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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Mö. 8. Jahrgang IV. llgemerne Herausgeber: A. «^evin, Merlin. Merlin, 22. Ieörnar 1895. t Bezugspreis: vierleljährl. 2^MK.''' Erscheint an jedem Arettag. Bezugspreis für das Ausland: Mk. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Redaktion und Vertag: Hr. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Mf., nehmen alle Annoneen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. Inhalt Das Judentum in Amerika. Antisemitismus und Anarchismus. Von I. M. Zum Etat der jüdischen Gemeinde. Von I. Weinberg. Der Verein für jüd. Krankenpflegerinnen. Von H. Michaelis. In Sachen des D. I. L. B. Abgeführt. Dreizehn! Von L. T. Des Vaters Schuld. Von M. Scherbcl. Salomon Mainion. Wochen-Chronik. — Vereinsbote. — Kalender. — Anzeigen. Das Iudrutilin in Amerika. Vor etwa drei Jahren brachten wir hier einen Artikel aus der Feder des unvergeßlichen Dr. Jellinek, der objektiv das jüdisch-amerikanische Leben in der Gegenwart und verheißungsvoll die Zukunst des Judentums in Amerika zeichnete. Eine Wendung in diesem Aufsatze hatte uns ganz besonders bewegt, weil sie klang wie das Wort eines Sehers, der mit gewaltigem Blicke Zeit und Raum durchdringt, mit gleicher Sicherheit schaut in die Zukunft wie in die Vergangenheit und unerschrocken „kündet, was ihm befohlen worden." Es war dies der Satz: „Das Judentum in Europa hat eine große Vergangenheit, das in Amerika eine große Zukunft!" Allgemach hatten auch wir uns diese Ueberzeugung zu eigen gemacht, haben darum einen angemessenen Platz den amerikanisch-jüdischen Verhältnissen eingeräumt und hierdurch die Anerkennung unsrer Leser gewonnen, die, wie wir, ein reges Interesse zeigen für alles, was drüben vorgeht. Allein in letzter Zeit hat die Zuversicht, mit der wir die Entwickelung des Judentums in Amerika anzusehen gewöhnt waren, einen starken Stoß erlitten, und das in erster Reihe durch die bekannte Rede des Advokaten L e v y auf dem Konvent in New - Orleans, (cfr. Nr. 1. d. Bl.) Mag immer ein Teil dieser Rede auf das Temperament des Redners zurückzuführen sein, — das ganze Intermezzo beweist jedem Fernstehenden, der sehen kann nnd sehen will, daß manches faul ist im Staate der Dollars. — Ebensowenig rosig ist in einem Punkte die Schilderung amerikanisch-jüdischen Gemeindelebens, die ein Herr W. Schur in einem jüd. Fachblatte in Wien giebt. Der Korrespondent beschäftigt sich zunächst mit der Gemeinde, richtiger: den Gemeinden in St. Louis: „Die Stadt St. Louis zählt über 600 000 Einwohuer, worunter sich ungefähr 40 000 jüdische befinden, welche beinahe zu gleichen Hälften aus russischen und deutschen Juden bestehen. Die letztgenannten, welche sich viel früher als die ersteren hier angesiedelt halten und mit reicheren Mitteln und Kenntnissen den Kampf ums Dasein aufnahmen, haben -es nicht nur zur Wohlhabenheit, sondern viele unter ihnen sogar zu Vermögen, welche in die Hunderttausende zählen, gebracht," — und geht dann auf den eigentlichen Gegenstand seiner Korrespondenz über: auf die Rabbiner. „Die deutschen Juden bilden hier vier Gemeinden, welche eine jede von ihnen ihren besonderen Tempel und Rabbiner, oder richtiger gesagt, Prediger hat. Sie sind reformiert bis zur Unkenntlichkeit der wahren Form des Judentums. Gerade der jüngste unter den hiesigen Predigern bekommt das größte Salair, und zwar die Kleinigkeit von 6000, sage sechstausend Dollar jährlich! Seine Nebeneinkünfte belaufen sich auch auf eine nicht zu verachtende Summe von zwei bis dreitausend Dollars jährlich. Es giebt aber viele jüdische Prediger, die noch viel größeres Salair bekommen. Der jüdische Prediger hat dreimal wöchentlich eine sogenannte Lecture (Vorlesung) zu halten, und zwar am Freitag Abend, Samstag und Sonntag morgens. Der Leser muß sich diese Uectnre nicht als eine Vorlesung irgend eines Universitäts-Professors, voll kernigen Wissens, vorstellcn; die Lecture des amerikanisch-jüdischen Predigers ist nichts als ein Schwall von schönen englischen Phrasen, gespickt mit einigen Citaten aus den englischen und amerikanischen Dichtern und Freidenkern, sonst aber ist sie wässerig wie der Mississippi selbst. Ein Citat aus dem reichen, klarsprudelnden, erquickenden Born der Talmudim und Midraschim bringt der Prediger nie, sind doch Talmud und Midrasch in Amerika nicht nur höchst unmodern, sondern selbst auch für die Prediger eine Derra incognita. Außer diesen Vorlesungen hat der Prediger absolut nichts zu thun. Die amerikanischen Juden ziehen die Zöglinge des Cincinnatier Seminars allen andern Predigern vor, weil jene ganz amerikanisch gedrillt sind, d. h. das Hauptgewicht wird auf die Zungenfertigkeit in der englischen Sprache (hier zu Lande „Rhetorik" genannt) gelegt, alles andere ist Nebensache. Außerdem sind die gedachten Zöglinge wahre Galanthommes, welche in der Galanterie Bedeutendes zu leisten im Stande sind, was in Amerika nicht genug hoch nnzuschlagen ist. In der neuen Welt entscheidet das schöne Geschlecht über das Los eines kanzelsuchenden Predigers. Versteht er dessen Gunst zu gewinnen, wird er angestcllt, wo nicht, so muß er weiter ziehen. Freilich giebt es unter den jüdischen Predigern in Amerika auch rühmliche Ausnahmen, diese aber haben ihre Studien in Europa gemacht. Auch nicht alle Prediger geben sich dem dolce far niente hin. So haben wir hier Dr. Messing, Rabbi of the „United Hebrew Congregation“, der seine ganze -verfügbare Zeit seinen armen GlaubenSae-

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