiner Ansicht nach nicht schaden, wenn Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in sachlicher Weise öffentlich erörtert würden und so die Teilnahme der Gemeinde-Mitglieder für ihre eigensten Interessen angeregt würde. — . Der erste Blick in die „Uebersicht" zeigt einen Ueberschuß in der genannten Etats-Periode von rund 400000 Mark, da der Kassen-Bestand am 31. März 1894 Mark 890 880,09 verblieb gegen Mark 487 327,24 am 1. Januar 1893. Von diesen 400 000 Mark stammen 150 000 Mark aus den „Laufenden Einnahmen" und der Rest von 250 000 Mark aus den „Einnahmen zu bestimmten Zwecken". Die „Laufenden Einnahmen" bestehen in der Hauptsache aus den Steuern der Gemeinde-Mitglieder (Mark 1188 847,10) und aus der Vermietung von Synagogenständen (Mark 122 176,35). Diesen Einnahmen gegenüber haben an den Ausgaben die Armen- und Wohlthätigkeitsanstalten mit 324 771,90 den Löwenanteil. — Lohnend und anregend zugleich wäre es, wenn Berichte der einzelnen Anstalten und ihrer Einrichtungen wie Waisenhaus, Altersversorgungsanstalt u. s. w. von den jüdischen Journalen aus berufenen Federn gebracht würden. — Dann folgt die Gemeinde-Schule mit 134 749,96 Mk. Es ist dies jedoch nicht die Religionsschule, sondern eine alte, immer noch beibehaltene Institution der Geineinde, um von den etwa 13 000 schulpflichtigen Kindern 1000 Knaben und Mädchen abgesondert von den christlichen Kindern zu erziehen. Diese Kinder kosten der Gemeinde bedeutend mehr, als wenn man ihnen das Schulgeld für Gymnasium und höhere Töchterschule geben würde, da zu den obigen Kosten noch die Zinsen der in den wertvollen Grundstücken angelegten Kapitalien kommen. Die Religionsschule der Gemeinde sowie die Synagogen nehmen in den Ausgaben nur einen sehr bescheidenen Platz ein. Die drei Religionsschulen haben nur Mk. 16 133,20 in Anspruch genommen, von denen noch 1453,45 erspart wurden. Die vier S y n a g o g e n der Gemeinde haben in den 0/4 Jahren ca. 30 000 Mark Zuschuß erfordert, da den Ausgaben von Mark 173 667,41 die Ueberschüffe von Mark 12207,59 und die Einnahmen aus Vermietung von Stünden Mark 122176,35, zusammen Mark 144 383,94 gegenüber stehen. WelcherBetraganGehälteru speziell den Synagogen zur Last fällt, ist aus dem Etat nicht zu ersehen, da für Gehälter nur ein Betrag in Gemeinschaft mit Bureau- Beamten und Nuntien aufgeführt ist. Von den „Einnahmen zu bestimmten Zwecken" füllt ein Posten von M. 363 134,35 auf „Eingang von Erbbegräbnissen für den dritten Amortisationsfonds". Hierfür ist im Jahre 1892 nur Mk. 17 909,86 vereinnahmt worden und wird deshalb wohl Mk. 300 000 bis 350 000 für die auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee frei gewordenen und zu Erbbegräbnissen verkauften Stellen vereinnahmt sein. Dieser große Betrag soll für den „dritten Amortifationsfonds" verwendet werden, doch glaube ich, daß nur sehr wenige Mitglieder diesen Fonds kennen. Ein Amortisationsfonds dient gewöhnlich zur Tilgung einer kontrahierten Schuld. Hier liegt das Gegenteil vor. Seit vielen Jahren werden die Einnahmen aus dem Verkaufe von Erbbegräbnissen in Staatspapieren oder Hypotheken angelegt, um für einen nach ein oder zwei Dezennien wieder erforderlich werdenden neuen Friedhof Kapitalien zu sammeln. Wie groß dieser Fonds schon ist, ist aus dem Bericht nicht zu ersehen. Eigentümlich berührt es, daß derartige Kapitalansammlungen für die nächste Generation erfolgen, wahrend noch in der letzten Sitzung der Repräsentanten erklärt wurde, daß zum Bau einer in NW. erforderlichen und als Dringend notwendig anerkannten Synagoge kein Geld vorhanden sei. Ob es nun richtig ist, diesen großen Betrag ebenfalls für den genannten Zweck festzulegen und darüber die Bedürfnisse der Gegenwart zu vergessen, ist doch sehr zweifelhaft. Mit der allgemeinen Finanzpolitik des Staates, der Kommunen und kirchlichen Korporationen läßt sich dies jedenfalls schwer vereinbaren. Der Abschluß im allgemeinen zeigt hiernach ein rosiges Bild. Der Voranschlag für die nächste dreijährige Etatsperiode ist in der Feststellung begriffen. Hierüber verlautet in der Oeffentlichkeit nichts, doch ist Hoffnung vorhanden, daß Mitglieder der Repräsentanten-Versammlung diesen Voranschlag gelegentlich der im November d. I. stattsindenden Wahlen zur öffentlichen Diskussion stellen und dadurch beitragen werden, das Interesse für die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu fördern.