Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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I Nr. 7. e f cfy u *■ u n. Seile 101. nichts angewandt wurde; mag man ihr zeigen, wie die Entfernung vom Gottesgeist Zeiten Jerobeams und Sinais hervorruft, wie aber um so leuchtender durch dies dunkele Gemälde der Faden prophetischen Wirkens sich durchzieht, wie der Gottesgeist Israel zur Veredelung treibt, ob auch die Meuschen dem Gotteswillen zu widerstreben scheinen. Das ist Geschichte, das ist aber auch Religion, es bringt zum Selbstbewußtsein, zum Vertrauen auf die Ewigkeit unserer Lehre, zur Erkenntnis, daß bei der Ueberschätzung irdischer Ziele Israels trotz äußeren Glanzes und ungeschlachter Heldengröße nichts war, während bei der Liebe zum Geistesgut der Thora es selbst im Elende seiner Bestimmung nachkam. Und diese Bestimmung heißt: Erhaltung und Schätzung dieses Gottesbuches, der Bibel, für die Menschheit! Diesem Grundgedanken dienen alle Gestalten und Erzählungen der Bibel; bei aller Beschränkung und Auswahl darf der Lehrer dieseu Zweck nicht aus den Augen verlieren, oder er erzieht keine Juden. Außer der pädagogischen Begabung gehört dazu Liebe für den Gegenstand, keine Voreingenommenheit, kein Hereintragen eines fremden Maßstabes in dies gestaltenreiche, formengewaltige und gottdurchtränkte Buch, worin nicht ein Buchstabe dem hohen Gotteszwecke widerspricht: Dann wird die Bibel auf die Jugend wirken, wie sie es bisher auf die Völker überhaupt gethan und wie mit ihrer Uebersetzung und höheren Schätzung stets ein neues Zeitalter für die Menscheit begann. Vergleiche Alexandrin, Luther, Mendelssohn. Kam das von ungefähr? Ist nun der Jugend das Beste grade gut genug, so hat sie an diesem Geiste teilzunehmen; der Lehrer hat sich in das große Ganze der Bibel zu vertiefen, sie als ein Ganzes zu begreifen, und bevor er diesen Zusammenhang (etwa im Herderschen Sinne) erfaßt hat, wird er nicht einer einzigen Erzählung vollkommen gerecht werden. Ich bin jederzeit bereit, mich im einzelnen über die Behandlungsart dieses Gegenstandes zu äußern, wie ich ihn mir denke und wie ich selbst ihn wirksam zu machen mich bemühe. Gern lasse ich mich fernerhin au dieses von mir gegebene Wort mahnen. Da wird sich inbezug auf den Plan, die Verteilung, die notwendige Beschränkung des Stoffes vielleicht eine Uebereinstiunnung erzielen lassen. Der allgemeine Grundsatz dabei, den auch Herr Abraham gewiß von jeher gern unterschrieben hat und der uns mit allen Mitstrebenden vereint, heißt: „Unbedingte Verehrung der Bibel als eines Gottesbuches vom Anfang bis znm Ende." lDas Wort hat Herr Lehrer Abraham-Kettwig, dem wir im Aufträge vieler Leser, darunter auch Laien, danken dafür, daß er eine so eminent wichtige Frage hier „angeschnitten" hat. Red.). Piiirtf als flcrtriiiiijcr des ~ ' ‘. Aus dem Nachlaß des Oberrabbiners Dr. Iellinek u"‘. Als hätte der Talmud es geahnt, daß eine Zeit kommen würde, in welcher Eiseiunenger und seine Abschreiber ihn verspotten und lächerlich machen würden, schrieb er, daß man die Hagada oder den allegorischen und poetischen Teil desselben nicht plumpen Geistern mitteilen soll, da sie mit ihren rauhen Fäusten den zarten Blütenstaub, der die edlen Pflanzen der Hogada bedeckt, wegwischen und diese verunstalten würden. Ja, die Hagada gleicht einem lieblichen, duftenden Blumenbeete, in welches man nicht mit täppischer Hand hineingreifen darf, um sich mit den farbenreichen Blüten und Blättern zu freuen. Abraham Jbn Esra, einer der geistvollsten Schriftsteller im zwölften Jahrhundert, verglich einen Teil des Talmud, der unter dem Namen Hagada bekannt ist, mit einem feinen, dünnen Seidenstoffe, den man nicht etwa wie Sackleinwand berühren und gebrauchen dürfe. Und in der That, wie roh und rauh wurden die feinsten und schönsten Allegorien von bornierten Spöttern behandelt! Ohne poetischen Sinn und ohne Esprit versahen üe die hagadischen Dichtunden mit einer unbeholfenen Jnterlinear- Uebersetzung und riefen dann mit der kreischenden Stimme boshafter und zanksüchtiger Weiber aus: Seht, das ist die Weisheit der Juden, das ist der Talmud! Wohlan denn! Wir wollen Eisenmenger's „Entdecktes Judentum" aufschlagen und dann den italienischen Dichterfürsten citierten, damit er als Anwalt und Verteidiger der Hagada auftrete und sie nicht blos gegen den Spott ihrer plumpen Gegner in Schutz nehme, sondern ihr ein Blättchen aus jenem Lorbeerkranz schenke, der sein Haupt ruhmvoll schmückt. Der Talmud erzählt nämlich folgende Geschichte: R. Elieser, Sohn des Hprkanos hatte bereits die zwanzig Jahre hinter sich, als er anfing die Elemente der Religionswissenschaft zu studieren. Was ihm an frischer, jugendlicher Empfänglichleit fehlte, das ersetzte er durch bewundernswerten Fleiß und unermüdlichen Eifer. Allein er entbehrte sein ganzes Leben der geistigen Zeugungskraft und zeichnete sich mehr durch starres Festhalten an den überlieferten Lehrsätzen aus, so daß man ihn „eine verkalkte Cisterne" nannte, „die keinen Tropfen Wasser verliert". Einst hatte er, der Mann der starken Tradition, viele Religionsgesetze vorgetragen, die von den Weisen nicht gut geheißen wurden. Um seine Autorität zu bestärken, nahm er zu Wundern seine Zuflucht. Dieser Baum möge für mich zeugen, rief er aus, und der Baum entfernte sich von seinem Standorte. Als dieser Beweis für seine Aussagen nicht fruchtete, rief er das Wasser an, und dieses ströutte rückwärts. Auch dieses Wunder blieb wirkungslos und, siehe da, eine Himmelsstimme ries auS: Es werde nach der Ueberlieferung Elieser's entschieden. Da sprach R. Josua, der Schüler des R. Jochanan den Sakkai, der ein Jünger Hillels war: Die Thora ist nicht im Himmel; im Judentum entscheidet die Mehrheit der Weisen und nicht eine übernatürliche Stinune aus den Höhen. Hierauf traf ein Lehrer den Propheten Elia und auf seine Frage: was Gott wohl jetzt mache? antwortete der Prophet: Er lächelt und freut sich unb spricht: „Meine Kinder haben mich besiegt!" - Der plumpe Eisenmenger, der in der Uebertragung dieser talmudischen Allegorie sich eines Sprachschnitzers*) schuldig *) Das Wort chajecli, er lachte, übersetzt dieser Professor: Ich schwöre dir bei deinem Leben, als hieße es Chajecha! f\ X\ 10