Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Aefchrrvrrn. Seite 103. beleidigt, daß ich gerade wegen dieser Kleinigkeit seit acht Tagen mit Briefen und Telegrammen aus allen Weltgegenden überschüttet werde, als ob ich zum ersten Male vor die Oeffentlichkeit träte. Aus Kassel, Frankfurt, Göttingen, Berlin, Paris und London sind mir solche Gratulationen zugegangen. Berthold Auerbach, mit dem ich seit Jahren korrespondiere, schreibt mir: „Ich muß Ihnen sagen, wie ungemein Ihre Erzählungen von der Tante Guttraud mich angemutet hat. Das ist tief innig, plastisch und in reinem künstlerischen Wohlbedacht vorgetragen" rc. Das letztere beweist uns, wie sehr Mosenthal es verstanden hat, die Gemütsseite des Publikums zu faffen. — Nach wohl kaum zweitägigem Unwohlsein raffte ihn der Tod auf seinem Landhause zu Pötzleinsdorf bei Wien dahin. Er starb in den Armen eines Dieners, denn seine Frau war ihm im jugendlichen Alter vorangegangen und seitdem lebte er einsam. Er besaß — sagt einer seiner Biographen — die gleichmäßige Stimmung und die ruhigen Gefühle, die solches Alleinsein leichter ertragen lassen. Zufrieden, daß ihn abends ein Kreis von Freunden oder eine bekannte Familie ansprachen, ohne jene tiefe Innerlichkeit, die einem eigenen Herd unumgänglich notwendig ist, lebte er scheinbar ganz vergnügt und war als angenehmer Gesellschafter überall gern gesehen. Erst aus seinem Testamente hat man erfahren, daß es in seinem Herzen eine Stelle gab, wo ein wehmütiges Erinnern an begrabenes Glück fortlebte. Es war jedenfalls nicht mächtig genug, um einen Schleier über sein Leben auszubreiten, und sein volles, blühendes Gesicht trug nicht die leiseste Spur stillen Seelenleidens. Eine gedrungene, behäbige Gestalt mit rotem Bart und roten Backen, ein Bild der Gesundheit und Frische, der zufriedensten Weltanschauung: so wird uns sein Aeußeres geschildert. Nicht weniger als zehn Orden schmückten seine Brust, und er war darüber so froh, wie die meisten Poeten, die Orden sammeln, wie andere Leute Käser und Mineralien. „Trotz dieser kleinen Schwäche war Mosenthal ein Ehrenmann und auf seinem Namen ruht kein Makel — schade, daß er so früh gestorben ist" — sagt Karl v. Thaler. Was Mosenthal bedeutend machte, sind seine Dramen und besonders das Volksstück. In seiner langen Laufbahn als dramatischer Dichter hat er nur eine einzige vollständige Niederlage erlebt, als er anfangs der siebziger Jahre den „Konrad Vorlaus" im Stadttheater verwegen aufführen ließ. Es läßt sich allerdings nicht verkennen, daß in seinen sämtlichen gesammelten Gedichten (1866 ersch.) die Goldkörner spärlich zu finden sind, und daß von den lyrischen Gedichten ihn keins zu überleben verdiente. Glatte Verse, schöne Sprache, die oft in blumen- und bilderreichen Pathos übergeht, wahre Empfindungsgabe für dramatische Verwandlungen, richtiges Verständnis für Bühnenwirkung; das gilt von Mosenthal als Dramatiker. Seine Stücke - ohne für die Unsterblichkeit geschrieben zu sein — waren seit Jahren eine willkommene Stütze des deutschen Nepertoirs, und es befindet sich fast kein einziges darunter, dem nicht einzelne Schönheiten nachzurühmen wären. Seinen ersten und größten Erfolg errang M., wie bekannt, mit der „Deborah" (1849) — erschien 1876 in 5. Auflage - nach welchem feine späteren Dramen bei der Bühne rasch Aufnahme fanden. Im Sommer 1864 wurde-dasselbe im Burgtheater in Wien zur Aufführung gebracht, nachdem es die Runde über alle Bühnen Deutschlands und des Auslandes