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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-15 · 7 (15.2.1895) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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Seite 106. 9efc$uru«. Nr. 7. Turnunterricht mit dem nie rastenden spanischen Nohr eines Hauslehrers! Vergebens blättere ich zurück und blättere ängstlich und suche mit spähendem Auge in dem Kalender meiner Kindheit, da finde ich keinen Tag, der angestrichen wäre mit dem Not eines festtags; da ist keine Stunde, die bezeichnet wäre mit irgendeiner winzigen Freude, da ist keine Minute, die überdeckt wäre mit dem dünnsten Goldschlägerblüttchen eines kindlichfrohen Augenblickes! Wenn ich in einsamen Stunden aus- und abschreite und herumwandlc in den "Ruinen meiner frühesten Lebenslage, da begegnet mir nur eine traurige weibliche (Gestalt mit niedergedrücktem Gang, mit blassblauen, in Thränen geübten Augen, mit leidenden, in Duldung ergebenen Zügen, gebückten Hauptes, kränklich und willenlos, mild und in Resignation ausgelöst, und diese (Gestalt fuhr mit seuchtkalten, fleischlosen, zarten und weißen Händen über die brennenden, von Thränen überschwännnten Wangen, und sagte nichts, als fast tonlos mit sterbender Stimme: „Sei still, Moritz, es wird schon wieder gut werden!" Diese (Gestalt war meine Muter! Ach, sie hatte ein Herz voll Liebe, voll inniger, herzlicher Vielte für alle, alle Menschen, und auch für ihre Peiniger, und nun gar für ihre Kinder! Aber dieses Herz war gebrochen, in allen Adern grausam, höhnisch zerrissen, an seinen zartesten Fäden zerrissen, und als ich eines Morgens erwachte, trugen sie einen schwarzen Kasten h nanS, und ich sah die liebliche, leidende, zärtliche (Gestalt nicht u'ieder, und keine zarte Hand fuhr mehr über meine thränennassen Wangen, und kein süßer l'aiit sprach mehr! „Sei still, Moritz!" Ich hatte keine Mutter mehr, ich sah stc nicht wieder! Aber doch, doch! Ich sah sie wieder! Dreißig Jahre später! Man wird lächeln! Und doch! Und doch! Noch steht ein Samstag vor mir, ich sollte große Prüfung aus dem Talmud machen! Die Rabbinen des Drtes waren eingeladen! Es ging alles vortrefflich! Die Rabbinen waren außer sich über meine Kapazität und provhezeihten, ich werde ein großer Rabbiner werden! Mein Vater hatte den großen philosophischen Grundsatz: „Man muß den Kindern nie zeigen, daß man sie lieb hat!" ein Grundsatz, der hie und da noch gang und gäbe ist, und wie ein Gisthauch über die zarte Pflanzung der kindlichen Liebe im Herzen des Kindes hinfährt! Ick war auf eine Belohnung gefaßt und weinte bitterlich. Da kam die blaffe Gestalt, die Veidensfrau, meine Mutter, mit einem kleinen seidenen Tüchlein in der Hand und fuhr mir mit den zarten weißen Händen über das Antlitz und trocknete meine Thränen und sagte: „Sei still, Moritz, es wird schon wieder gut werde»!" und knüpfte mir das seidene Tüchlein um und weinte selbst still dabei. Nach dreißig Jahren lag ich in München am Nervenfieber darnieder. Meine Kollegen, die Journalisten, hatten schon meinen Tod verkündet. Das Hirn glühte in meinem Kopfe, mein Blut floß wie Vava durch die Adern, es häm inerte an meinen Gehiruwänden, die Denkkraft flatterte wie ein voni Sturm zersetzter Wimpel auf meinem Gedankenichiste hin und her, und meine Pulse schlugen wie die Planken eines lecken Fahrzeugs auf erzürnten Wellen. Es war Nackt und öde Stille 'um mich herum, da öffnete sich die Zimmer thüre und hereintrat oder schwebte vielmehr eine