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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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Seite 114. P c f c$ u r u rt. Nr. 8. nossen widmet. Tag und Nacht ist er nur damit beschäftigt, die von Schicksal hart Verfolgten aus ihrer 'Not zu befreien. Jeder Bedrängte findet an ihm einen Helfer in der Not, weswegen er auch so hoch in der Ächtung aller, namentlich in der der rnsfifchen Juden steht. Wir haben hier auch ein jüdisch-englisches Wochenblatt mit Namen ..The Jewish Voiee“, redigiert und herausgegeben von Tr. Nabbi M. Spitz. Allerdings ist dieser Rabbi kein Zögling aus dem Seminar in Cincinnati, er hat seine Studien in Ungarn gemacht und versteht den Talmud. Auch der hiesige Rabbiner Tr. Sale ist ein sehr tüchtiger (belehrter und ist Prosenor der hebräischen Sprache an der hiesigen Hochschule. Aber auch er hat seine Studien in Europa gemacht. Tie russischen Juden sind hier noch aus keinen grünen Zweig gekommen. Tie Mehrzahl ernärt sich kümmerlich. Nur eine einzige Synagoge können fie ihr eigen nennen, ihre übrigen Bethäuser sind gemietete Lokale. Ihre zwei Rabbiner besitzen talntudisches Wissen, entbehren aber jedes profanen Wissens. Was dem jüdisch-russischen Nabbi mangelt, besitzt der jüdisch - amerikanische Prediger, was hingegen diesem mangelt, besitzt jener. Wenn man darum diese be den zusammenleimen und sie so aus die Ranzel stellen könnte, daß beim (Gebrauch eines hebräischen oder talmudischen EitateS der Rabbi seinen Mund auslhut und beim Erklären und Ausschmücken der Prediger sich vernehmen lassen kann, würde eine vorzügliche Predigt herauskommen. Vielleicht wird Edison demnächst eingreisen, uns mit einem Apparat versehen, mit dem nian das einseitige Wissen, des Rabbiners und des Predigers gleichzeitig und zusammen anwenden kann, bis dahin aber wird die jüdische Predigt in Amerika nie vom jüdischen (leiste durchdrungen sein." — Ist diese Schilderung wahr — und sie scheint wahr zu sein — so wäre es Pflicht der einflußreichen Männer in Amerika aus Wandel bedacht zu sein. Wir in der Ferne erblicken eine Besiegung oder doch einen Schritt zum Bessern in der W i e derz n lass un g deutscher resp. europäischer Predige r. Tie Lehranstalten für Rabbiner in Europa entlasten alljährlich viele .Kandidaten, die Jahre lang in kümmerlichen „Stellungen" ausharren und oft chre besten Rrüste iu winzigen Gemeinden vergeuden müsten, während sie drüben ein viel besteres, größeres und gedeihlicheres Feld für ihre Thätigkeit finden und unsrer heiligen Sache zum Segen werden könnten. Wir haben Ueberfluß an Geist und Mangel an Geld, während in Amerika das Umgekehrte der Fall ist. Ein Austausch dieser nicht immer und nicht überall gleichwertigen Güter wird unvermeidlich sein, soll das Wort Jellineks in Erfüllung gehen. Anlislimlisiniis uiiii Anarchismus. Antisemitismus und Anarchismus sind Zwillingsbrüder, von denen dieser der bestere, jener der schlimmere ist, weil der Anarchist osten zur Schau trägt, westen man sich bei ihm zu versehen hat, während der Antisemit seine wahren Absichten hinter einem Schwall von Verleumdungen und Verhetzungen verbirgt und nur seine wahren Absichten erst verrät, wenn ihn der Eifer des Gefechts zu einer Unvorsichtigkeit hinreißt. Solcher Aeußerungen sind in der jüngsten Zeit zwei gefallen, die so recht drastisch zeigen, welches die Endziele der judenfeindlichen Bewegung