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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-15 · 7 (15.2.1895) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7. I e s <H 11 r ir ri. Seite 105. Wenn man unter sich war, sprach man bereits davon. Tann offenbarte auch Eduard feine Meinung dahin, daß die Möglichkeit nicht ausgeschlossen fei, daß der alte Reinfeld, wiewohl er auch sonst ein sehr hochfahrender Mann sei, schließlich doch dem Glücke seines Sohnes nicht in den Weg treten werde, warnte indes doch vor einer festen Annahme dieses Falles. Was indes Ludwig selbst betraf, so hatte er ihn von der trefflichsten Seite kennen gelernt und glaubte, ihm mit vollstem Vertrauen die Zukunft feiner Schwester in die Hände geben zu können. So lagen die Sachen, als sich die beiden Studenten zur Rückkehr nach Berlin rüsteten. Ludwig hatte in der letzten Besprechung mit dem alten Ulrich von diesem die Erlaubnis zu einem schriftlichen Verkehr mit Emilie sich erbeten und auch erhalten. Mit dieser selbst hatte er bereits früher darüber geredet, doch nur zögernd das Zugeständnis dafür gefunden. Ludwig Reinfeld war wieder in Berlin, aber er hatte den Frieden seines Herzens in L. zurückgelassen. Wie man dort über das Verhältnis zwischen ihm und Emilie dachte, mit welchen Möglichkeiten man dabei rechnete, haben wir bereits angegeben. Tie Stimmung war jedenfalls keine hoffnungslosc, weil man ein absolut störendes Moment in feiner Berechnung nicht zu erkennen vermeinte. Rur Ludwig allein fühlte in sich den vorhandenen Funken, der später, zum verderblichen Blitz entwickelt, sein Lebensglück und mit ihm den Frieden zweier Familien zu zerschmettern berufen sein werde. Wenn es sich blos um Rang und gesellschaftliche Stellung gehandelt, die seine Familie von der Emiliens trennte, so wußte er zwar, daß sein Vater zum Nachgeben gebracht worden wäre; er, der Vater, liebte ihn zu sehr, als daß er ihm dieses Qpfer uicht gebracht hätte. Allein eine andere wehrende Macht tauchte finster und wie ihn höhnend vor ihm auf, eine Macht, die von menschlicher Kraft unbezwingbar, ihn den Besitz Emiliens streitig machte. Es war der Unterschied der Religion, der zwischen ihnen lag. War ihm selbst Religion nur ein leerer Begriff, da er niemals etwas näheres über ihre Bedeutung und Ziele erfahren, so war doch das moralische Prinzip in ihm ein so ausgeprägtes, daß er sich schon durch das bloße, gegebene Wort zu einer Verpflichtung daran in einer Weise gebunden fühlte, die ihm eine willkürliche Lösung davon wie ein Treubruch erscheinen ließ, vordem ihn schauderte. Sonst aber noch würde der alte Ulrich, wir ihn kennen gelernt, nie und nimmer sich dazu verstehen, seine Tochter einem Christen zur Frau zu geben, wenn dieser auch die höchste Stellung im Lande einnehmen würde, j Das war der drückende Alp, der die Brust des armen uugen Mannes beschwerte, und den er von der letzten Ferienreise heimgebracht hatte. Er trug dieses unglückliche, ihn Tag und Nacht quälende Bewußtsein als ein verschlossenes Geheimnis mit sich herum. Selbst Eduard, der Freund, vordem er sonst sein ganzes Innere zu erschließen pflegte, sollte einstweilen nichts davon erfahren. Allein kein Mensch ist wohl im Stande, zu verhiuderu, daß ein Seelenkamps, wie er hier stattfand, uicht auch seine Wirkung nach auswärts hin trage. Das ganze Wesen Ludwigs schien eine Veränderung erlitten zu haben. Tie Erkenntnis hiervon trat zuerst in dem elterlichen Hanfe zu Tage. Dian fand ihn in sich gekehrt, schweigsam, übellaunig; er, der früher im Staude war, ganze Gesellschaften stundenlang in heiterster Stimmung zu erhalten. Für Eduard war dieser Temperamentwechsel bei dem Freunde weniger rätselhaft; er kannte die Vorgänge in dessen Seele, er kannte seine Beziehung zu Emilie. Nichtsdestoweniger war ihm doch der dabei vorherrschende Trübsinn unerklärlich. Sollte Ludwig die Einwilligung seines Vaters zu dem von ihm geschlossenen Herzensbündnis für so aussichtslos halten, daß er darüber den Kopf hängen ließ? Das war nicht anzunehmen, denn abgesehen davon, daß Eduard die Liebe wohl kannte, eie der alte Reinfeld für seinen Sohn bewahrte, war dieser selbst energischer Natur. (Fortsetzung folgt.) Aus meinem (dien. Von M. G. Saphir. II. Wie süß ist die Erinnerung an die Kindheit! Wie lieblich ist der Gedanke an die Jugendjahre! Kindheit! Maimorgen-Tämmerung des Daseins! Jugend! Frühlings-Sonnenaufgang des langen Lebentztages! Kindheit, Jugend! reizende, süße Vignette und Titelblatt des Menschenbuches, leichtgeschürzte, flüchtige Vorläufer und Blumenstreuer vor dem schweren Gespann des nachrollenden Alters; selig, wer mit entzückender Erinnerung von euch reden kann; selig der, dem ihr im Gedächtnis dasteht, reichgeschmückt und lichtumflossen, und ihm die Arme öffnet jeglichen Augenblick, wenn er im Lebensstrome aufwärts schwimmt zur Quelle der Jugend! Dreimal selig der, dessen Erinnerung sich das Gedächtnis an Kindheit und Jugend zurückgelegt hat als ^Notpfennig für die alten Tage, der die goldnen Schau- und Krönungsmünzen, welche die tanzende Jugend auf seinen Weg gestreut, in der Erinnerung eingesammelt hat, um in später Zeit von den einzelnen Stücken ganze Jahre zu vergolden! Ich, ich hatte keine Kindheit! Ich hatte keine Jugend! Diese zwei goldnen Einleitungsblätter fehlen in meinem Lebensbuche! Die Kindheit, dieser farbige, buntgemalte Anfangsbuchstabe, ist weggerissen von der langen Zeile meines Daseins! Ich hatte keine Kindheit, keine Jugend! Nicht Gängelband und nicht Rollwägelchen lehrten mich gehen, sondern ich schlug mir so lauge die 'Nase blutig, bis ich gehen konnte! Ich hatte keinen Namenstag und keinen Geburtstag! Ich hatte kein Spielzeug und keinen Spielgefährten! Ich hatte nie Ferien und wurde nie spazieren geführt! Mir wurde nie eine Freude gemacht, ich erhielt nie eine Belohnung, ich wurde nie mit irgendeinem Sächelchen überrascht, ich erfuhr nie eine Liebkosung! Kein schmeichelnder Ton führte mich zum Schlummer und kein freundlicher Laut rief mich zum Erwachen! Die zwei leuchtenden Augen des Lebens: Kindheit und Jugend hat mein Schicksal mit einem schwarzen Pflaster bedeckt! Sie eristierlen uicht für mich mit ihrem Licht mW mit ihren Strahlen, nur mit ihrem Brennen und Stechen und tiefen Weh! Das Flügelkleid des Lebens war für mich eine Zwangsjacke! Ich wurde gefüttert mit Drangsal, großgezogen mit Schlägen, gebadet in ewigen Drohungen, unterrichtet in Entbehrungen, ich bekam Schwimm-Lektiouen in Thräuen mw

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