traurige weibliche Gestalt mit blaßblauen, in Thränen geübten Augen, mit leidenden Zügen, es war meine Mutter! In der Hand hatte sie dasselbe seidene Tüchlein, und sie nahcte sich meinem Bette und fuhr mit den zarten weißen .Händen über mein glühendes Antlitz, und sie band mir das seidene Tüchlein um den Hals und neigte sich nieder und stüsterte: „Sei still, Moritz, es wird schon wieder gut werden!" Und ein Kuß hauchte meine Stirne an, und sie verschwand! War's ein Traums Ein Fieberbild? War's mehr? Ich will es nicht entscheiden. Aber ich fühlte mich innerlich genesen von diesem wundersamen Augenblicke an, und eine Beruhigung, die an Zuversicht grenzte, ging durch mein Wesen, und die Ueberzeugung, daß ich genesen werde, erfüllte mich unerschütterlich. Am andern Morgen kam ein vortrefflicher Arzt, der unschätzbare Herr Medizinalrat von Koch, fühlte mir den Puls, sah mich an und sprach in seiner liebenswürdigen Weise: „Ei, schämen Sie sich, ist das ein Puls für einen Fieberkranken?" Und von derselben Stunde an war die Krankheit gehoben. Es ist höchst wunderbar, wie lange oft gewisic Momente und Szenen aus unseren Kinderjahren vergessen liegen in uns und bei einer unvermuteten Veranlassung plötzlich wie aus den Druck einer geheimen Springseder herausspringen und vor uns osten dalicgen! Wie leicht aufgeritzt ist das Neich der frühesten Erinnerungen! Ach, darum kann der Mensch gar nicht wisten, welch ein Heiligtum, welch eine heilige, göttliche, wundersame Mythe und Ueberlieserung die Kindheit ist! Darum soll der Mensch dastehen vor jedem Kinde wie vor einem Zauberschrcine, in dessen Gesteine und Geschnitze göttliche Offenbarungen liegen, aus besten Innern eine uns unvekannte, bedeutsame, göttliche Musik ertönt, und der Lchlüstel zu diesem Zaubcrschreine ist Liebe, nichts als Liebe! Ach, bedenkt ihr alle, die ihr auf der Klaviatur des Kinderlebens und auf der Tastatur der Kinderherzen herumfahrt, bedenkt, daß die Töne, die ihr jetzt anschlagt, in diesen Herzen fortvibrieren bis ins späte Alter, und daß jeder falsche Ton, jede harte "Note einst heraussteigen wird als ein Wesen für sich und von euch Rechenschaft fordern wird für jeden falschen Oh'iff, sür jede gerissene Saite, für jedes Wischen und Schleifen ans dem Forte und Piano des jugendlichen Herzens! Die Eltern denken nur daran, wie sie jetzt den Kindern erscheinen, und sirasen sie jetzt und liebkosen sic später, und verwunden das zarte Herzchen in diesem Augenblicke und verbinden es im nächsten Augenblicke wieder mit der Wundsalbc von Zärtlichkeit und mit dem Giftpftaster von (beschenken und Spielereien: allein sie vergessen, daß die Einschnitte und Ver letzuugen, die man dem jungen Herzchen macht, tief gehen und tief bleiben, und das Giftpflaster und die Wundsalbe nur auf der Sberfläcke bleiben, und in später» Jahren, da zählt das erwachsene Herz seine "Narben, und cs erinnert sich nur der Wunden nnd dcs Schmerzes und des Instrumentes, das ne machte, aber nickt auch der kühlenden Salbe und des abgefallenen Verbandes! Die Eltern müsten die Kinder nicht so behandeln, daß sie dieselben blos jetzt als Kinder lieben nnd ehren, denn ein .Kind liebt leicht und schnell alles, was ihm mit Liebe entgegenkonunt, — nein, sie müsten sie mit solcher Liebe lieben und umgeben und großziehen, daß diese rstcbe als ein Einziges, Unversehrtes, an und für sich Bestehendes mit hinübergehe in das Gedächtnis des kindlichen Herzens bis in ihr

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