sind. Tie eine derselben siel gelegentlich einer Sitzung des österreichischen Reichsrates, wo der Antisemit Schneider den Ausspruch that, man möge doch vor dem Vermögen der Juden nicht Halt machen, es ihnen einfach fortnehmen und dies „gottverfluchte Volk" totschlagen. Ter andre Ausspnlch deckt sich fast mit dem Schneider'schen, wenn er auch dem 'Munde eines Menschen entfloh, den wir sonst nicht gern ernst nehmen, nämlich demjenigen des komischen „Rektors aller Tentschen". Wir wollen ja keinen berauben, meinte der gemütliche Erfinder der Judenflinten, nur den Juden wollen wir das Geld wegnehmen. Tas klingt so gemütlich, als ob man einen zu einer Partie Skat austordert, und doch enthält der Satz nichts mehr und nichts minder als die Austorderung zu Raub und all den schönen Tingen, welche das allgemeine Landrecht einfach mit Zuchthaus bedroht. Tb das Strafgesetzbuch in Testerreich andre Belohnungen dafür in Aussicht stellt, ist mir leider nicht bekannt. Rommen wir dahin, daß der Begrist des Wortes Eigentum durch die Sprachforscher Ahlwardt und Schneider inhaltlich seine genaue Fixierung erhält, dann ist der Anarchismus fix und fertig. Ter entsprechende Paragraph in der Grammatik würde alsdann aller Wahrscheinlichkeit nach in folgende vier bis fünf Teile zerlegt werden: £ 1. Juden haben kein Eigentum. Ihre Habe werden zu Gunsten des Staates konfisziert. £ 2. Ter A d e l hat kein Eigentum. Seine Besitztümer verfallen dem Staate. (Junker und Juden hat er bereits den Rrieg erklärt.) £ H. Der Bürger hat kein Eigentum. Alles Geld gehört dem Staate. § 4. Ta der Staat ein christlicher sein soll und nur Antisemiten als christlich zu gelten haben, so verfällt das Staatseigentum zu Gunsten der antisemitischen Parteikaste. £ 5. L'Etat c’est moi, daher muß das Gesamt-National- Vermögen an den General-Bevollmächtigten Herrn Ahlwardt bezw. Herrn Schneider überliefert werden. Wenn wir nun zugeben wollen, daß die Verwirklichung dieser Grundsätze wohl noch etwas lange wird auf sich warten lasten, so muß andererseits anerkannt werden, daß das Endresultat der ganzen antisemitischen Hetze sich aus dieses Ziel hinausspielt, das sich von dem Ziele der Anarchisten um kein Jota unterscheidet. Aber auch nach anderen Seiten hin zeigt sich die Verwandtschaft beider Strömungen. Beide werden sie getragen von der großen Sippe derer, die nichts besitzen. Hier wie dort catilinarifche Existenzen, die den politischen Luftzug als Geschäftsgelegenheit ergreifen und oft sogar recht gute Geschäfte machen. Scheinbar trifft dies beim Anarchismus nicht zu, aber auch nur scheinbar, denn wäre das durch das Anklage-Monopol bisher so sorgsam geschützte antisemitische Schoßkind einer engherzigen Zweckmäßigkeitspolitik jemals dem scharfen Lustzuge der Polizei wie der Anarchismus ausgesetzt worden, und umgekehrt, so würde der Anarchismus mit feinen Bestrebungen genau dieselben (Geschäfte machen, wie der Antisemitismus, der längst vom Erdboden verschwunden wäre, wenn ihm die Sonne von „oben" nicht huldvoll lächelte. Tie Anhänger dieser Bestrebungen haben bei einer etwaigen Umwälzung im Staatsleben nur zu gewinnen, aber nichts zu verlieren, es ist daher nur zu natürlich, daß sie mit allen nur denkbaren Mitteln ihrem Ziele zustreben und daß die Nachstrebenden immer noch weiter wollen als ihre Vordermänner. Tas mögen sich daher diejenigen gesagt sein lasten.

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