gemacht. Der ungeheure Erfolg der „Deborah" wies den Dichter darauf hin. daß in dem Volksstück feine eigentliche Größe bestehe; das Glück blieb ihm daher auch bei seinem zweiten und dritten Versuche in dieser Richtung treu, dem „Sonnwendhof" (1857) und dem „Schulz von Altenbüren" (1868). Im erfteren herrscht echtes Volksleben; im letzteren „dem Schulz" hat Mosenthal etwas fertig gebracht, was ihm sonst nie gelingen wollte: Einen Mann von schroffem Charakter. Während sonst die Männer die schwachen Seiten seiner Dramen bilden, da sie all an einem verschwommenen, weichlichen Wesen leiden, und wir ihn mit der Schilderung der weiblichen Natur vertrauter als mit der männlichen finden, ist in dem „Schulz" diese Wahrnehmung nicht zu machen. Es ist auch gewiß kein Zufall, daß die meisten Stücke Mosenthals einen weiblichen Namen als Titel tragen; im Mittelpunkt der Handlung steht gewöhnlich bei ihm die Frau, ähnlich seinem Muster, dem Lieblingsdichter der Nation — Schiller, — der ihm als Ideal vorfchwebte, der doch allgemein als „Dichter der Frauen" bezeichnet wird. Schon die Jugendarbeit M.'s „Cäcilie von Albano" (1851) war getreu nach dem bezeichneten Muster Schillers zugeschnitten. Seine besten Dramen nebst dem Volksstücke schuf der Dichter, wenn er sich literarische Helden wählte, wie in den „Deutschen Komödianten" (1863) und im „Deutschen Dichterleben", in dem erfteren Stücke, dem einzigen, zu welchem der Dichter ernsthafte Studien machte, liegt ein Stück Kulturgeschichte; der Erfolg bei der Aufführung war allerdings nicht ein entsprechender. Das letztere Drama behandelt das bekannte Verhältnis des Dichters Bürger zu Molly — gewiß ein bedenklicher Stoff für die Bühne, den Mosenthal jedoch mit großem Geschick und so gewandt zu behandeln verstand, daß der Zuschauer bei aller Teilnahme für die unglückliche Dora ganz zufrieden ist, da sie am Schluffe stirbt und die Hände der beiden Liebenden segnend in einander legt. Jedoch auch auf dem Gebiete des Lustspiels und Sittenbildes nach neuestem Muster begegnen wir dem rührigen und vielseitigen Dichter. Von der „Sirene", die 1875, also zwei Jahre vor seinem Tode erschien, sagt die Kritik, daß sie nicht lustig genug sei, und die Figur trage unverkennbar den Stempel der Rachsucht gegen die Wiener Kritiker. Vielleicht finden wir die Ursache hierfür in deni Schmerz und Aerger, welche ihm — der doch eigentlich auf freundliche Anerkennung Anspruch gehabt hätte — von jener bereitet wurde, sprach er sich doch oft und bitter bei seinen Freunden darüber aus, daß es in Wien Sitte geworden sei, den Verfasser eines Stückes wie einen Verbrecher zu behandeln und „ein unendlich verschiedenes Maß anzulegen, je nachdem ein dramatisches Werk auf der Hofbühne oder in der Vorstadt zur Aufführung komme. Während an den Vorstadtbühnen bei den unbedeutendsten Stücken die Verfasser nicht durch die Spieße gejagt wurden, ließe die Kritik an den Poeten, deren Dramen im Burgtheater gegeben würden, gewöhnlich kein.gutes Haar; unbarmherzig, unerbittlich zerstampfte sie Stück und Autor, damit das Publikum lache." Auch als Tragödiendichter haben wir Mosenthals zu gedenken, wenngleich es ihm hierfür an der erforderlichen gewaltigen "Natur und den starken Leidenschaften mangelte. Daher konnte sich auch nur die einzige Tragödie „Pietra" — 1865 erschienen — länger auf dem Repertoire behaupten, da sie die beste und kräftigste unter denselben ist. Es seien hier noch genannt „Düweke" (1860) und „Jsabella Orsini"